Zeitung Heute : Der vertrackte Gegenstand

BERNHARD SCHULZ

Das Stilleben in der Moderne: "Objekte der Begierde" in der Londoner Hayward GalleryVON BERNHARD SCHULZWas ist eigentlich aus den herkömmlichen Gattungen der Malerei geworden? Das Portrait zum Beispiel gibt es noch.Gibt es auch das Stilleben? Ist das Stilleben nicht, nachdem es seine Dienste für die Herausbildung der Moderne - von Cézanne bis zu Picasso - geleistet hat, sanft entschlafen? Derlei geht einem durch den Kopf, hört man von einer Ausstellung unter dem Titel "Das moderne Stilleben.Objekte der Begierde".Sie machte im zurückliegenden Sommer in New Yorks Museum of Modern Art Furore und ist jetzt zu ihrer einzigen weiteren Station ins Londoner Ausstellungshaus Hayward Gallery gekommen."Die Geschichte des modernen Stillebens zu erzählen, ist gleichbedeutend mit dem Versuch, die Geschichte der Avantgarde-Kunst des 20.Jahrhundert zu erzählen", macht Ausstellungsleiterin Margit Rowell deutlich.Folgerichtig setzt die Auswahl mit einem gewichtigen Cézanne-Stilleben ein.Handelt es sich also um die altbekannte Geschichte, wie sie so nur noch in den USA erzählt wird, over and over again, vom Königsweg der französischen Avantgarde? Anfangs ja.Die Stilleben von Picasso und Braque, die den synthetischen Kubismus markieren, sind von erlesener Qualität.Aber schon sie führen auf einen Pfad des Zweifels, den der Betrachter nicht wieder verlassen wird.Wer immer nach den Kubisten kommt, will vorrangig keine Stilleben mehr schaffen, sondern - das meint der Begriff des Königsweges - die formalen Fragen der Kunst angehen, unter Zuhilfenahme, wenn es sein muß, eines so banalen gegenständlichen Vorwurfs, wie er im Stilleben zur Verfügung steht.Picasso hat das Absinthglas benutzt (das die Impressionisten kunstwürdig gemacht hatten), andere haben Zigarettgenschachteln oder Bierdosen benutzt. Margit Rowell weist im Einleitungskapitel ihres Katalogs auf die uns Heutigen verborgenen Bedeutungsebenen des Stillebens als eines Abbildes nicht allein realer Objekte, sondern auch des geistigen Umfeldes hin.Der Titel "Objekte der Begierde" spielt auf diese metaphorischen und allegorischen Aufgaben an, die die Dinge in den Augen des Künstlers übernehmen.Leider vertraut die Ausstellung nicht diesem spannenden Ansatz, nach den Sinnbezügen moderner Stilleben zu fragen, sondern klassifiziert sie nach den formalen Errungenschaften der Moderne, die herkömmlicherweise gerade als die Austreibung des über die Form hinausreichenden, in die Abbildung von Gegenständen eingebetteten Sinns verstanden wurde. Nicht nur die Formfrage beschäftigte die moderne Kunst.Die reale Welt bricht in die Kunst ein.Duchamp montiert 1913 eine Fahrradfelge auf einen Holzschemel.Ist das Duchampsche ready-made ein Stilleben oder vielmehr, wie der geniale Verweigerer es sah, eine neue Art von Skulptur? Leider fehlt die provokanteste der Fertigskulpturen, das Urinoir, das Duchamp als "Brunnen" ausstellte und dergestalt die für ihn unverzichtbare Problematik von Gegenstand und Bezeichnung auf den Punkt bringt.Die zwanziger Jahre sahen die Einbeziehung von Alltagsgegenständen, die erwähnte Zigarettenschachtel oder die "Odol"-Flasche bei dem Amerikaner Stuart Davis.Man erinnert sich der MoMA-Ausstellung "High and low", die die Schranken zwischen Hochkunst und Trivialkultur eingerissen hat - genau wie die Künstler es vormachten. Die befriedigendsten ihrer neun Abteilungen hat die mit rund 100 Werken angenehm übersichtliche Ausstellung da, wo die Kunst nicht derart radikale Fragen stellt.Das ist - naturgemäß - der Fall beim Kapitel "Formen einer Neuen Sachlichkeit" mit ihrer allzu einseitig französisch-amerikanischen Werkauswahl, wie sie die Ausstellung insgesamt kennzeichnet, sowie beim folgenden Raum unter dem Titel "Allegorien von Leben und Tod: die erneuerte und verwandelte Tradition".Hier erzeugt die Versammlung von Arbeiten so unterschiedlicher Künstler wie Beckmann, Miro, Picasso oder gar dem späten James Ensor überraschende Reibungen.Die sollte man auch beim Nachkriegskapitel mit der Pop-art erwarten; indessen beginnt hier die bis dahin vorzügliche Auswahl nachzulassen.Wieder stellt sich die Frage angesichts der Duchampschen ready-mades: Stilleben oder Skulptur, Aussage über die Außenwelt oder innerkünstlerische Strategie? Die "Fahne", die Jasper Johns 1958 malte, stellt - schärfer und anders als Warhols endlose Repetitionen der Konsumwelt wie seine "100 Suppendosen" von 1962 - die Gretchenfrage nach der mimetischen, der nachahmenden und nachschöpfenden Aufgabe der Kunst im 20.Jahrhundert.Ist die Fahne das Bild einer Fahne, ist sie ein Objekt namens "Fahne", oder ist sie selbst die Fahne? Oder ist sie nur ein Arrangement von Farben, die als "Fahne" zu lesen den Holzweg der Mimesis beschreitet? Übergehen wir das Schlußkapitel zeitgenössischer Kunst, das, wie immer in solchen Übersichtsausstellungen, das beliebigste ist.Es bleibt der beeindruckende Versuch, ein auf den ersten Blick erledigtes Thema aufzugreifen und konsequent zu durchdenken.Was bei diesem Versuch der Systematisierung auf der Strecke bleibt, ist die Mehrdeutigkeit der Moderne.So zieht den größten Gewinn aus der Ausstellung, wer sie mit dem Strich und zugleich gegen ihn liest. Hayward Gallery, London, bis 4.Januar.Eintritt 5 Pfund, Katalog 14,95 Pfund.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben