Zeitung Heute : Der versteckte Mann

Er wollte nie hierher. Doch dann verpasste Hedi Slimane das Flugzeug nach Budapest und landete in Berlins Mitte. Seitdem hat der Chefdesigner von Dior eine Wohnung in der Stadt. Er sagt: „Ich bin so autistisch hier“.

Ulf Lippitz

Hedi Slimane steht vor „Humana“ und will nur eines: weg. Der Chef-Designer von Christian Dior Homme schüttelt den Kopf, als müsse er sich von einem starken Ekel befreien. Da rein? In Berlins größtes Second-Hand Kaufhaus? Nie im Leben – und schon gar nicht unter Beobachtung. Wenn Slimane in Berlin ist, dann will er mit der Modewelt nichts zu tun haben, auch nicht der bei „Humana“. Die Stadt ist sein Ruhepol, an den er sich einmal im Monat zurückzieht. Über Berliner Mode reden, das gehe noch in Ordnung, aber sie anzusehen, anzufassen und womöglich zu beurteilen – das sind ja gleich drei Dinge auf einmal! Das geht nun wirklich nicht.

Er schlägt einen Kaffee im Boxhagener Kiez vor – und marschiert los, über die Frankfurter Allee. Heute trägt er schwarze Schuhe, eine dezent gebleichte Jeans, ein weißes Hemd, darüber ein schwarzes Woll-Jackett und einen langen, grauen Schal, der lose um den Hals hängt. Die schwarzen Haare stehen zu Berge. Er setzt einen Schritt vor den anderen, als überlege er für einen kurzen Moment, wo er nun den Fuß aufsetzen soll. Im Berliner Eingeborenen-Stil nimmt er die Ampeln bei Grün und Rot.

Ab und zu redet er – dass er das Wetter fabelhaft findet, es kaum Verkehr in Berlin gibt, und er deswegen viel zu pünktlich am Frankfurter Tor stand. Aber er redet nie ungefragt. Sein Blick kommt von unten, sucht um Verständnis und bittet um karge Konversation. Die Stimme verliert sich leise am Ende jeden Satzes. Er guckt zu Boden, wenn man ihn anguckt. Vielleicht will er nicht, dass man merkt, dass er Kontaktlinsen trägt. Der 2002 zum „International Designer Of The Year“ gekürte Modeschöpfer ist wirklich kein Freund lauter Töne.

Im Café „Intimes“ an der Boxhagener Straße lässt er sich zuerst ein Wasser bringen. Darin löst er eine Vitamintablette und die eigene Anspannung auf. Heute Morgen ist er mit dem Nachtzug aus Paris angekommen. „Ich nehme ein Flugzeug nur, wenn es gar keine andere Möglichkeit gibt“, sagt er.

Das allererste Mal in Berlin, erzählt er und taut ein wenig auf, das war so eine Ausnahme. Slimane flüchtete damals, 1999, aus Paris. Sein Arbeitgeber Yves Saint Laurent war gerade von der Gucci-Gruppe aufgekauft worden. Mit dem designierten ChefDesigner Tom Ford kam Slimane auf keinen grünen Zweig: Wo Ford protzen wollte, suchte Slimane einfache, schlichte Schnitte. Er löste den Konflikt, indem er spontan einen Flug nach Budapest buchte und seine Anwälte anrief, den Arbeitsvertrag zu lösen. Aber die Maschine war schon weg, als er Roissy erreichte. Also nahm er kurzerhand das nächste Flugzeug auf der Abflugliste. Es flog nach Berlin.

Deutscher Stummfilmstar

„Ich wusste schon nach einer halben Stunde, dass ich in Berlin leben könnte“, sagt er. Warum? Er zögert, lächelt wieder so schamhaft und zuckt mit der Schulter. „Ich wusste es eben.“ Sein erster Besuch ist kurz, aber ausreichend. Er sieht die sozialistische Architektur am Alexanderplatz und besucht eine Party der „Transmediale“, die dort zufällig stattfindet. Er begeistert sich für die Verbindung von zeitgenössischer Kunst und elektronischer Musik, betrachtet sich selbst als Kenner der künstlich generierten Klänge. Was er hört? Er sagt nichts.

Mag er die für die Stadt typische Punk-Elektro-Mischung der Peaches? Kopfschütteln. „Das ist Musik, die kann ich überall, in New York oder Paris, hören“, meint er. „Ich bevorzuge Musik, die unbekannter ist.“ Nach einer Weile: „Markus Nicolai zum Beispiel.“ Ruhiger, verspielter House aus Frankfurt am Main.

