Zeitung Heute : Der Trick mit dem Brick

Alva Gehrmann

Die Musik lässt erahnen, dass das Glück vom Drachenritter und der schönen Josephine bald getrübt sein wird. Und tatsächlich, kurze Zeit später wird die Geliebte entführt. Doch der Ritter kämpft tapfer gegen Plastikdrachen, und nach drei Minuten hat der Held seine Josephine wieder zurück.

Der dramatische Kurzfilm von Marcel Belledin wurde mit Lego-Spielzeug gedreht. Schon seit über zwei Jahren bastelt sich der 23-jährige Kölner aus den kleinen bunten Plastiksteinen immer wieder neue Filmkulissen: Dazu benötigt er nur eine Tüte mit Einzelbausteinen und ein paar Teile aus den Sets "Beach", "Ninja" oder "Hafen". Grundlage für seine Dramen ist der grüne Plastiknoppenboden. Brickfilme nennen sich die kleinen Kunstwerke, die hauptsächlich im Internet veröffentlicht werden und dort mittlerweile Kultstatus erlangt haben.

Belledin, der als Geschichtenentwickler bei der Firma Story Company arbeitet, zeigt die Hobbyfilme auf seiner Website www.legolomo.de . Für ihn sind die Filme eine gute Möglichkeit, Ideen zu verwirklichen, "die man sonst nur mit großem Aufwand produzieren könnte". Einige Tage hat er für den Kurzfilm mit den niedlichen Figuren gebraucht. Brickfilme herzustellen ist eine Millimeterarbeit, denn es sind Trickfilme, in der jede Sequenz einzeln aufgenommen werden muss. Belledin reizt es immer wieder, Neues ausprobieren; Anregungen holt er sich dabei auch auf anderen Internetseiten.

Wer Lego-Filme aus aller Welt anschauen will, kann dies unter www.brickfilms.com tun. Hier finden sich über hundert Filme zu allen Themen. Besonders beliebt sind bei den Hobby-Filmemachern aber Persiflagen - lustige Adaptionen bekannter Filme: Sei es "Matrix", "Mission: Impossible", "Star Wars" oder "2001 - A Space Odyssey", alles wird mit den kleinen Figuren und Plastiksteinen fantasievoll und spannend nachgespielt. Die Filme dauern zwischen 30 Sekunden und einer halben Stunde. Dabei setzt die Brickfilm-Gemeinde darauf, dass die Zuschauer über schnelle Internet-Verbindungen verfügen. Um einen der kleinen Filme aus dem Netz zu laden, vergeht schon einmal eine Viertelstunde, um das 5-Minuten-Video zu übertragen. Doch die Zeit lohnt sich, denn viele der Brickfilme sind wirklich lustig.

Die Website, die von Jason Rowoldt aus Washington DC gemacht wird, ist seit einem Jahr online und bei den Fans sehr beliebt. "Manche Filme sind schon über 100000 Mal gespielt worden", sagt der 26-jährige Amerikaner stolz. Auch Rowoldt produziert kleine Lego-Filme, so eine vierminütige Lego-Version des Police-Klassikers "Dancing On The Moon". Ungefähr fünf Stunden wendet er pro Woche für sein Hobby auf. Genau wie Belledin hat auch Rowoldt die Legos vor zwei Jahren wieder entdeckt. "Dark years" - dunkle Jahre nennen sie in der Fan-Community die Zeit, in der sie nicht mit Legosteinen gespielt haben. Doch die sind nun für die überwiegend männlichen Fans vorbei.

