Zeitung Heute : Der verflixte Donnerstag

SPD versäumt Termin, und das ganze Land lacht

Christoph Schmidt Lunau[Wiesbaden]

Auch zwei Tage nach der Panne ringen sie bei der Wiesbadener SPD noch um Worte. „Solche Fehler dürfen Berufspolitikern doch nicht passieren“, sagt Josef Kübler, ehrenamtlicher Funktionär, und fügt hinzu: „Wir haben uns bundesweit lächerlich gemacht.“ Die Parteiführung hatte versäumt, ihren Oberbürgermeisterkandidaten, den früheren Stadtdekan Ernst-Ewald Roth, fristgerecht anzumelden. Nun findet dieser Wahlgang am 11. März erstmals nach dem Krieg ohne SPD-Bewerber statt. „Wir sind auf Jahre tot“, jammert ein Genosse. Seit der Schlappe der SPD bei der Kommunalwahl regiert die Landeshauptstadt ohnehin ein Jamaika-Bündnis von CDU, Grünen und FDP. Durch die „Lachnummer“, so SPD-Fraktionschefin Elke Wansner, ist jetzt die letzte Chance dahin, Boden gutzumachen.

Als „Knaller“ hatte SPD-Chef Marco Pighetti im April den parteilosen und populären Stadtdekan für die OB-Kandidatur präsentiert. Am Freitag traten Pighetti und der gesamte Vorstand kleinlaut zurück. Die spektakuläre Kandidatur eines katholischen Priesters auf einem SPD-Ticket hatte ein abruptes Ende gefunden. 66 Tage vor der Wahl muss der Wahlvorschlag für eine OB-Wahl beim Wahlleiter eintreffen. So steht es in §13 Abs. 1 des hessischen Kommunalwahlgesetzes. Das wäre Donnerstag, genau um 18 Uhr gewesen. Doch der Brief der SPD ging erst am Freitag gegen Mittag ein.

Das sei viel trauriger als eine Wahlniederlage, sagte der an der Unfähigkeit der Parteimanager gescheiterte Kandidat. Über seine Zukunft müsse er jetzt ein paar Tage nachdenken. Die Wiesbadener SPD tritt heute zu einer Krisensitzung zusammen. Schließlich ist der Partei nicht nur der OB-Kandidat, sondern auch der gesamte Vorstand abhandengekommen.

Der populäre Geistliche war der Wiesbadener SPD zunächst wie ein Deus ex Machina erschienen. Nach Wahlschlappen und dramatischem Bedeutungsverlust galt Roth als Hoffnungsträger. „Göttlicher Beistand“ sei der SPD zuteilgeworden, kommentierte der frühere Oberbürgermeister Achim Exner die Personalie. Schon die Nominierung machte bundesweit Schlagzeilen. Roth selbst hatte einiges auf sich genommen. Sein Bart musste dran glauben, weil der 54-Jährige bartlos ein frischeres Bild abgab. Und da ein katholischer Priester sich nicht um öffentliche Ämter bewerben darf, folgte auf die Nominierung die Sanktion des Bischofs. Roth musste das Pfarrhaus räumen, darf nicht mehr als Priester praktizieren und bekommt statt eines Gehalts lediglich ein „Tafelgeld“, das zum Leben reichen muss. Die politische Konkurrenz kolportierte zudem Gerüchte über eine angebliche Liebschaft des Priesters.

Doch Roth kämpfte. Er suchte das Gespräch mit den Bürgern und sammelte Punkte. Seine Sätze sind länger als die üblichen Slogans der Parteipolitiker. Wenn er sich auf die katholische Soziallehre beruft, dann redet er, der aus kleinen Verhältnissen stammt, aus eigener Lebenserfahrung. Das kam an. Die CDU, die den tüchtigen, aber eher farblosen Kämmerer Helmut Müller ins Rennen geschickt hatte, wusste um das Risiko, die SPD um ihre Chance.

Roth bekam zudem prominenten Beistand, zuletzt von Parteichef Kurt Beck auf dem Wiesbadener Weihnachtsmarkt. Bei dieser Gelegenheit hatte Beck bekanntlich dem arbeitslosen Henrico Frank empfohlen, sich den Bart abzurasieren. Die geplante Vermittlung eines Jobs schlug allerdings fehl. Jetzt scheint in Wiesbaden eine Bartrasur zum zweiten Mal vergeblich zu sein: Auch aus dem OB-Job für den ehemaligen Stadtdekan wurde nichts.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben