Zeitung Heute : Der unmenschliche Makel

Eine „Karawane der Liebe“ zieht nach Santa Maria, um Michael Jackson zu stärken. Dort steht er heute wegen Kindesmissbrauchs vor Gericht. Aber auch die Gegenseite ist in die Manipulationsschlacht eingestiegen. Denn auf die Stimmung kommt es an – im Land und bei den Geschworenen.

Malte Lehming[Washington]

Von Malte Lehming, Washington

Sicher, er hat noch Fans. „Wir hier in Nigeria“, schreibt ein gewisser M. B. Mohammed, „wissen, dass Michael Jackson unschuldig ist.“ Davon ist auch Abdulmalik aus Saudi-Arabien überzeugt. „Wir werden immer zu dir halten.“ Keen aus China wiederum ist nervös. „Wir chinesischen Fans sind sehr besorgt.“ Daniel aus Deutschland tröstet den Sänger. „Du bist nie allein!“ Solche Botschaften hat der „King of Pop“ gesammelt und auf seiner Internet-Seite veröffentlicht. Zusätzlich sind rührende Bilder bei ihm eingetroffen – von einer Kerzenprozession in Mailand, schluchzenden Anhängern aus Utrecht, einer Solidaritätsdemo aus Tel Aviv. Artig bedankt sich Michael Jackson für die Aufmunterung.

Einst wirkte der Begriff „Superstar“ für ihn zu harmlos, abgenutzt und abgewetzt, also wurde dessen Steigerung erfunden, der „Megastar“. Dieser Megastar trug silberne Handschuhe, tanzte den Moonwalk und den Robot. Rund 750 Millionen Dollar verdiente er mit seiner Musik. Die größten Hits fielen in eine Zeit, als sich auch außerhalb der westlichen Länder die Mittel der Massenkommunikation, Radio und Fernsehen, rasant verbreiteten. In der Geschichte der kulturellen Globalisierung zählt Michael Jackson zu den ersten wirklichen Weltstars.

24 Jahre Haft?

Solche Sätze lesen sich wie ein Nachruf, ein Abgesang. Zur Beschreibung des aktuellen Michael Jackson greift die Branche zu ganz anderen Prädikaten: blass, bleich, Zombie, Wahnsinniger, Außerirdischer, kaputtoperiert, skurril, paranoid, verschwenderisch, naiv, gerissen, entsext. Härter könnte der Kontrast der beiden Jacksons kaum sein.

Seine Fans stört das nicht. Heute wollen sie um vier Uhr früh aufstehen und sich in einer großen „Karawane der Liebe“ auf den Weg nach Santa Maria machen. In dieser ansonsten ruhigen, kleinen kalifornischen Stadt nördlich von Santa Barbara wird die Anklage gegen den Popstar verlesen. Es ist sein erster Gerichtstermin. Wann der eigentliche Prozess beginnt, steht noch nicht fest. Jackson soll vor einem Jahr auf seiner „Neverland“-Ranch einen damals 13-jährigen Jungen mehrmals unsittlich berührt und bedrängt haben. Jackson wird unzüchtiges Verhalten gegenüber einem Kind in sieben Fällen sowie die Verabreichung eines berauschenden Mittels in zwei Fällen vorgeworfen. Ihm drohen 24 Jahre Haft.

Im Gerichtssaal selbst wird nicht viel passieren an diesem Freitag. Richter Rodney Melville verliest die Anklage, dann fragt er Jackson, ob er schuldig oder nicht schuldig sei. Jackson wird antworten „nicht schuldig“, dann ist sein Auftritt vorbei. Kameras sind während der Verhandlung nicht zugelassen, um ein „ordentliches Verfahren“ zu gewährleisten. Und trotzdem wird es kein Super-, sondern ein Megaspektakel. Im County Santa Barbara herrscht höchster Sicherheitsalarm. Das FBI ist angerückt. Man befürchtet, der Event könne ein attraktives Terrorziel sein.

