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Zeitung Heute : Der Tränen Palast

26.06.2006 00:00 UhrVon -

In Schöneberg haben sich Dichter, Maler und Musiker zu einer sonderbaren WG gefunden: Sie wollen dem Liebeskummer entfliehen. Ein Besuch im Heim der gebrochenen Herzen.

Von Leszek Herman und Brygida Helbig-Mischewski Jarek, der polnische Bildhauer, war der erste. Vor fünf Jahren zog er in das Fabriksgebäude in Berlin-Schöneberg ein, seine Ehe mit Jola war da gerade gescheitert. Er mietete damals einen 50-Quadratmeter-Raum, der ihm auch heute noch als Atelier und Wohnung dient. Das Lokal ist nach wie vor nur provisorisch eingerichtet, Kabel hängen von der Decke herunter, nachlässig an die spärliche Beleuchtung befestigt. Ohne elektrisches Licht würde hier, sogar an den sonnigsten Tagen, Halbdunkel herrschen.

Und hier wohnt er also. „Kann man das nicht ordentlicher machen?“, fragt Iwona, seine alte polnische Bekannte, als sie sein Hochbett aus unbehandeltem Holz, die rauhen Wände und den beschädigten PVC-Fußboden sieht.

„Kann man schon“, antwortet der Bildhauer, „aber wozu?“

„Aber wozu“: Das ist so etwas wie das inoffizielle Motto der 18 Bewohner dieses Hauses. Sie sind zwischen 35 und 45 Jahre alt, sie alle hatten Lebensgeschichten und Liebeskrisen zu verarbeiten, als sie hier einzogen. Das Haus ist so etwas wie das Heim der gebrochenen Herzen. Und genau deswegen mögen wohl alle das Vorläufige und Provisorische ihrer Unterkunft.

Jareks Zimmer ist geräumig, voll gestellt mit riesigen Skulpturen. Manche von ihnen stellen Stiere dar, einer von ihnen trägt Stöckelschuhe an den vorderen Hufen. „Am Anfang war es hier noch bescheidener, wir hatten nicht einmal Strom“,sagt Jarek: „Aber jetzt! Wir haben Licht, jedenfalls in den Zimmern, wir haben eine Toilette, nur warmes Wasser gibt es nicht. Wir duschen im Hallenbad und halten uns bei Gelegenheit mit Schwimmen fit. Mens sana in corpore sano!“

„Ora et labora. Nein, wir sind keine Mönche“, erklärt Mariusz, ein Schriftsteller, der ein kleines Zimmer im vierten Stock bewohnt, mit einer inspirierenden Aussicht auf Dächer alter Mietshäuser und einen Kirchturm. Einen großen Teil des Raumes nimmt ein riesiger Schreibtisch ein, das Erbe eines ehemaligen Fabrikdirektors. Vor seinen Fenstern trocknen Socken, ordentlich auf einer Wäscheleine aufgereiht. „Obwohl“, fügt er nach einer Weile hinzu, „vielleicht wäre das gar keine schlechte Idee, hier einen Orden zu gründen: ENTHALTSAMKEIT UND SCHÖPFERISCHE ARBEIT. Jedenfalls plane ich zurzeit keine Liebesbeziehungen, und schon gar nicht mit einer Landsmännin. Wenn schon, dann mit einer Deutschen, und das auch nur, um mein Deutsch zu verbessern.“

Außer Mariusz teilen sich noch drei weitere Männer mit literarischer Neigung das Loft mit dem langen Flur – der Pole Piotr (40) und zwei Deutsche, Lothar (33) und Martin (36). Obwohl es weder einen Putzplan noch sonstige, das friedliche Nebeneinander regelnde Vertragswerke gibt, verläuft die Koexistenz konfliktlos. Anfangs, um den Deutschen entgegenzukommen, bestanden die Polen darauf, die Regeln des Zusammenlebens niederzuschreiben, mit Unterschriften zu besiegeln und im gegenseitigen Einvernehmen zu ratifizieren, z.B. das Einrichten einer gemeinsamen Kasse für Reinigungsmittel, Kaffee, Klopapier und Klolektüre. Um den Polen entgegenzukommen, ignorierten die beiden anderen stillschweigend jedwede Bemühungen in diese Richtung.

Letztendlich tat sich in dieser Hinsicht gar nichts, und alles organisiert sich irgendwie von selbst: Wenn das Klopapier alle ist, kauft irgendjemand welches ein. Meist einem drängenden, persönlichen Bedürfnis entsprechend. Falls einer das Spülbecken mit dreckigen Tellern voll stellt, wäscht sie ein anderer mit Gelassenheit ab. (Da Lothar das peinlich ist, stapelt er sein dreckiges Geschirr im Zimmer und rückt es erst dann wieder raus, wenn die anderen es satt haben, weiter aus der Dose zu essen.) Wenn Lothar sich zwei Biere für den gemütlichen Abend in den Kühlschrank stellt, trinkt sie Piotr schon am Nachmittag gedankenlos aus. Manchmal kocht jemand und es ist viel zu viel für einen, oder er kommt vom Heimaturlaub, und Mutter hat ihm Essen für die ganze Kompanie mitgegeben. Dann stellt man die betreffende Speise in den Kühlschrank und versieht sie mit einem Zettel „für alle“. Am nächsten Morgen ist dann von dankbarer Hand das „für“ durchgestrichen.

Jarek erzählt, dass es seit einigen Jahren massenhaft Trennungen unter seinen Bekannten gebe. Eine Art Epidemie, und anstecken könne man sich sogar am Telefon. Manchmal würde zu viel Sanftmut und Nachsicht seitens der Männer dazu führen. Denn die Frauen legen dies manchmal als Schwäche aus. Sie fühlen sich von solchen Männern nicht mehr angezogen, bringen ihnen keinen Respekt mehr entgegen und gehen.

