Zeitung Heute : Der TV-Journalist Gerd Ruge über Entfremdung, Heimat und Orte der Besinnung

Herr Ruge[herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Au]

Der 71-Jährige, der mit der Otto-Hahn-Friedensmedaille ausgezeichnert wird, steht für das gute Gewissen im Journalismus

Gerd Ruge ist der Globetrotter unter den deutschen TV-Journalisten. Der gebürtige Hamburger war unter anderem für die "Welt" in China, für die ARD in Washington und Moskau. In diesem Jahr war der Russland-Experte im Kaukasus. Im Dezember erhält der 71-Jährige die Otto-Hahn-Friedensmedaille - für seine Verdienste um die Völkerverständigung.



Herr Ruge, herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Auszeichnung. Sie sind der erste Journalist, der mit der Otto-Hahn-Friedensmedaille ausgezeichnet. Sie gelten als höchst uneitel, bedeutet Ihnen die Medaille überhaupt etwas?

Ich war schon sehr überrascht, schließlich ist dieser Preis kein Journalistenpreis im eigentlichen Sinne. Natürlich habe ich mich sehr gefreut, man steht plötzlich in einer Reihe mit Leuten wie Gorbatschow oder Simon Wiesenthal, Leuten also, die in einer anderen Liga spielen. Und es freut mich, dass ich über die Jahre wohl doch den Eindruck erweckt habe, dass man mit journalistischen Mitteln etwas für den Frieden tun kann.

Am 17. Dezember erhalten Sie in Berlin die Medaille. Wie empfinden Sie das "neue" Berlin?

Es bereitet offensichtlich große Schwierigkeiten, eine Stadt in so kurzer Zeit umzubauen. Ich hatte schon früh das Gefühl, dass das nicht gutgehen kann und ich sehe nun, dass es zumindest nicht brillant wird. Wahrscheinlich konnte man den Umbau aber nur in diesem Tempo durchziehen.

Gerade waren Sie wieder in der ehemaligen UdSSR unterwegs. Russland ist Ihnen längst zur zweiten Heimat geworden, Sie haben eine Wohnung in Moskau. Wie sehr schmerzt Sie der Tschetschenien-Krieg?



Am meisten schmerzt mich, dass dort ein fast unlösbares Problem vorliegt. Ich war dort, als die ersten Unabhängigkeitsbestrebungen aufkamen und habe damals schon große Sorge getragen. Dann kam der erste, nun haben wir den zweiten Krieg. Die Russen haben keinen Zugang gefunden zur Lösung des Problems und nun werden sie konfrontiert mit der Entwicklung eines neues Afghanistans am Rande Europas.

Auf Ihrer diesjährigen Georgien-Reise haben Sie den Konflikt gleichsam gestreift ...

Als wir durch eine abgelegene Gebirgsgegend fahren wollten, wurden wir mit der Meldung von Bombardierung georgischer Dörfer durch die Russen überrascht. Tatsächlich war es so, dass die Russen Tretminen abgeworfen hatten, um die Schmuggelwege der Tschetschenen zu sperren.

Wie lange wollen Sie sich den Strapazen in Krisenregionen noch aussetzen?

Solange es noch Spaß macht. Die körperlichen Strapazen sind schwierig, man kann es aber durchhalten. Mit Schwimmen und ein wenig Fitnesstraining versuche ich mich in Form zu halten.

Sind auf Ihren Reisen auch Freundschaften entstanden?

Nicht mit hochrangigen Politikern. Das ist in Russland, in China oder in den USA nicht anders als in Deutschland. Aber auf der Ebene von Leuten, die mich interessieren, also Künstler und Wissenschaftler, da gibt es eine ganze Reihe fester Freundschaften.

Gibt es einen Platz auf unserer Erde, an dem ihr Herz ganz besonders hängt?

Es gibt ein paar ganz kleine Fleckchen, wo ich besonders gerne bin. Am Rande von Peking etwa finden sich in einem großen Tal einige alte Kaisergräber. Eines davon ist besonders verfallen, so dass nur selten Touristen dorthin kommen. Dies ist einer der stillsten und schönsten Plätze, die ich kenne. Wenn ich mich heute in Peking verloren fühle, gehe ich dort hin.

Entfremdet sich einer, der stets auf Achse ist, der Heimat?

Heimat ist für mich etwas Kleineres als ein Staat. Vom Gefühl her empfinde ich am ehesten Hamburg als meine Heimat. Im Übrigen vergisst man gerade im Ausland nicht, dass man Deutscher ist. Dort reflektiert man sein Deutschsein viel mehr, als man das hier tun würde.

Reisen können, unabhängig sein, bedeutet das für Sie Freiheit?

Ja, diese Art von Freiheit ist mir enorm wichtig. In meiner Anfangszeit in Moskau gab es noch keine ständige telefonische Verbindung nach Deutschland. Da musste man vor Ort entscheiden. Das ist Freiheit.

Klaus Bednarz und Sie gelten als gute Gewissen des TV-Journalismus. Sterben solche Journalisten im Zeitalter der Quote endgültig aus?

Das glaube ich nicht. Im Gegenteil, ich sehe, vor allem was die Arbeit der Korrespondenten angeht, eine Renaissance. Vor zehn Jahren war es sicher schwieriger große Reportagen unterzubringen, weil es den Trend gab, anonymes Material aus den Agenturen zu verwenden. Der Zuschauer saß damals vor dem TV wie vor einem Aquarium in dem sich die bösartigen Fische gegenseitig umbringen.

Ein begrüßenswerter Trend, den Sie auch bei den Privaten sehen?

Dort scheint es immer noch sehr viel schwieriger. Ich hatte gedacht, dass man aus einem Prestigebedürfnis heraus ein Informations- und Korrespondenten-Netz aufbauen würde. Das ist zu meiner Enttäuschung aber nur unzureichend geschehen.

Auch Ihre ARD gibt sich bisweilen privat ...

Wenn Sie ein Programm machen, das Quotenrenner ausspart, dann wird die Politik sagen: "Wenn keiner zuguckt, dann braucht ihr auch das Geld nicht." Ein Mischprogramm ist also unerlässlich. Wie weit man dabei gehen muss und ob die ARD bisweilen zu weit gegangen ist, darüber lässt sich streiten. Darüber würde auch ich streiten.

Macht es Sie wehmütig zu wissen, dass ein großer Teil Ihres Lebenswerkes getan ist?

Das denkt man immer, aber vielleicht fällt mir noch was ein. Ich entsinne mich, dass mich Ende der 70er Jahre ein Kollege mit "Sie als einer der großen alten Herren des Fernsehens ..." begrüßte. Da habe ich natürlich geschluckt. Das ist nun zwanzig Jahre her und ich hoffe, dass auch heute noch nicht alles vorbei ist.Das Interview führte Andreas Kötter.

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