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Zeitung Heute : Der Urvater des Comics

22.12.2007 00:00 UhrVon Stephan Töpper

Am 9. Januar jährt sich der Todestag des Schriftstellers und Malers Wilhelm Busch zum 100. Mal

„Das Gute – dieser Satz steht fest –

Ist stets das Böse, das man lässt“

Die ironische Feststellung von Onkel Nolte kommt zu spät. Denn die fromme Helene in Wilhelm Buschs gleichnamiger Geschichte hat – ganz und gar nicht fromm – hinter dem Rücken ihres Mannes mit dem Vetter angebandelt. Der armen Sünderin blüht ein böses Ende. Helene greift zur Flasche, geht im Suff in Flammen auf und muss auch noch ihre Seele an den „Geist der Unterwelt“ abtreten.

So wie Busch Bigotterie und kleinbürgerliche Verlogenheit boshaft in Szene setzt, so wie er dabei vom Komischen ins Ernste und wieder zurück wechselt, haben seine Geschichten auch knapp hundert Jahre nach seinem Todestag, dem 9. Januar 2008, nichts von ihrem anarchischen Witz eingebüßt.

Bis weit in die 1960er Jahre gehörte Wilhelm Busch zur Grundausstattung des deutschen Bürgertums. In Leder oder Leinen eingebunden standen die atlantengroßen Busch-Bildbände in den Wohnzimmerregalen. „Das war nicht nur Kinderlektüre, das haben Eltern mit der gleichen Lust gelesen und rezitiert“, sagt Gundel Mattenklott, Privatdozentin am Fachbereich Erziehungswissenschaften und Psychologie der Freien Universität Berlin und Professorin für Musisch-Ästhetische Erziehung an der Universität der Künste.

Der im niedersächsischen Örtchen Wiedensahl als erstes von sieben Geschwistern aufgewachsene Wilhelm Busch bricht sein auf Drängen des Vaters begonnenes Maschinenbaustudium ab, geht nach Düsseldorf und München, um sich an Kunsthochschulen der Malerei zu widmen. Dabei übernimmt er das puritanische Arbeitsethos. Seinen Lebensunterhalt verdient er mit Karikaturen, die er für die humoristische Zeitschrift „Fliegende Blätter“ zeichnet.

Mit der 1865 veröffentlichten Bildergeschichte über die beiden Unruhestifter Max und Moritz wird Busch schlagartig berühmt und finanziell unabhängig. Die in Bildfolgen und Reimen strukturierten Streiche, in denen zwei Jungen mit ausgeprägter krimineller Energie Mensch und Tier gleichermaßen Qualen zufügen, werden wegweisend für den späteren Comic und den Zeichentrickfilm.

„Rickeracke! Rickeracke!

Geht die Mühle mit Geknacke.

Hier kann man sie noch erblicken

Fein geschroten und in Stücken“

Max und Moritz werden zur Strafe für ihre Missetaten in Meister Müllers Mühle zu Korn vermahlen. „Das Groteske, auch drastisch Komische der Zeichnungen kombiniert mit souveräner Sprachbeherrschung: Das machte ihn populär“, sagt Mattenklott. Busch textet epigrammatisch: kurz und prägnant. Pro Bild ein Vers. Das fällt ins Auge und bleibt im Kopf. Hinzu kommt, dass Busch die heimliche Lust an der Katastrophe befriedigt. Die gestörte Ordnung wird zwar wiederhergestellt, die Unruhestifter sind aus dem Verkehr gezogen, doch von Happy End kann keine Rede sein. Denn Busch sorgt dafür, dass der Leser mit den Antihelden, die leichtsinnig die Grenzen des Erlaubten überschreiten, sympathisiert.

Für Mattenklott sind der schwarze Humor und die Doppelbödigkeit herausragende Merkmale in Buschs Werk.

Während Kinder über die makabren Missgeschicke lachen, wird auf den zweiten Blick Buschs boshafte Kritik an der scheinheiligen Moral seiner Zeitgenossen deutlich. „Diese Form der doppelten Adressierung, dieser erwachsene Subtext, ist wegweisend bis hin zur gegenwärtigen Kinderliteratur“, sagt Mattenklott.