„Greift bitte zu, ich habe gebacken. Es gibt auch Bier, alles für nur einen Euro“, sagt Bea. Sie macht sich im Ausstellungsraum zu schaffen, hat einen entschiedenen Gesichtsausdruck, bewegt sich schnell, energisch, hat etwas Mütterliches an sich, aber ohne Süße.

Nicht alle Bewohner des Hauses beschäftigen sich mit Kunst und Kultur. Ateliers wechseln sich mit Gewerbe ab: Im vierten Stock, wo sich die Schreibenden eingemietet haben, gibt es auch eine Druckerei und eine Schneiderwerkstatt. Das Stockwerk darunter steht leer, weil irgendein Betrieb gerade Pleite gegangen ist. Im zweiten gibt es ein Textillager, dicht daneben verkroch sich in einem elf Quadratmeter großen Loch ein ukrainischer Dichter. Das erste Stockwerk wurde von Malern und Bildhauern in Beschlag genommen, doch der Platz reicht noch für eine kleine Gerberei und eine Praxis für Physiotherapie. Im Korridor dominiert der Geruch von Schmiere und Öl aus der Autowerkstatt im Erdgeschoss, der sich mit dem Dunst der Druckerfarbe und der Textilien und manchmal dem Duft von Basilikum und Oregano vermischt, wenn die Italiener gerade am Brutzeln sind.

Das kleine Zimmerchen von Rolf-Uwe quillt von CDs und Strafzetteln über. Er ist Musiktechniker und gerade einer Russin davongelaufen. Im Fenster lüftet er seine Lederhose. Auf dem Tisch steht ein Fünf-Kilo-Glas Nutella, das er aus seiner alten Wohnung mitgenommen hat. Weil der Künstler doch immer ein wenig Kind bleiben muss. Lena, die Russin, hat das nicht verstanden. Eva-Bea, die ebenfalls im Haus wohnt, hingegen sagt, dass Lena einfach nicht ertragen habe, dass Rolf-Uwe immer alles besser wusste.

Und wie gefällt Rolf-Uwe sein Provisorium? Gut, sagt er. „Wozu sollte man sich irgendwo besser einnisten? Ist es nicht irgendwie sinnlos? Das Leben erzwingt doch sowieso ständige Abschiede von uns.“

„Ich finde es im Moment auch ganz gut“, sagt Jarek. „Auf meine Kunst kann ich nicht verzichten. Es gab auch eigentlich nie diese Notwendigkeit. Besser oder schlechter ist es mir jahrelang gelungen, diese Tätigkeit mit dem Familienleben zu verbinden. Jola fand das auch in Ordnung so. Jetzt sind die Kinder groß, und sie braucht Abwechslung. Und sie hat ein gutes Recht darauf. Am Ende meinte sie, sie sei vor allem meines ‚Philosophierens’ überdrüssig. Jetzt ist sie mit einem Immobilienmakler zusammen – also mit einem Mann mit Charakter.“

Marius, der Schriftsteller, will das so nicht gelten lassen. „Gibt es so was noch? Bestimmt liest der Makler heimlich Schopenhauer. Wenn ihn Jola einmal mit einem Buch erwischt, ist der Zauber weg.“ Und das meint er noch nicht mal übertrieben ironisch: „Trotz der ganzen Gleichberechtigung ist das Zeigen von Zerrissenheit, Unsicherheit und Verlorenheit durch einen Mann kein besonders erfolgreiches Aphrodisiakum. Nur Männer zieht so was bei Frauen an, weckt Beschützerinstinkte, doch umgekehrt gilt das nicht. Dabei sind diese Eigenschaften geradezu Voraussetzung schöpferischer Arbeit. Wir postulieren also die Gleichberechtigung der Geschlechter in ihrem Recht auf Schwäche!“

Da fällt ihm Iwona, die Besucherin, ins Wort: „ Künstlersein ist heute mit keinen besonderen Lizenzen verbunden, man gesteht sie auch Frauen nicht zu. Zum zweiten zieht Schwäche niemanden an, den Männern gefällt sie an Frauen vielleicht nur ganz am Anfang. Am meisten machen uns doch diejenigen heiß, die uns nicht brauchen, die ohne uns wunderbar zurechtkommen würden.“

Auf dem Schreibtisch von Mariusz, neben dem von Jareks Kindern okkupierten Computer, brennen Räucherstäbchen. „Ich bin kein einsamer Wolf aus freier Wahl“, seufzt er: „Ich bin hier aus einer Notwendigkeit heraus und versuche das lediglich positiv zu sehen. Es sieht so aus, als ob dieses postindustrielle Klima und diese Vorläufigkeit unserer Kunst förderlich wären. Jarek hat hier als Künstler große Fortschritte gemacht. Vielleicht ist das eine Art Übergang aus einer Lebensform in eine andere, eine Art Initiation. Deshalb lohnt es sich nicht, sich einzurichten, zu renovieren. Eva-Bea ist Hebamme von Beruf, vielleicht hilft sie uns, uns neu zu erfinden.“

„Schon wieder irgendwelche männlichen Fantasien“, murmelt Iwona, Studentin der Gender-Studies. Sie geht auf den dunklen Fabrik-Korridor eine rauchen und stolpert über die geheimnisvoll flüsternden Kinder von Jarek, die dort Verstecken spielen.

„Kinder, wo macht man hier Licht an?“, fragt sie. „Hier gibt es kein Licht!“, rufen die Kinder. Ihnen gefällt es hier offenbar auch bereits. Aber ob das wirklich ein gutes Zeichen ist?

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