Mehrere hundert Medienvertreter sind vor Ort. Sie kommen aus allen Kontinenten. Alle amerikanischen Nachrichtensender planen Sondersendungen. Jedes Detail, von der Kleidung bis zur Gestik des 45-Jährigen, wird analysiert. Psychologen, Kriminologen, Jackson-Biografen, Kulturkritiker: Dutzende von Experten sind zum Kommentieren bereit. In die Talkshows können Bilder von Jackson-Fans eingeblendet werden. Sie wollen mit Flugzeugen, Bussen, Zügen und Autos anreisen. Sie tragen T-Shirts, auf denen „Leave Him Alone“ steht. Das Restaurant „The Royal Copenhagen“, nur wenige Kilometer vom Gerichtsgebäude entfernt, gewährt jedem von ihnen einen Preisnachlass. Mit in der „Karawane der Liebe“ will Jermaine Jackson reisen, der seinen Bruder für „tausend Prozent unschuldig“ hält. Das sagt er in jedes Mikrofon.

Ist Michael Jackson ein Kinderschänder? Das wissen womöglich nur er und der Junge allein. Die Wahrheit hat es in solchen Prozessen schwer. In den USA entscheiden Geschworene über das Schicksal des Angeklagten. Deren Urteil setzt sich aus vielen Bausteinen zusammen, aus Fakten, Sympathien, Glaubwürdigkeiten. Die Stimmung ist wichtig, die im Gerichtssaal und die in der Gesellschaft. Zur Strategie von Staatsanwalt und Verteidigung gehört es, diese Stimmung zu beeinflussen. Der Vertreter der Anklage, Staatsanwalt Thomas Sneddon, der vor zehn Jahren bereits das erste Päderasten-Verfahren gegen Jackson einleitete, hat eine PR-Agentur angeheuert. Staranwalt Mark Geragos, der Jackson verteidigt, gilt als Großmeister im Umgang mit der Öffentlichkeit.

Die Manipulationsschlacht läuft längst auf Hochtouren. Die Verteidigung streut gezielt negative Informationen über den Kläger und dessen Familie. Der Mutter des Jungen gehe es nur ums Geld. Sie sei gierig und verschlagen. Deshalb habe sie Anwalt Larry Feldman engagiert, der vor zehn Jahren schätzungsweise 20 Millionen Dollar in einem anderen Fall von angeblichem Kindesmissbrauch erstritten hatte. Dass man durch Klagen reich werden kann, weiß die Mutter jedenfalls. Wegen angeblicher sexueller Belästigung durch einen Detektiv, der ihren Sohn beim Ladendiebstahl erwischt hatte, erstritt sie einst mehr als 100000 Dollar von einem Warenhaus.

Als seinen wichtigsten Trumpf jedoch kann Geragos das Untersuchungsergebnis der Jugendbehörde von Los Angeles präsentieren. Sie hatte im Frühjahr dieselben Vorwürfe überprüft und mit dem Jungen, dessen Bruder, Schwester und Mutter gesprochen. Sie alle entlasteten Jackson. Die Aktennotiz mit dem Vermerk „vertraulich“ tauchte vor wenigen Wochen im Internet auf. Der Anwalt des Jungen hat ein Verfahren gegen die Jugendbehörde wegen der Verbreitung vertraulichen Materials eingeleitet.

Die Vertreter der Anklage sind nicht minder einfallsreiche Demagogen. Die Summe, die Jackson vor zehn Jahren zahlte, um sich außergerichtlich zu vergleichen, werten sie als „Schweigegeld“. Die Tatsache, dass sich der Sänger inzwischen mit Mitgliedern der radikalislamischen schwarzen Separatistenorganisation „Nation of Islam“ (NoI) umgibt, deute darauf hin, dass er sich bereits auf seine Haftzeit vorbereite. Die NoI verfügt in vielen amerikanischen Gefängnissen über ein gutes Netzwerk. Außerdem gibt Jackson selbst zu, sein Bett regelmäßig mit Kindern geteilt zu haben. Warum wohl?, heißt die süffisant-suggestive Nachfrage.

Harmloser Exzentriker?

Was, wenn er unschuldig ist? Ein harmloser Exzentriker, der noch im Jahr 2000 im Guiness-Buch der Rekorde als jener Pop-Star verzeichnet wird, der das meiste Geld an Wohltätigkeitsorganisationen gestiftet hat. Ein Kindsmann, dessen großes Herz ausgenutzt wird. Ein moderner Jesus – Lasset die Kindlein zu mir kommen! – missverstanden, angefeindet, vor den Richter gezerrt. Was aber, wenn er schuldig ist? Ein notorischer Päderast, dessen Reichtum und Berühmtheit bislang seine Schutzschilde waren. Ein Verbrecher, der sein wehrloses Opfer verhöhnt. Ein dreister Trickser und Täuscher, der niedrigste Wünsche auslebt.

