Zeitung Heute : Der verstellte Blick

Nicola Kuhn

Wegen eines Brückenbaus könnte das Dresdner Elbtal den Titel eines Weltkulturerbes wieder verlieren. Was hätte das für Folgen?

Ein Schlag ins Kontor: Nicht mal eine Woche, nachdem die Dresdner Frauenkirche als Signal für die Wiedergeburt des einstmaligen „Elbflorenz“ feierlich eingeweiht wurde, gerät die Stadt wegen ihres berühmten Panoramas wieder in die Schlagzeilen. Diesmal allerdings unter negativen Vorzeichen: Es droht ein fataler Prestigeverlust. Der Bau einer vierspurigen Autobrücke zwischen Johann- und Neustadt hatte bereits im September die Unesco auf den Plan gerufen, mit der Drohung, den Titel Weltkulturerbe für das Elbtal wieder abzuerkennen. Der warnende Brief von Francesco Bandarin, Direktor des Unesco-Welterbezentrums Paris, an das Auswärtige Amt gelangte allerdings erst jetzt in die Öffentlichkeit.

Ein Debakel für Dresden, das sich bereits Anfang der 80er Jahre vergeblich um die Aufnahme in die renommeeträchtige Liste bemüht hatte und im Juli 2004 endlich mit dem 20 Kilometer langen Elbtal ans Ziel gelangt war. Die offizielle Urkunde wurde erst im Juni dieses Jahres überreicht. Denkmalpfleger hatten schon damals gewarnt, denn die so genannte Waldschlößchen-Brücke soll ausgerechnet an jener Stelle über den Flusslauf führen, von der aus man den schönsten Blick auf das Dresdner Panorama hat, mit der Kuppel der Frauenkirche im Zentrum. Von dort aus hatte auch der venezianische Barockkünstler Canaletto das erste seiner berühmten Veduten-Bilder gemalt.

Der Streit um den 157 Millionen Euro teuren Bau, den die Dresdner bei einer Bürgerabstimmung allerdings mehrheitlich befürwortet hatten, entzündet sich nun an den unvollständigen Unterlagen für den Aufnahmeantrag zur Weltkulturerbeliste. Laut Dieter Offenhäuser, dem stellvertretenden Generaldirektor der deutschen Unesco-Kommission in Bonn, stellen sich Umfang und Lokalisierung der Brücke heute völlig anders als dar zum Zeitpunkt der Anerkennung. Um zu verhindern, dass die Elbauen nun auf der „Roten Liste“ landen – gemeinsam mit den von den Taliban zerstörten Buddhas im afghanischen Bamian oder dem vom Erdbeben zerstörten iranische Bam – muss sich Dresden nun einer „Stadtbildverträglichkeitsprüfung“ unterziehen.

Welche negative Außenwirkung das Gerangel um einen Verbleib auf der Weltkulturerbe-Liste haben kann, zeigt das Beispiel Köln. Dort bestand der Stadtrat auf Hochhäusern im Blickfeld des Kölner Doms. Prompt gelangte das Bauwerk 2004 auf die „Rote Liste“. Die Hochhäuser werden zwar nicht mehr gebaut, weil Investoren fehlen, doch der Imageschaden im „Vaterland der Denkmalpflege“ ist enorm. Das Prädikat Weltkulturerbe besitzt eben nicht nur touristische Anziehungskraft und dient als Trumpfkarte bei Fördermitteln für infrastrukturelle Maßnahmen, sondern bedeutet für die Träger auch eine Verpflichtung.

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