Zeitung Heute : Der Traum des Drachentöters

Bleich wie der Tod sieht er in diesen Tagen aus. Völlig übermüdet, ausgezehrt und krank. Tony Blair erlebt gerade die schwierigste Zeit seines Lebens. Er muss die Briten von seinem militanten Idealismus überzeugen.

Matthias Thibaut[London]

Wenn man nur in Tony Blairs Kopf schauen könnte. Glaubt er – wenn er sich so kämpferisch vor sein Volk stellt wie am Dienstag im Unterhaus –, aus dieser Krise doch noch als strahlender Sieger hervorgehen zu können? Oder ahnt er, dass er schon längst verloren hat, und kann nur den Ritt auf dem amerikanischen Tiger nicht mehr ohne tödlichen Sturz beenden?

Wir sehen Blair in diesen Zeiten, wie er schmal wie ein Schüler im Lehnstuhl neben dem Papst sitzt und sich von ihm ins Gewissen reden lässt. Wie er zwei Tage darauf an den Journalisten vorbeistürmt, in seinen Jaguar steigt und zum Erzbischof von Canterbury fährt, wieder um über den Krieg zu reden. Das war am Montag, nachdem er sich schon mit Putin und Aznar am Telefon beraten hatte. Anschließend hetzt er weiter zur Party für den abgelösten Chefredakteur der „Sun“. „Wie vom Totenbett sah er aus“, berichtete ein Partygast. „Völlig übermüdet, ausgepowert, krank.“ Aber Blair wusste, was er der „Sun“ schuldig ist. Keine andere Zeitung hält so treu zu ihm. In Paris verteilte sie vergangene Woche sogar eine französische Ausgabe, um die Leser dort über ihren „eitlen, großmannssüchtigen“ Präsidenten aufzuklären. „Chirac est un ver“ – Chirac ist ein Wurm, stand da in dicken Lettern.

Blair, der Drachentöter, fuhr von der Party zurück in die Downing Street. Hinter der blauen Doppeltüre, die zum Kabinettsaal führt, arbeitete er am späten Abend noch an der entscheidenden Rede fürs Parlament. „Die schwierigste Rede seiner Karriere“, warnte Großbritanniens beliebtester Fernsehjournalist, Andrew Marr, die Zuschauer auf BBC. An diesem Tag hatten Chirac und Bundeskanzler Schröder mit ihrem „Memorandum“ die Situation noch schwieriger und die Einigung im Sicherheitsrat unwahrscheinlicher gemacht.

Das „schwarze Loch“ – so nennt das Blair-Team hinter vorgehaltener Hand das immer wahrscheinlicher werdende Katastrophenszenario: ein Krieg ohne zweite UN-Resolution. Noch gibt man sich optimistisch. „Wir sind zuversichtlich, dass wir die Mehrheit für die Resolution finden“, sagte ein Minister. Wenn nicht, wenn die von den USA und Großbritannien eingebrachte Resolution Mitte März gar von Chirac per Veto vereitelt wird – und George Bush durch nichts mehr zu halten ist: Dann kommt Tony Blairs schwärzeste Stunde. Dann muss er wählen zwischen den USA und der Uno, zwischen den USA und dem alten Europa.

„Ein Krieg ohne neue UN-Resolution, da würden wir eine Menge Überzeugungsarbeit leisten müssen“, hatte Blair vor zwei Wochen im Fernsehen gesagt und sich mit seinem angeschlagenen Zahn auf die Lippen gebissen, so wie er es immer tut, wenn er Entschlossenheit signalisieren will. In seiner Parlamentsrede am Dienstag beließ er es bei einer Andeutung. „Wenn die Uno nicht der Weg sein kann, diese Frage zu lösen, wird das für unsere Welt ein gefährlicher Augenblick sein.“ Beifall kam vor allem von den Bänken der Tory-Opposition. Gefährlich für die Welt, gefährlich für Tony Blair. Es ist zwar die Königin, die ihre Truppen in den Krieg schickt; die demokratisch gewählten Abgeordneten der 45000 abgestellten Soldaten werden nur aus Höflichkeit gefragt. Aber „am Ende“, sagt Blair, „sind wir eine Demokratie und müssen uns verantworten.“ Das „Ende“, glauben viele Labourabgeordnete, rückt näher.

Gestern Abend stimmten 199 Abgeordnete, darunter über 100 Labourrebellen, im Unterhaus gegen die Regierung. Es gebe keine Kriegsgründe. 124 Parlamentarier votierten später gegen einen Antrag Blairs, wonach Saddam noch eine letzte Chance zur Abrüstung erhalten soll. Es sind die schlimmsten Niederlagen, die Blair in seiner Amtszeit erlitten hat. Treibende Kraft war die Labourabgeordnete Alice Mahon, eine energische 65-Jährige, die jedem, der es hören will, zuflüstert, dass sich viele in der Partei schon nach einem neuen Chef umsähen.

