Zeitung Heute : Der Urknall

Wie Pazifisten, Kommunisten, Vogelschützer und Punks 1980 um eine Parteigründung stritten: die Geburt der Grünen aus dem Chaos

Wolfgang Prosinger

Draußen auf dem Parkplatz schreibt ein städtischer Bediensteter schon mal die Nummern der abgestellten Autos auf. Drinnen im Saal tobt die Hölle. Tränen fließen, Schreie gellen, Köpfe röten sich ins Purpurne, und Waltraut Zschorsch vom Kreisverband Breisgau-Hochschwarzwald bittet darum, dass „alle Delegierten ein frohes Lied anstimmen“. Die Presse wird anderntags Wörter schreiben wie „Tohuwabohu“, „Krimi“ oder „Karneval“. Es ist das Wochenende des 12. und 13. Januar 1980, der Ort heißt Karlsruhe, und die Grünen versuchen, an diesen beiden Tagen eine Partei zu gründen.

Wer an Klaustrophobie leidet, muss hier schier umkommen. Die trostlose Karlsruher Stadthalle platzt aus den Fugen, 1004 Delegierte sitzen an langen Tischen, 300 Journalisten auf der Empore. Nur an einem Tisch ist in der drangvollen Enge noch ein Stuhl leer, Blumen liegen auf der weißen Tischdecke. Es ist der Platz, an dem der Delegierte Rudi Dutschke hätte sitzen sollen. Kurz vor dem Gründungsparteitag, an Heiligabend, war er an den Spätfolgen des Attentats von 1968 gestorben. Immer stärker hatte er sich in der letzten Zeit seines Lebens für diese grünen und alternativen Bewegungen interessiert, die seit einigen Jahren entstanden und nun hier zueinander finden sollten. Vielleicht wäre Rudi Dutschke ja im Stande gewesen, das Chaos von Karlsruhe zu bändigen, das Unvereinbare zu vereinen. „Bäuerliche Bauplatzbesetzer vom Kaiserstuhl begegneten radikalen Feministinnen aus Köln. Militante Brokdorfdemonstranten aus Hamburg und Hessen diskutierten mit christlichen Pazifisten aus Bayern oder mit Vogelschützern aus Niedersachsen. Punks mit Schlipsträgern. Kommunisten mit Anthroposophen“, schrieb Jutta Ditfurth, eine der Altgrünen, über einen Parteitag, wie er vorher noch nie und nachher nie mehr zu sehen war.

„Das war ein schockierendes Erlebnis“, sagt noch heute Wolf-Dieter Hasenclever, der ein paar Monate nach diesem Karlsruher Wochenende für die Grünen in den baden-württembergischen Landtag einzog. Jetzt sitzt er, 59-jährig mittlerweile, in Bluejeans und ebenso blauem Pullover in seiner Berliner Wohnung, die so aussieht, als wollte sie geradezu ein Gegenentwurf zu Karlsruhe sein: Bauernschrank, gusseiserner Kaminofen, Grünpflanzen, Holz, gediegene Behaglichkeit. Damals, 1980, träumte Hasenclever von einer neuen Volkspartei, aber seine Träume hatten ihm den Blick auf die Realität ein wenig versperrt. Mit dem, was sich in Karlsruhe abspielte, hatte er nie und nimmer gerechnet. Und weil ihm auch im Weiteren missfiel, wohin sich die Grünen entwickelten, zog er vor drei Jahren die Konsequenz. Heute ist er Referent für Bildungspolitik bei der FDP-Bundestagsfraktion. „Die Grünen“, sagt er, „haben es nicht geschafft, von der Fixierung auf drohende Katastrophen wegzukommen.“

Diese Fixierung freilich war das Fundament, auf dem das grüne Haus erbaut werden sollte. Schwer vorstellbar heute, in welch aufgeregte Zeiten dieser Gründungsparteitag fiel. Gerade hatte die Nato ihren Doppelbeschluss zur Nachrüstung verkündet, gerade war die Sowjetunion in Afghanistan einmarschiert, gerade hatte das Unglück im Atommeiler von Harrisburg den Kernkraftgegnern Recht gegeben. Also donnerte August Haußleiter, einer der Gründerväter der Grünen (er war von der CSU gekommen), in die Karlsruher Stadthalle: „Wir erleben das Vorstadium zum Dritten Weltkrieg.“ Starker Beifall. Apocalypse now.