In den Jahren 1867 bis 1884 entstehen viele weitere Bildergeschichten, von Hans Huckebein, dem domestizierten Unglücksraben, der sich stark berauscht aus Versehen erhängt („Der Tisch ist glatt – der Böse taumelt. Das Ende naht – sieh da! er baumelt.“), über die Abenteuer des Junggesellen Tobias Knopp, der mit dem wohl kürzesten Heiratsantrag der Geschichte doch noch unter die Haube kommt („Mädchen – spricht er – sag’ mir ob – Und sie lächelt: Ja, Herr Knopp“), bis hin zu Fipps dem Affen und Plisch und Plum. In seinen letzten beiden Bildergeschichten karikiert Busch zwei komische Käuze, deren Passionen er selbst in sich vereint: den verhinderten Dichter Balduin Bählamm und den Mahler Klecksel.

Buschs gekonnte Kombination von Wort und Bild hat auch formal die Gattung Comic zum Leben erweckt. Das Besondere ist, dass die Bilder sich zu bewegen scheinen. „Die Situationen gerieten in Fluß“, schreibt Busch in seiner Autobiografie „Von mir über mich“. Busch nimmt eine filmische Perspektive ein, als an das Medium Film noch lange nicht zu denken ist. „Buschs Bildergeschichten sind keine Comics, er arbeitet noch nicht mit Sprechblasen, aber die Lust an der Zerstörung und die komischen Katastrophen prägen noch heute den Comic“, hebt Mattenklott hervor. Damit sei Busch der Urvater dieses Genres.

Die ersten amerikanischen Comic-Figuren sind stark an Max und Moritz angelehnt. Joseph Pulitzer, der New Yorker Blattmacher, erkennt zuerst die Chance, mit bebilderten Geschichten die Auflage seiner „New York World“ zu steigern. 1885 erscheint erstmals das „Yellow Kid“, ein Einzelbild-Comic mit einem glatzköpfigen Jungen im gelben Nachthemd, der sich in den irischen Slums von New York herumtreibt. Pulitzers Konkurrent Randolph Hearst, der in Deutschland auf Max und Moritz aufmerksam wird, lässt 1887 in seiner Zeitung die von dem deutschen Auswanderer Rudolph Dirks gezeichneten „Katzenjammer Kids“ Hans und Fritz ihr Unwesen treiben. Das Max und Moritz ähnelnde Rabauken-Paar bringt vornehmlich seine Eltern zur Verzweiflung. Dirks lässt seine Figuren in Sprechblasen kommunizieren, er fasst Geräusche lautmalerisch in Worte („Ouch“) und integriert sie ins Bild. Die Sprache der „Katzenjammer Kids“ ist ein deutsch-englischer Mix, der besonders bei den vielen Einwanderern ankommt, die der englischen Sprache nur unzureichend mächtig sind. Selbst die ersten Walt-Disney-Zeichentrickfilme wie „Steam Boat Willy“ in den 1920er Jahren haben grafisch wie inhaltlich Max und Moritz zum Vorbild.

Fast in Vergessenheit gerät, dass Wilhelm Busch nicht nur Wegbereiter des Comics und Erfinder von Bildergeschichten ist, mit denen seit den 1860er Jahren Generationen von Kindern aufwachsen, sondern dass Busch Gedichte und Prosa schrieb. Und er malte. Mehr als tausend Ölbilder und Zeichnungen, meist Landschaftsmotive aus seiner Heimat, aber auch Portraits. „Manche seiner Bilder weisen mit ihrem dynamischen Pinselduktus auf den Expressionismus des frühen 20. Jahrhundert voraus“, sagt Mattenklott. Busch malte für sich selbst – zum „Selbstpläsier“, wie er es nannte. Zu seinen Lebzeiten wurden die Bilder nicht ausgestellt.

Der Avantgardist mit den vielen Begabungen hat nie geheiratet. Er verehrt die Frankfurter Bankiersfrau Johanna Keßler, die ihn als Maler fördern will, wird Freund der Familie und schreibt ihr Briefe, nachdem er in seinen Heimatort zurückkehrt. Die letzten Jahre lebt Busch mit seiner Schwester in Mechtshausen im Harz. Am 9. Januar 1908 stirbt Wilhelm Busch im Alter von 76 Jahren.

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