Zeitung Heute : Der Ton macht die Verständigung

Axel Vornbäumen

Israelische Abgeordnete protestieren dagegen, dass Bundespräsident Köhler vor der Knesset deutsch spricht. Die deutsche Sprache sei durch die Nazis diskreditiert. Wäre es denkbar, dass Köhler seine Rede tatsächlich auf Englisch hält?

Wie war das damals, vor knapp fünf Jahren? Sichtlich bewegt war der Bundespräsident vor sein Auditorium getreten, spürbar in dem Bewusstsein, einen historischen Moment zu gestalten.

„Herr Staatspräsident, Herr Vorsitzender, meine Damen und Herren“, begann Johannes Rau am 16.Februar 2000 in der Knesset, „ich weiß, was es für manchen von Ihnen bedeutet, in diesem hohen Hause heute die deutsche Sprache zu hören. Ihre Entscheidung, mich einzuladen, erfüllt mich mit Dankbarkeit. Ich empfinde sie als Zeichen des Willens, Geschichte niemals zu verdrängen, und des Mutes, die Schreckenslähmung dieser Geschichte dennoch zu überwinden.“

Angespannte Stille herrschte in jenen Momenten im israelischen Parlament. Doch nach reichlich einer Stunde war klar: Rau, ein erklärter Freund Israels, hatte durchweg den richtigen Ton getroffen. Sein sensibler Auftritt gilt mittlerweile als Meilenstein der Versöhnung auf dem dornigen Weg, den Deutsche und Israelis zu bewältigen haben. Rau selbst hat seinen Knesset-Auftritt oft als „Höhepunkt“ seiner fünfjährigen Amtszeit bezeichnet.

Und doch blieb seinerzeit etwa ein Drittel der Abgeordneten der Rede fern, viele nicht willens, manche nicht in der Lage, die deutsche Sprache in den Räumen des israelischen Parlaments zu akzeptieren.

Nun, fünf Jahre später, droht Horst Köhler ein ähnliches Schicksal. Knapp zwei Wochen vor seiner ersten Israelreise als Bundespräsident, auf der er aus Anlass des 40.Jahrestags der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und Deutschland ebenfalls vor der Knesset reden wird, ist die Debatte darüber entbrannt, ob Köhler dies aus Pietätsgründen nicht besser auf Englisch tun sollte.

Schon gibt es erste Boykottaufrufe. Gesundheitsminister Dani Naveh sagte: „Solange noch Holocaust-Überlebende unter uns leben, sollte die deutsche Sprache nicht im Parlament gesprochen werden.“ Und Hemi Doron, Vizepräsident der Knesset, will sogar die Absage der Veranstaltung beantragen: „Ich kann es nicht ertragen, diese Sprache im Abgeordnetenhaus des jüdischen Volkes zu hören.“

Doch zu mehr als zu Protokollnotizen, die belegen, wie schwierig das deutsch-israelische Verhältnis auch 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs noch ist, werden diese Stimmen nicht taugen. Es gilt als diplomatischer Komment, dass die vom israelischen Parlamentspräsidenten ausgesprochene Einladung nicht mehr verändert wird. Nicht zuletzt deshalb schweigt das Bundespräsidialamt vernehmlich, und auch, weil man nicht als Partei in einer Debatte auftauchen will, die durch Raus Auftritt vor der Knesset eigentlich erledigt zu sein schien.

So hat sich die Diskussion vorerst ins politische Feuilleton verlagert. Von dort erhält Köhler Rückendeckung, vor der Knesset in seiner Muttersprache zu reden. „Betrüblich“, „beschämend und letztlich unbegreiflich“, wettert der Literaturkritiker und Holocaust-Überlebende Marcel Reich-Ranicki, sei die Boykottdrohung. Die Behauptung, die deutsche Sprache würde das Andenken der Holocaust-Opfer schänden, sei „blanker Unsinn“, sagt Reich-Ranicki, der an die Rolle erinnerte, „die deutschsprachige Juden in der Entwicklung der modernen geistigen Welt gespielt haben.“ Fotos: ddp, dpa

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