Dabei hatte es alles so freundlich begonnen. Samstag, 12. Januar, 10 Uhr 08: Wolf-Dieter Hasenclever hielt als baden-württembergischer Hausherr die Eröffnungsrede; ausgerechnet Herbert Gruhl, der ehemalige CDU-Mann, sprach den Nachruf auf Rudi Dutschke und nannte den Parteitag ein „Jahrhundertereignis“, fügte allerdings ahnungsvoll hinzu: „Niemand kann uns verhindern, es sei denn wir selbst.“ Im Saal war das Rauchen verboten, dafür wurde offensiv gestrickt. Und alle, alle waren sie gekommen. Der Maler Joseph Beuys, der Schriftsteller Carl Améry, der DDR-Philosoph Wolfgang Harich und der DDR-Dissident Rudolf Bahro, der Gewerkschafter Willi Hoss, der Ökobauer Baldur Springmann in seinem bunt bestickten Russenkittel, der später eine Lichtreligion erfand und mit jungen Frauen nackt über seinen Hof tanzte. Und natürlich war Petra Kelly da, die Ikone der grünen Frühzeit. Auch Otto Schily muss irgendwo unter den Delegierten gesessen haben, er meldete sich allerdings nicht zu Wort. Die grüne Prominenz von heute indessen war noch nicht dabei. Joschka Fischer zum Beispiel fand erst zweieinhalb Jahre später zur Partei und hatte noch 1978 in alter Sponti-Manier erklärt: „Wer von uns interessiert sich denn für Stadtautobahnen in Frankfurt oder für Atomkraftwerke irgendwo?“

Der Friede des Karlsruher Anfangs wurde jäh gestört. Auf einmal platzten 254 unberufene Mitglieder Bunter Listen in den Saal und forderten lautstark, sie wollten hier auch mitgründen. Ein Vorstoß, der zunächst noch abgewehrt wurde, aber schon zeigte, was das eigentliche Thema dieses Parteitags werden würde: Rot oder Grün, hieß die Frage. Sollte aus den Grünen eine linke Partei werden oder eine wertkonservative, die die Ökologie ins Zentrum stellt? Seit Jahren schon waren zahllose Gruppen aufgetreten, die sich dem Umweltschutz verschrieben und gemeinsam bei der Europawahl aus dem Nichts verblüffende 3,2 Prozent geholt hatten. In den Monaten vor Karlsruhe jedoch war etwas Erstaunliches passiert: Die Mitgliederzahl der grünen Vorläuferorganisationen explodierte, schnellte von gut 3000 auf gut 10000. Und die Neumitglieder kamen zum größeren Teil von den K-Gruppen, vom Kommunistischen Bund, vom KBW, von der KPD/AO. Sie hatten sich eingeschrieben, um aus der grünen Bewegung eine linke Partei zu machen. Einer ihrer lautesten Sprecher hieß Jürgen Reents.

Stimmt, sagt der heute und dreht seine Zigaretten noch immer selbst, „wir wollten, dass aus den Grünen eine Partei wird, die im linken Spektrum zu verorten ist“. Damals war er Herausgeber des „Arbeiterkampf“, jetzt ist der Mittfünfziger Chefredakteur des „Neuen Deutschland“, längst wieder ausgetreten bei den Grünen, weil ihm insbesondere deren zunehmende Sympathie für die Nato missfiel. Seine Haare sind weiß und schütter geworden. Damals hat er, das Mitglied des Hamburger KB, gedacht: „Wir müssen uns einlassen.“ Mit diesen bürgerlichen Naturschützern.