Noch nie stand ein britischer Premier einer solchen Oppositionskoalition gegenüber. Eine Million Menschen demonstrierten im Hyde Park: Pazifisten, moslemische Fundamentalisten, vor allem aber Blair-Wähler, die britische Mittelschicht. Die besten Köpfe des Landes von Star-Architekt Richard Rogers bis zum Bühnenautor Harold Pinter schalteten große Protestanzeigen in den Zeitungen. „Es bestehen Zweifel an der moralischen Rechtfertigung eines Krieges“, erklärten die Erzbischöfe von Canterbury und Westminster, die Oberhäupter der anglikanischen und der katholischen Kirche Englands. „Blair ist offenbar der Ansicht, dass er allein Recht und alle anderen Unrecht haben“, sagte der Labourlinke Peter Kilfoy. „Die reine Hybris.“

Es war die moralische Kritik, die Blair in den letzten Tagen, als alle Argumente erschöpft schienen, zu einer neuen Offensive anstachelte. „Auf diese moralische Kritik am Krieg gibt es eine moralische Antwort“, sagte er. Ob der große Bewunderer alles Katholischen auch den Heiligen Vater am letzten Wochenende in seine Moraldebatte verwickelt hat, weiß niemand. Aber dass er auf den Besuch gut vorbereitet war, steht fest. Vor Weihnachten, so witzelte man, habe er sich mehr für die theologischen Traktate des Thomas von Aquin als für die britische Reformpolitik interessiert. Immerhin kam er mit erhobenem Haupt aus seiner Audienz im Vatikan und wurde am nächsten Tag mit Frau und Kindern zur Privatmesse in der päpstlichen Kapelle im Vatikan geladen.

Blair grübelt schon seit Jahren über die moralische Dimension von Krieg und Völkerrecht. Der Kosovo war seine Feuertaufe. Damals wollte der britische Regierungschef einen ängstlicheren amerikanischen Präsidenten zum Einsatz von Bodentruppen bewegen. Der Einsatz im Kosovo, sagte Blair hinterher, war „ein gerechter Krieg, nicht für territoriale Ansprüche, sondern für Werte“. Er sprach sogar von den Anfängen „einer neuen Doktrin der internationalen Gemeinschaft“. Afghanistan war ein weiteres Beispiel.

Der britische Diplomat Robert Cooper, eine Zeit lang Blairs Berater, hat nach dem 11. September eine Theorie des „liberalen Imperialismus“ entwickelt – eine Theorie, nach der humanitäre Interventionen dem alten Konzept souveräner Staatlichkeit neue Grenzen setzen sollen. Coopers Theorie hatte nie offiziellen Status. Aber klar ist, dass in Blairs Kopf militärische Macht und internationale Gerechtigkeit eine neue Verbindung eingegangen sind. „Lasst uns die Welt neu ordnen“, rief Blair seiner Partei drei Wochen nach dem 11. September zu.

Man könnte Blair auch als das personifizierte „Sowohl – als auch“ bezeichnen. Als Mann des dritten Wegs ist ihm am wohlsten, wenn er auseinander Strebendes zusammenbringen kann: freie Märkte und Sozialpolitik, Militärmacht und Kants moralischen Imperativ, George Bush und die Uno, die USA und Europa. Jetzt, in der Irak-Politik, geht es um Blairs größten Traum: Bushs USA für die ehrgeizige Tagesordnung seiner globalen humanitären Ordnungspolitik zurückzuerobern. Ist der Krieg erst einmal gewonnen, geht es erst richtig los – Frieden in Nahost, Kampf gegen Waffenexporte und Schurkenstaaten, gegen Armut in Afrika und Umweltverschmutzung.

Viele britische Diplomaten, in Pragmatismus geschult, verfolgen diesen militanten Idealismus mit unverhohlenem Horror. Aus den höchsten Rängen ertönt Widerspruch: In der „Times“ äußerten sich Lord Hurd, ehemaliger Außenminister, und Lord Bramall, ehemaliger Chef der Streitkräfte.

Vielleicht sind diese Kritiker dem alten Denken verhaftet. Vielleicht werden die Gefahren des Krieges übertrieben und sein Nutzen unterschätzt – so war es ja auch beim Kosovo und Afghanistan. Nur sechs Tage werde der Krieg dauern, flüstert man in den Korridoren des Londoner Regierungszentrums. Schon in Basra würden die Truppen von jubelnden Irakern empfangen, Saddam flieht oder wird von seiner Garde umgebracht, sein Giftschrank wird aufgestöbert und vor der Welt in seiner ganzen Gräulichkeit ausgebreitet. Und bald darauf – Blair deutete es diese Woche im Parlament an – kämen schon eine neue amerikanische Nahostinitiative und nach 30 Jahren Stagnation vielleicht endlich der Frieden.

Doch nun sieht es so aus, als würde alles anders kommen. Selbst die Briten wollen sich von Blair nicht überzeugen lassen. Stattdessen könnte ein amerikanischer Alleingang den Traum von einer neuen internationalen Gemeinschaft zerstören. Und wer weiß, was dann aus einer neuen Nahostinitiative wird. Der ehemalige Außenminister Lord Hurd warnt vor „destruktiven“ Reaktionen auf einen Krieg, den die meisten nicht als Befreiung, sondern als imperialistische Attacke verstehen könnten: „Vielleicht gewinnen wir den Krieg in sechs Tagen – um ihn dann in sechs Monaten zu verlieren“, sagt er.

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