Dass man mit den Brickfilmen auch Erfolg haben kann, bewiesen im vergangenen Jahr die Briten Tim Drage und Tony Mines. Sie wurden für ihren Kurzfilm "ONE: A Space Odyssey", eine Persiflage auf Stanley Kubricks Werk, hoch gelobt. In nur einer Minute erzählen die beiden pointiert die Story; die kleinen Plastikfiguren tun ihr Übriges, um dem Film seinen besonderen Charme zu geben. Besonders realistisch erscheinen die Legomännchen, weil die Briten deren Gesichter animiert haben. Der Kurzfilm gefiel auch der Firma Lego so gut, dass sie Drage und Mines beauftragten, die Tafelrunde aus dem Monty-Python-Streifen "Die Ritter der Kokosnuss" nachzustellen. Die Briten lieferten einen Film, der noch perfekter geworden ist: Die Kombination aus Musik, tanzenden Figuren und realistisch nachgestellten Szenerien wecken den Wunsch nach längeren Filmen.

Der Monty-Python-Brickfilm ist derzeit auch auf der Hompage www.lego.de zu sehen. Obwohl es Filme mit Lego-Spielzeug schon seit mehreren Jahren gibt - manche Liebhaber fingen schon in den 80er Jahren an, Kurzfilme auf Super 8 zu produzieren - hat die Firma selbst erst im Mai 2001 ein eigenes Angebot auf den Markt gebracht. Das "Lego & Steven Spielberg MovieMaker Set", entstand in Kooperation mit dem amerikanischen Regisseur und soll eine neue Form bieten, in der die Kreativität ausgelebt werden kann. Spielberg emutigt die jungen Filmemacher auf Lego.de so: "Vielleicht wirst du eines Tages auch so ein berühmter Regisseur wie ich." Das MovieMaker Set kostet satte 210 Euro, dafür bekommt man aber eine komplette Filmausrüstung: Eine Kulisse, bestehend aus einer auseinanderbrechenden Straße sowie einem furchterregenden Dinosaurier (damals passend zum Kinostart von Jurassic Park III), eine kleine Kamera mit eingebautem Mikrofon und die entsprechende Software, die den Sound beisteuert als auch die Bildbearbeitung am heimischen PC ermöglicht.

Auch Jason Rowoldt und Marcel Belledin haben sich das Set gekauft. Doch die sind von den bisherigen Möglichkeiten der Software enttäuscht. Für Rowoldt ist das Hauptproblem , dass "die Software immer wieder abstürzt"; und Belledin umgeht das Problem mit den "primitiven" Schnittprogrammen, indem er sich kostenlose Software aus dem Internet herunterlädt. Doch trotz aller Kritik muss man bedenken, dass das MovieMaker Set eigentlich für Kinder zwischen acht und 16 Jahren entwickelt wurde. Das Programm ist kinderleicht zu bedienen und erfüllt somit seinen Zweck. Für alle älteren Lego-Filmer gibt es auf der Brickfilm-Website genug Tipps von den Star-Regisseuren Drage und Mines. Hier erklären sie, mit welcher Software sie gearbeitet und wie sie schwierige Szenen realisiert haben.

Die Firma Lego verfolgt intensiv, worüber auf den Fansseiten diskutiert wird. Nicht immer sind sie von der Art begeistert, in der die Geschichten erzählt werden. Pressesprecherin Ulrica Griffiths ruft daher auch "zu einem verantwortungsvollen Umgang" mit den Lego-Produkten auf. Rechtlich vorgegangen sind sie bis jetzt nur gegen pornografische Filme, aber auch Horrorfilme sind nicht gerade in ihrem Interesse. So zum Beispiel die gruselig, absurde Welt, die Andy Thornbery in seinem "Lego Chainsaw Massaker" vorführt. Bei ihm liegen die Opfer des Massakers inmitten einer rosa Blubbermasse, die wie Hubba Bubba Kaugummi aussieht. Dadurch verniedlicht er Gewaltszenen ins Unwirkliche.

Obwohl Griffiths von den Horrorfilmen nicht begeistert ist, wird auch das erweiterte Lego-Set viel mit Action und Horror zu tun haben: Ab April gibt es ein "Spider-Man"-Special und ab Juni eine "Gruselwelt". Auch Marcel Belledin hat schon einen Gruselstreifen gedreht. Gerade arbeitet er an seinem neuen Kurzfilm. Auf Wunsch seiner weiblichen Fans wird dieses Werk aber kein Horrorfilm, sondern ein Melodram.

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