Zeitung Heute : Der Turmbau zu Berlin

NINA PETERS

Streifzüge im Juli: Besuch im "Museum der Verbotenen Kunst"Ein Hinweisschild auf das "Museum der verbotenen Kunst" gibt es nicht.Im Stadtmagazin findet sich allein der Standort "Schlesischer Busch" - das klingt nach Abenteuer.Vom U-Bahnhof geht es frei Schnauze die Straße "Vor dem Schlesischen Tor" entlang, vorbei an angelnden türkischen Jugendlichen und dem Treptower Trödelmarkt.Und da steht er auch schon, in grauer Militärästhetik inmitten einer grünen Wiese, auf der sich heute Sonnenhungrige aalen und die früher der Todesstreifen war: der einzige original erhaltene öffentlich zugängliche Grenzwachturm. 1990 besetzten mehrere Ostkünstler den Turm an der Treptower Mauergrenze.Im Juli 1990 schenkte die noch existierende DDR-Armee, die NVA, den Besetzern das lebende Mahnmal, und der Verein "Museum der Verbotenen Kunst" wurde gegründet.Im Museumskonzept hieß es damals: "Wir sind der Überzeugung, daß die Kunstfeinde des ehemaligen stalinistischen Regimes dokumentiert werden müssen." Mit dem Begriff "Verbotene Kunst" solle man jedoch vorsichtig umgehen, sagt Roland Prejawa, einer der Vorsitzenden, da in der DDR kein Gesetz existierte, das Kunst formell untersagte - Schikanen waren jedoch nicht ausgeschlossen.Heute leidet die verbotene Kunst unter Wasserflecken (schlechte Isolation des Miniplattenbaus!) oder hohen Heizungskosten.Gleichzeitig bleibt das Museum ein finanzieller Balanceakt.Zum endgültigen Absturz könnte es kommen, wenn im Mai 1998 zwei heute noch aus öffentlichen Geldern finanzierte Stellen gestrichen werden. Der Eintritt ist trotzdem umsonst, um Spenden wird gebeten.Rund 120 Besucher, schätzt "Turmwächter" Orlin Karabelow, darunter auch einige Schulklassen, besteigen an einem Wochenende den Turm."Postkarten mit Mauerstückchen" biete das Museum jedoch ausschließlich "japanischen und amerikanischen Touristen an". Seit Anfang der 90er Jahre wurden Konzerte veranstaltet (DJ Marusha gab beim Techno auf dem Todesstreifen den Beat vom Turmdach an), Filmvorführungen, Fotoausstellungen, Lesungen und Stadtführungen organisiert.Am 13.August, zum 36.Jahrestag des Mauerbaus, will die Künstlerin Angela Bohnen auf einer Länge von 300 Metern den alten Mauer-Verlauf markieren.Im ersten Geschoß, wo DDR-Grenzer früher die Flüchtlinge ins Visier nahmen, ist eine Dokumentation des Lebens von Gründungsmitglied Kalle Winkler zu sehen - er kam 1994 bei einem Badeunfall ums Leben.Im zweiten Stock finden sich auf 16 Quadratmetern eine Schaufensterpuppe in Uniform, eine Grenzturmeinrichtung mit Funkgerät und ein Ratgeber-Heftchen für Volkspolizisten.Man erreicht ihn über eine gefährlich steile Treppe - wohl das größte Abenteuer im "Schlesischen Busch".NINA PETERS

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