Die Mode hat er nie im Visier, wenn er herkommt. Aber andersherum wissen die Modeschöpfer, dass Slimane ab 2000 ein Atelier in Berlins Mitte bezogen hat. Er wird unfreiwillig in eine aufbrechende Mode-Szene hineingeworfen und als hippes Indiz des neuen kreativen Milieus angeführt. Der „International Herald Tribune“ diagnostiziert in Berlin „die nächste erogene Zone“ für Mode-Trends – mit einem expliziten Hinweis auf Slimanes Anwesenheit in der Stadt. Er ist zu einem Markenzeichen geworden – auch dank der freiwilligen Werbearbeit, die Karl Lagerfeld für ihn betreibt. Lagerfeld lobt den Frühdreißiger so oft es ihm ein Interviewpartner erlaubt und soll die dreißig Kilo hauptsächlich deshalb abgespeckt haben, damit er endlich in dessen schlanke Anzüge passe.

Lagerfeld beschrieb Slimane als einen deutschen Stummfilm-Star, „eine Kreuzung zwischen Conrad Veidt und Metropolis“. Die langen Gesprächspausen, die der Designer macht, lassen keinen Zweifel daran, was Lagerfeld meint. Slimane grübelt lange und spricht kurz. Wenn in dieser Sekunde dann im Hintergrund der Cappuccino-Aufschäumer kreischt, hat man Pech gehabt. Dann sieht man nur Slimanes Lippen, wie sie langsam etwas formen, was Wörter sein könnten. Viel Zeit nimmt er sich zum Sinnieren, aber auch für die Arbeit. Im Augenblick sitzt er an der Winterkollektion 2003/04. „Ich mache das so früh, weil ich Zeitdruck hasse“, sagt er. Hat er keine Angst, Trends zu verpassen? „Nein. Ich will mich ja nicht verändern, sondern nur meinen Stil ausbauen.“

Findet er Inspiration für seinen Stil in Berlin? Kann Berlin vielleicht ein neues Fashion-Mekka werden? Slimane guckt verwundert. „Ich bin zwar persönlich von Berlin fasziniert“, sagt er, „aber ich glaube nicht, dass die Modewelt viel mit der Stadt am Hut hat. Das halte ich für ein übertriebenes Klischee.“ Was veranlasst dann Modeschaffende, sich in der „unmodischen“ Stadt niederzulassen oder bekannte Designer ihre Trendscouts hierher zu schicken? „Berlin hat ein ganz besonderes Lebensgefühl“, sagt Slimane. „Die Stadt gibt einem mehr Raum zum Atmen. Das kann sich natürlich in der Mode widerspiegeln.“ Nach einer Weile ergänzt er: „Es existieren keine Mode-Regeln in Berlin. Das ist das Besondere. Berliner sind auf ihre Art modisch. Sehr individuell. Die Einstellung zur Mode ist viel lockerer als in Paris.“

Gibt es schlechte Mode in Berlin? „Nein“, antwortet er gequält, weil man mit solch einer bösartigen Frage schon etwas unterstellt. Man möchte meinen, Neuköllner U-Bahn-Fahrten sind ihm fremd. Aber Slimane kennt seine Berliner Stadtbezirke. „Ich bin dort schon entlanggefahren“, sagt er. „Aber schlechte Mode habe ich dort nicht bemerkt. Sehen Sie, darauf muss ich aber auch nicht achten, wenn ich hier bin.“ Worauf achtet Hedi Slimane in Berlin? Was sucht er hier? Er kann es selbst nicht umreißen. Es sind einerseits die Romantiker, deren Bilder er in der Alten Nationalgalerie betrachtet. Es ist andererseits das Berlin Christopher Isherwoods, das ihn seit der Lektüre in Teenager-Jahren fesselt, und das er hier zu finden hoffte. Das Bohème-Berlin der 20er Jahre. Ein wenig davon hat er entdeckt, meint er – in der Toleranz und Kreativität der Stadt. Schlagworte. Slimane will sie nicht präzisieren. Wenn er Muße hat, besucht er Galerien oder Trödelmärkte. Manchmal geht er auf Konzerte wie den von Orkanböen unterbrochenen Auftritt der französischen Band Air im August. Slimane wird der dramatische Himmel als Caspar-David-Friedrich-Liebhaber gefallen haben.

„Aber alles ist vielleicht in dem Prozess eingebettet, die in der Kindheit verlorene Identität wieder zu finden“, sagt er plötzlich und etwas überraschend. „Ich habe das Gefühl, als Kind nicht richtig gelebt zu haben – und das hole ich jetzt in Teilen nach.“ Dann rafft er sich zu einem Satz auf, der einer Definition am nächsten kommt. „Mode ist immer auch die Suche nach der eigenen Identität.“

Von Mama eingekleidet

Als Kind einer italienischen Mutter und eines tunesischen Vaters wuchs Slimane in Paris als Außenseiter auf – das von Mamma genähte Outfit trug dabei eine Mitschuld. Slimane und Italien – das, so sollte man glauben, sei eine Beziehung gemacht im Himmel. Das Land, in dem jede Piazza ein kleiner Laufsteg ist, wo Mode Namen wie Versace, Armani und Zegna trägt. Pustekuchen! Vorsichtig sagt Slimane: „Mir ist Italien zu eingefahren, zu alt.“ Unter der Hand wird später einer seiner Mitarbeiter sagen: „Er hasst Italien.“ Und er liebt Berlin, weil es genau das Gegenteil ist: jung, offen, in Bewegung und künstlerisch auf der Suche nach der Identität. Hier fühlt er sich zu Hause. Alle sind hier ein bisschen Slimane-an-der-Spree, denn: „Niemand in Berlin kommt wirklich aus Berlin“, sagt er.

