Zeitung Heute : Der Umbau im Gewerkschaftshaus

ULF SCHLÜTER

Finanzprobleme zwingen die Gewerkschaften zu Fusionen.Doch die bloße Konzentration mehrerer Einzelgewerkschaften wird die Probleme der Gewerkschaftsbewegung nicht beenden.Ein struktureller Wandel tut Not.VON ULF SCHLÜTERDer Fusionsprozeß deutscher Gewerkschaften erlebt in diesen Tagen einen vorläufigen Höhepunkt.Am Ende könnten unter dem Dach des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) weniger als zehn von einst zwanzig Einzelgewerkschaften übrig bleiben.Die Frage nach der Ursache für diese Kooperationswelle ist schnell beantwortet: alle Gewerkschaften leiden unter großen Finanzproblemen - ausgelöst durch drastische Mitgliederrückgänge.Vor allem die kleineren Organisationen geraten an den Rand der Überlebensfähigkeit, weil die Entwicklung der Personalkosten der Entwicklung der Beitragseinnahmen davongelaufen ist.Ihnen ist nichts anderes übriggeblieben als vor solchen Sachzwängen zu kapitulieren und sich starke Partner zu suchen. Der der Finanznot gehorchende Konzentrationsprozeß überdeckt jedoch andere, tiefgreifende Probleme der deutschen Gewerkschaftsbewegung.Viel zu spät hat sie erkannt, daß der gesellschaftliche und soziale Wandel auch Folgen für die eigenen Organisationen haben mußte.Der langjährige IG Chemie-Chef Hermann Rappe stand zunächst ziemlich allein, als er für Fusionen im DGB warb.Sein Hauptkritikpunkt: der Zuschnitt der Gewerkschaften entspreche der Arbeitswelt der 40er Jahre.In der Tat spiegeln die innergewerkschaftlichen Strukturen den Wandel der Arbeitsbeziehungen mit dem einhergehenden Trend zum Individualismus kaum wider.Während die Zahl der Arbeitsplätze in der verarbeitenden Industrie und im Gewerbe, den bisherigen Hauptbetätigungsfeldern der Gewerkschaften, beträchtlich schrumpfte, tun sie sich in sogenannten Wachstumsmärkten bei der Erschließung neuer Mitglieder unendlich schwer.In den im Entstehen begriffenen Dienstleistungsbereichen fassen die Arbeitnehmervertreter gar nicht oder nur schwer Fuß.Von gewerkschaftsfreien Räumen ist die Rede.Bislang war der Dienstleistungssektor von mehreren Gewerkschaften - zum Teil in Konkurrenz zueinander - betreut worden.Für die engere Zusammenarbeit, die die fünf DGB-Schwestern mit der Deutschen Angestellten Gewerkschaft (DAG) vereinbart haben, war es somit höchste Zeit.Käme tatsächlich eine Dienstleistungsgewerkschaft zustande, stieße die Reform der Gewerkschaften in ungeahnte Dimensionen. Kommt hinzu, daß auch die Tarifpolitik als herausragendes Gestaltungsmittel einem Wandel unterzogen ist.Wenn die Tendenz vieler Unternehmen anhält, aus den Arbeitgeberverbänden auszutreten, um dem Flächentarifvertrag zu entgehen, müssen sich die Aktivitäten zunehmend auf die Betreuung der Arbeitnehmervertretungen in den Betrieben richten.Zwar soll das bisherige Prinzip "ein Betrieb - eine Gewerkschaft" aufrechterhalten werden, doch wie ein eigenes Dienstleistungsangebot für die Betriebsräte aussehen soll, ist derzeit offen. Ob die Arbeit der neuen Gewerkschaftsorganisationen in letzter Konsequenz erfolgreich sein wird, hängt zudem davon ab, wie schnell ihrer alten Klientel ein hohes Maß an Identifikationsgefühl vermittelt werden kann und wie attraktiv das Angebot an bislang vernachlässigte Gruppen wie Angestellte, Frauen, Jugendliche oder Senioren ausfällt.Neue Mitglieder lassen sich nur gewinnen, wenn weiterer Raum für mitgliedernahe Aktivitäten über den Betrieb hinaus geschaffen wird.Entsprechende Stichworte wie Wohnbereichs- oder Arbeitslosenarbeit waren schon zu hören.Mehr Dienstleistungen für die Mitglieder gehören dazu wie Versuche, auch diejenigen zu erreichen, die in einer immer größer werdenden Zahl geringfügige Beschäftigungsverhältnisse annehmen oder scheinselbständig sind.Zudem wollen mehrere Gewerkschaften den Rechtsschutz übernehmen, der bislang beim DGB angesiedelt war.Nicht wenige verbinden damit das Ende für den Dachverband, der bislang die Hälfte seines Etats für den Rechtsschutz ausgegeben hat.Dem DGB bliebe dann die nicht minder wichtige Aufgabe, Sprachrohr gewerkschaftlicher Positionen zu sein und Lobbyismus zu betreiben.Bei einer entsprechenden Arbeitsteilung ergäben sich sogar weitere Einsparpotentiale.Voraussetzung aber ist, daß die Einzelgewerkschaften Teile ihrer Macht tatsächlich an den DGB abgäben.Tun sie es nicht, stellt sich ein weiteres Mal die Frage, ob der Fusionsprozeß den Dachverband gänzlich überflüssig macht.

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