Zeitung Heute : Der unüberhörbare Phon-Krieg

ROBERT IDE

Gestörte Beziehungen erkennt man am Tonfall der Beteiligten.Fehlende Toleranz und mangelnde Gesprächsbereitschaft werden oft mit lauten, unfairen Worten übertönt.Eine solche Umgangsweise pflegten die Medien im geteilten Berlin über Jahrzehnte hinweg.Im Gefecht des Kalten Krieges lieferten sich beide Seiten gegenseitige Redeschlachten per Funkwelle.Der Bau der Mauer im August 1961 bildete dabei den Höhepunkt.Rechts und links des weißen Striches, der schrittweise zum Todesstreifen ausgebaut wurde, standen riesige Lautsprecher, die die jeweils andere Hälfte der Stadt anbrüllten.Auf westlicher Seite sendete in diesen Tagen das legendäre "Studio am Stacheldraht", über das am Mittwoch abend in der Berliner Stadtbibliothek diskutiert wurde.

Heinz Gerull, jahrelang Sprecher des grenzüberschreitenden Senders, berichtete auf Einladung des Berliner Beauftragten für die Stasi-Unterlagen über den "Phonkrieg" an der Demarkationslinie.In den sechziger Jahren hatte Gerull mit einer Handvoll Kollegen täglich die Berliner Grenze abgefahren und aus einem mobilen Studio an die ostdeutschen Soldaten appelliert, den Schießbefehl nicht zu befolgen."Deutsche, schießt nicht auf Deutsche!", rief er den meist jungen Wehrpflichtigen aus Sachsen oder Thüringen zu.Die DDR reagierte auf derart "zersetzende Maßnahmen" ebenfalls mit Phonstärke.Sie versuchte, mit Armee-Lautsprechern die "Hetzsendungen" zu überstimmen.Gerull hat dafür im Nachhinein nur ein müdes Lächeln übrig: "Unsere Technik hat gesiegt", sagt er stolz, "und unsere Argumente auch." Vier Jahre lang sendete das "Studio am Stacheldraht" über seinen provisorischen Äther.Die erste Sendung lief am 18.August 1961 unter Polizeischutz.Von der östlichen Seite regnete es Nebelkerzen und Tränengas auf die Radiomacher nieder.

Zehn Tage später gab es erste Live-Übertragungen aus einem VW-Bus, dessen Dach zwei 12-Volt-Boxen trugen.Paul Plückhahn, einer der ersten Sprecher des Grenz-Studios, erinnert sich: "Wir sind so dicht wie möglich an die Grenze rangefahren.Wir wollten, daß die Soldaten unser Gesicht sehen und uns als normale Menschen erkennen." Täglich tobte der Kleinkrieg der Worte und Gesten an der Berliner Grenze.

Am Ende wartete das "Studio am Stacheldraht" sogar mit 8 000 Watt starken Boxen mit einer Reichweite von 20 Kilometern auf.Der Kalte Krieg wurde unüberhörbar.Nach Einstellung der Grenzfunks am 7.Oktober 1965 konzentrierte sich die Aufmerksamkeit wieder auf die Auseinandersetzung per Radio.Hier litt Berlin schon seit Kriegsende unter einem "geteilten Himmel".Der Grundstein dafür wurde bereits am 15.Juni 1945 gelegt, als der von den Sowjets etablierte "Berliner Rundfunk" einseitige politische Sendungen auszustrahlen begann.In der täglichen Sendereihe "Tribüne der Demokratie" wurden kommunistische Redner bevorzugt und Sozialdemokraten nicht mehr vor das Mikrofon gelassen.Als Reaktion darauf befahl Colonel James Westerfield vom US-Headquarter am 21.November 1945 die Errichtung eines Rundfunks im amerikanischen Sektor (RIAS).Die populäre Station prangerte auf breitem Raum die undemokratischen Verhältnisse in der DDR an und kommentierte einschneidende Ereignisse wie den Aufstand vom 17.Juni 1953 mit aller Schärfe.Für die SED mutierte der Sender schnell zum Feindbild."Du willst kein Ami-Söldner sein, drum schalte nicht den RIAS ein!", hieß es etwa 1952 auf Plakaten.Erst in den siebziger Jahren entschärfte sich der Ton der Auseinandersetzung.Im Zuge der Entspannungspolitik baute die DDR-Regierung die letzen Störsender an der Berliner Grenze ab.

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