Internationalität gibt es aber vor allem in den Räumen der Ausstellungshalle „Kunstwerke“ in der Auguststraße. Hier treffen sich Künstler aus aller Welt. Englisch ist Standard. Bis vor kurzem lebte Slimane in einem Atelier unter dem Dach, das die Zeitschrift „Index“ liebevoll „die Schuhschachtel“ betitelte. Slimane lernte Chefkurator Klaus Biesenbach auf einer Party in New York kennen, kurz nach seiner Berlinreise. Wie das eben passiert. Man braucht Dollar, fragt den Nächstbesten nach einem Geldautomaten in der Gegend und stellt fest, dass es sich bei dem Angesprochenen um einen Ausstellungsmacher aus Berlin handelt.

Biesenbach schätzt an Slimane dessen Natürlichkeit: „Er verhält sich immer sehr unauffällig, stellt sich hinten in einer Warteschlange an und beobachtet gern. Er ist ruhig, sehr kritisch und vollkommen ohne jeden falschen Stolz. Er kam schon mal mit Chauffeur an und eine halbe Stunde später sah man ihn mit Plastiksack in den nächsten Waschsalon rennen.“

Slimanes Ruhm begann bei Yves Saint Laurent. Dort katapultierte ihn der Erfolg der Herrenlinie „Rive Gauche“ ins Rampenlicht. Seit er für Christian Dior die erste Kollektion für Herren kreierte, ist er dort Chefdesigner. Stars wie Tom Cruise und Brad Pitt tragen seine Kreationen, David Bowie sang auf den New Yorker Fashion Awards ein Lied für ihn. Kann sich der Pariser vorstellen, den vakanten Platz Berliner Eleganz zu füllen? Seine Augen schauen, als wäre ihm soeben ein unmoralisches Angebot gemacht worden. „Nein, um Gottes willen, so etwas würde mir nie vorschweben. Hier führe ich ein Leben fernab der Mode. Dabei soll es auch bleiben.“

Berliner Jungs sind anders

Gar keine Arbeit, nirgends in Berlin? Naja, gelegentlich holt ihn die Arbeit doch ein. Wenn er schlaksige, junge Männer in Cafés oder Bars sieht. „Einer muss sie ja ansprechen“, meint er entschuldigend. „Wer, wenn nicht ich?“ Das letzte Mal hier im Café hat er jemanden aufgegabelt. Der junge Mann sei ganz cool und vollkommen unbeeindruckt von ihm gewesen. Vielleicht kannte er den Namen Slimane gar nicht? „Das ist gut möglich“, sagt er – und schmunzelt, als sei es ein Kompliment. „Die Jungs in Berlin nehmen das Modeln nicht so ernst“, meint er anerkennend. „Für sie ist das ein ganz normaler Job wie jeder andere. Sie sind ziemlich cool.“

Slimane braucht offensichtlich diese gelegentliche Ignoranz. Das Schlimmste, was ihm in Berlin passieren kann, sind nicht die Armeen von rosa Jogging-Anzügen und lila Jeans, sondern der Verlust der Anonymität. In Paris und New York sei das bereits so. Ganz unerkannt ging er dagegen kürzlich in ins WMF im Café Moskau. Dort gefiel ihm besonders das Geländer.

Das Schönste an Berlin? „Ich bin so autistisch hier“, sagt er. Für ihn ist die Stadt eine einzige große Pantomimen-Vorstellung: „Ich verstehe kein Wort Deutsch. Ich bekomme kaum etwas von der Interaktion zwischen den Menschen mit. Nur die Gesten.“ Er freut sich darüber – und auf die Aussicht, mit niemandem dieses Wochenende mehr über Mode reden zu müssen. Stumm wedelt er mit zehn Euro. Er will bezahlen. Die Kellnerin ist verunsichert, ihr Gast noch mehr. Er gibt ihr ein unanständig hohes Trinkgeld.

Auf dem Boxhagener Platz reckt Slimane seinen Kopf in die Sonne. „Das Licht in Berlin ist besonders“, schwärmt er. „Es ist so klar, so stark. Keine Ahnung, warum manche Menschen behaupten, Berlin sei eine graue Stadt. Ich erlebe die Stadt immer reich an Licht.“ Hedi Slimane ist ein Eremit mit Biss. Wer seinem Erfolg auf den Grund geht, findet am Ende Beharrlichkeit.

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