Zeitung Heute : Der vergessene Balkan

CHRISTOPH V.MARSCHALL

Unruhen in Belgrad und in Sofia: Soll die unruhige Wetterecke zu einer Zone der Stabilität werden, dann muß der Westen seine Aufmerksamkeit endlich einmal für längere Zeit dorthin wenden VON CHRISTOPH V.MARSCHALL

Auf einmal ist neben Belgrad eine zweite Balkanhauptstadt ins Visier der internationalen Medienöffentlichkeit geraten: Auch in Sofia gehen Tausende auf die Straßen, um eine sozialistische Regierung zu stürzen.Die Parallelen wirken augenscheinlich.Und schon ist von vielen Seiten zu hören, das serbische Beispiel habe den Bulgaren Mut gemacht.Aber das ist ein wenig richtig und ziemlich falsch zugleich.Tatsächlich demonstrieren in Sofia schon seit Monaten immer wieder größere Gruppen tagelang - nur hat das im Westen keinen interessiert.Erst jetzt, da das Regime in Serbien nach siebenwöchigem friedlichem Protest nachzugeben scheint und gleichzeitig die Massen in Bulgarien nochmals ihren Unmut kundtun - möglicherweise beeinflußt durch die Belgrader Ereignisse -, da richtet sich die Aufmerksamkeit gnädig ebenfalls dorthin.Auch in anderer Hinsicht sind die Unterschiede größer als die Gemeinsamkeiten: In Serbien versucht die Opposition eine seit fünf Jahrzehnten bestehende Diktatur endlich aus dem Sattel zu heben.In Bulgarien dagegen haben die Sozialisten 1994 in völlig freien und fairen Wahlen, auf die nicht der Hauch eines Manipulationsverdachts fiel, die absolute Mehrheit zurückgewonnen - doch sie haben diesen Auftrag nicht zu Reformen genutzt, sondern das Land in eine tiefe ökonomische Krise gestürzt.Mag sein, ließe sich einwenden, aber taugen so feine Unterscheidungen nicht nur für die akademische Diskussion? Das genaue Hinsehen ist jedoch unumgänglich.Der Balkan ist eine der unruhigsten Wetterecken Europas.Schon mehrfach in diesem Jahrhundert wurde das Ausland schließlich für seine Ignoranz gestraft und gegen seinen Willen gezwungen, nicht nur hinzusehen, sondern auch einzugreifen.Mehr noch: Ist diese nicht enden wollende Instabilität vielleicht sogar zu einem Teil darauf zurückzuführen, daß die Welt nur oberflächlich und vorübergehend den Blick dorthin wendet? Bulgarien war 1989/90 hoffnungsvoll gestartet, schien das böse Erbe der Schiwkow-Diktatur rasch hinter sich zu lassen und zu den ostmitteleuropäischen Reformstaaten Polen, Tschechien und Ungarn aufzuschließen.Doch wenige Jahre später ist die Bilanz erschreckend: Viele Menschen müssen wieder hungern und frieren, Inflation und Arbeitslosigkeit erreichen Rekordwerte, die Wirtschaft liegt am Boden, die wenigen florierenden Zweige gehorchen der Kontrolle einer mit dem Staatsapparat verfilzten Mafia roter Kapitalisten.Hat diese Katastrophe spezifisch bulgarische Ursachen? Oder ist sie auf Bedingungen zurückzuführen, die in der ganzen Region anzutreffen sind? Dann nämlich müßte diese Erfahrung die Erwartungen an die nahe Zukunft Serbiens, wo sich nun eine späte Wende abzeichnet, beeinflussen - und sie müßten genutzt werden, damit sich dort das traurige bulgarische Beispiel nicht wiederholt. Schon die Region mit den positiven Reformbeispielen - Polen, Tschechen, Ungarn - erlebte die aus Westeuropa bekannten Entwicklungsphasen zur Bürgergesellschaft mit Verspätung.Für den Balkan trifft das gleich doppelt zu.Die Herrschaftsformen sind autoritär, demokratische Partizipation wird kleingeschrieben.Das sozialistische Experiment beförderte die gesellschaftliche Modernisierung nur in Teilbereichen, etwa durch die brachiale Industrialisierung, insgesamt aber bedeuteten auch diese Jahrzehnte Verzögerung und Zeitverlust.Der Aufbau einer "civil society" muß nun beschleunigt nachgeholt werden.Aus eigener Kraft sind die Länder dazu nicht in der Lage.Doch in dem Augenblick, da Bulgarien die Hilfe von außen dringend benötigt hätte, schweifte der Blick des Westens ab.1991, als die Opposition die zweite freie Parlamentswahl gewann, eskalierte der Konflikt im benachbarten Jugoslawien.Der Krieg blockierte Bulgariens hauptsächliche Im- und Exportroute, das Land wurde abgeschnitten vom übrigen Europa.Schlimmer noch: Durch das internationale Embargo gegen Serbien erlitt die Wirtschaft Milliardenschäden; auf die versprochenen Entschädigungen wartet Sofia bis heute.Soll der Balkan endlich von einer unruhigen Wetterecke zu einer Zone der Stabilität werden, dann muß der Westen seine Aufmerksamkeit endlich einmal für längere Zeit dorthin wenden, muß helfen - und zwar mehr noch beim Aufbau demokratischer Institutionen als bei der Gesundung der Wirtschaft.

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