Die fanden das umgekehrt keineswegs. Und waren auf den linken Ansturm kaum vorbereitet. „Ich habe den Willen von radikalen Linken, die Grünen zu instrumentalisieren, unterschätzt“, sagt Wolf-Dieter Hasenclever. Und so begann ein Hauen und Stechen. Um jedes Wort wurde gefeilscht, es war fast 18 Uhr, da war nach langen acht Stunden erst die Präambel der Satzung verabschiedet. Die Delegierten feierten eine Orgie von Finten, Wutanfällen und Geschäftsordnungsanträgen. Dem Versammlungsleiter Wilhelm Knabe entfuhr es schließlich: „Ich fürchte, dass selbst die gewaltfreiesten Mitglieder dieser Versammlung nach und nach zu Flaschen und Steinen greifen werden, wenn noch viele Geschäftsordnungsanträge kommen.“ Außerdem habe er es satt, ständig angepöbelt zu werden.

Es half nichts. Immer verschraubter und verschrobener wurden die Formulierungskünste der Antragsteller, und man musste wohl Joseph Beuys heißen, um ihnen etwas Gutes abgewinnen zu können: „Ich finde es schön, wenn sich die Leute in grammatischen Formen üben“, sagte er und saß mit seinem grauen Hut in der grauen Stadthalle wie ein Fels in der Brandung.

Es wurde 22 Uhr, bis die entscheidende Abstimmungsschlacht geschlagen war: Darf ein Grüner zugleich Mitglied einer anderen Partei sein (im Klartext: bei einer K-Gruppe), hieß die heiß und hartnäckig umkämpfte Frage aller Fragen. Und als es ans Auszählen der Stimmen ging, hatten 548 von 1004 Stimmberechtigten den Linken eine Niederlage bereitet. Die Doppelmitgliedschaft war verboten, die Ökologen triumphierten, und die Delegierten durften ins Bett gehen.

Jürgen Reents und viele andere taten das nicht. Sie rechneten stattdessen. Denn die Gründung der Partei verlangte bei der Schlussabstimmung eine Zweidrittelmehrheit. Und die, das war offensichtlich, besaßen die Ökologen nicht. Die Linke wurde also gebraucht, ja, ohne die Linke ging gar nichts. Und die entschloss sich in der Nacht zum Sonntag, ihren Preis für die Zustimmung zu fordern.

Der Sonntag wurde schlimmer, als der Samstag war. Wieder kam das Thema Doppelmitgliedschaft auf den Tisch und wurde zum Symbol des Kampfes der beiden Flügel, die damals noch nicht „Fundis“ und „Realos“ hießen. Die Gladiatoren in der Arena waren unausgeschlafen, die Nerven dünn, die Umgangsformen miserabel, die Aggressionen grenzenlos. Der Kongress brodelte, zum Mittagessen gab es Gemüseeintopf und für die Fleisch essende Minderheit Bratwurst – mit viel zu hohem Phosphatgehalt freilich, wie alsbald gerügt wurde.

„Das Schlimmste von Karlsruhe war eigentlich diese Männerkungelei“, sagt die Berlinerin Eva Quistorp. Sie war die engste Weggefährtin von Petra Kelly und ist bis heute davon überzeugt, dass deren Tod kein Selbstmord war. Eva Quistorp ist eine dieser Unentwegten mit immer noch langen, roten Haaren und meist wallenden Gewändern. Saß im EU-Parlament und im Bundesvorstand, organisiert bis heute unverdrossen Friedensdemonstrationen. Aber sie ist eine enttäuschte, manchmal auch verbitterte Grüne. Damals, 1980, sagt sie, habe das begonnen, was später grüner Alltag wurde: das Schachern um Macht, um Posten, um Karrieren. Eine „Anti-Parteien-Partei“ hatte Freundin Petra Kelly propagiert, eine ganz normale Partei ist über die Jahre daraus geworden. Und die Männer bei der Linken, sagt sie, waren die schlimmsten – schon in Karlsruhe. „Hinsichtlich der Frauenfrage ist man hier noch ganz grün hinter den Ohren“, stand auf einem Transparent in der Stadthalle.

Es wurde Mittag, es wurde Nachmittag. Und nichts war erledigt. Die Diskussion über das Programm, die neue grausame Dauerdebatten verhieß, hatte noch gar nicht begonnen, geschweige denn die Wahl des Vorstands und der Sprecher. Noch immer hatte sich dieser Gründungsparteitag in Satzungsfragen verhakt, unerbittlich hieben die Gegenspieler aufeinander ein, und auf einmal platzte auch noch eine Gruppe Jugendlicher ins allgemeine Getöse, die Nürnberger „Indianerkommune“, und forderte mit schrillen Schreien freie Liebe für Kinder sowie die Abschaffung der Schulpflicht. Irgendwo verriet ein Naturapostel neue Methoden des Kompostierens, und zwischen alledem irrte Alexander Kluge herum und filmte.

Den Ausschlag gab schließlich die Deutsche Bundesbahn. Denn der letzte Zug nach Norddeutschland fuhr in Karlsruhe um 17 Uhr 56 ab. „Zum Bahnhof brauchen wir 20 Minuten, wir haben Gehbehinderte dabei.“ Das leuchtete offenbar vielen ein, denn jetzt war plötzlich innerhalb weniger Minuten möglich, was zuvor in vielen Stunden gescheitert war. Zwar versuchte irgendjemand, doch noch auf Zeit zu spielen, indem er die große Uhr in der Stadthalle anhielt, aber die eigenen Armbanduhren verkündeten: Jetzt wird’s ernst. Also verständigte man sich in der Frage der Doppelmitgliedschaft auf einen faulen Kompromiss (die Landesverbände sollten autonom darüber entscheiden), vertagte alles Weitere auf einen neuen Parteitag in drei Monaten, stimmte ab, und schon konnte das Präsidium die Sturzgeburt der grünen Partei verkünden. Manche fielen sich in die Arme, manche weinten, und alle skandierten hoch erregt: „Weg mit dem A-tom-pro-gramm.“ Es war 17 Uhr 23.

Die Zeitungen erschienen anderntags mit widersprüchlichen Überschriften. „Waterloo für die Linken“, hieß es da zum Beispiel. Und in einer anderen: „Linke setzen sich durch“ (was der Wahrheit schon etwas näher kam). Und die „Die Zeit“ wusste ein paar Tage später definitiv: „Karlsruhe hat die Untauglichkeit der grünen Bewegung bewiesen.“ Es war die Zeit der großen Irrtümer.

Jürgen Reents sagt heute: „Das war eine erfolgreiche Sache.“ Er hat nicht Unrecht, auf seine Weise. Denn auf dem folgenden Parteitag in Saarbrücken zog die Linke bei der Programmdebatte alle über den Tisch. Die Grünen wurden, was er sich gewünscht hatte, eine Partei „im linken Spektrum“. Viele von den reinen Ökologen traten bald darauf aus.

Eva Quistorp sagt: „Das war eine Revolution.“ Auch sie hat Recht. Denn sie meint damit hauptsächlich die Frauenquote, die die Grünen in Karlsruhe als erste von allen Parteien eingeführt haben.

Wolf-Dieter Hasenclever sagt: „Wir wollten ein Minimum an Philosophie und Substanz in die Satzung einbringen – die Idee des ökologischen Humanismus. Wir sind damit gescheitert.“ Und auch Hasenclever hat Recht. Was damals an Geist, an Ideen, an Visionen in der Karlsruher Stadthalle versammelt war, es kam unter die Räder der Machtpolitik.

Nur einer hat nicht Recht bekommen. Es ist der namenlose Delegierte, der in Karlsruhe den schönsten Antrag stellte: „Mindestens ein Viertel der Kandidaten sollen solche Frauen und Männer sein, die eigenhändig Kinder großgezogen haben und nicht unglücklich gemacht haben.“ Der Antrag wurde nicht zur Abstimmung gestellt. Das Glück, fanden die Grünen offenbar, ist nicht messbar.

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