Zu „Neverland“ hat Jackson „never more“ gesagt. Er ist dort ausgezogen. „Ich will dort nie wieder wohnen“, hat er in einem CBS-Interview gesagt. Als am 18.November das Anwesen bei einer Polizei-Razzia durchsucht wurde, sei es verwüstet worden. „Sie haben Messer genommen und meine Matratzen damit aufgeschnitten.“ In Beverley Hills, einem vornehmen Stadtteil von Los Angeles, hat er sich mit seinen drei Kindern nun neu einquartiert. Knapp 100000 Dollar Miete kostet die Villa monatlich. Sie hat neun Schlafzimmer, 16 Badezimmer, sieben Kamine, einen Tennisplatz, eine Bowlingbahn, ein Kino, zwei Swimmingpools. Auf Zoo und Vergnügungspark freilich muss Jackson fortan verzichten.

Ist er schuldig? Darauf gibt es noch keine Antwort. Könnte er schuldig sein? Darüber zerreißt sich Amerika den Mund. Einige Radiosender spielen seine Lieder nicht mehr. Die „Gardner Street Elementary School“ in Hollywood, auf die Jackson vor 35 Jahren gegangen war, hat ein Ehrungsschild mit seinem Namen mit einem Stück Stoff überhängt. Das Lied „Thriller“, das eine Gymnasiastentruppe aus Indiana zur Thanksgiving Parade einstudiert hatte, wurde kurzfristig aus dem Programm genommen.

Ein Mann wie Donald Trump dagegen, Showstar und schwerreicher Geschäftsmann, wettert: „Die Ankläger wollen Michael erpressen. Es ist eine Schande.“ Radiomoderator Ron Sweet hat zum Boykott der NBC-Sendung „Today Show“ aufgerufen, weil Diane Diamond darin künftig als Kommentatorin auftritt. Diamond war die erste Reporterin, die über die Anschuldigungen berichtet hat. Der Riss geht quer durch die Medienlandschaft. CBS erhält ein Exklusivinterview mit Jackson, wird darauf von der „New York Times“ angegriffen, weil angeblich für das Interview Geld gezahlt worden sei.

Die „New York Times“ wiederum breitet die Verbindungen zwischen Jackson und der „Nation of Islam“ genüsslich aus. Deren Kopf, Louis Farrakhan, ist wiederholt durch rassistische und antisemitische Äußerungen aufgefallen. Der Verdacht drängt sich auf, Jackson, der kosmetisch alles tat, um seine Hautfarbe zu verleugnen, wolle plötzlich wieder ein Schwarzer sein, um im Prozess – nach dem Vorbild von O. J. Simpson – die „race card“ ziehen zu können. Bruder Jermaine prangert bereits öffentlich die „moderne Lynchjustiz“ gegenüber dem Pop-Star an. Mutter Catherine sagt, es gebe in den USA zwei Auslegungen für Gesetze – „eine für Weiße und eine für Schwarze“. Und Jesse Jackson, der schwarze Bürgerrechtler, weder verwandt, noch verschwägert, hat auch schon seine „tiefe Besorgnis“ über die Ankläger verlauten lassen.

Das Schweigegebot

Nach der Anklageerhebung hört Richter Melville noch zwei Eingaben an. Staatsanwalt Sneddon hat beantragt, dass praktisch alle Personen, die mit dem Fall zu tun haben – Kläger, Anwalt, Angeklagter –, für die Dauer des Prozesses in der Öffentlichkeit schweigen müssen. Sie sollen keine Interviews geben dürfen. Verteidiger Geragos hat wütend dagegen Einspruch erhoben. Eine Reihe von Medienanstalten wiederum will, dass sämtliche Akten, vom Durchsuchungsbefehl für „Neverland“ bis zur Anklageschrift, öffentlich gemacht werden. Auch das versucht der Staatsanwalt zu verhindern. Er begründet das unter anderem mit der Notwendigkeit, die Privatsphäre des Jungen zu schützen.

Vielleicht ist das ernst gemeint, vielleicht ein vorgeschobenes Argument. Wenn sich einer vor der Öffentlichkeit, die diesen Fall begleitet, garantiert nicht mehr schützen kann, dann ist es dieser 14-jährige Junge, der einst krebskrank war, geheilt wurde und nun neben Jackson im Zentrum eines Verfahrens steht, das in seinen Dimensionen Mediengeschichte schreiben wird. Das zumindest steht jetzt schon fest.

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