Zeitung Heute : Der Voodoo-Demokrat

Jean-Bertrand Aristide war einst Hoffnungsträger für eine gerechtere Zukunft – jetzt steht er ihr im Wege

Martin Gehlen

Einst war er der strahlende Hoffnungsträger seines Landes. Als Jean-Bertrand Aristide, Doktor der Theologie und Pfarrer in einem Elendsviertel von Port-au-Prince, vor 14 Jahren zum ersten demokratischen Staatsoberhaupt Haitis gewählt wurde, jubelte die Bevölkerung tagelang auf den Straßen. Sechs Sprachen spricht der schmächtige und hochintelligente Mann mit der sanften Stimme. Doch keine beherrscht er so perfekt wie die Sprache der armen Massen. Von ihnen lässt er sich bis heute feiern als der „neue Messias“, während die blutige Rebellion im Land immer weiter um sich greift. Oppositionelle Gruppen aller Schattierungen verlangen inzwischen seinen Rücktritt. Sie werfen dem 50-Jährigen Korruption, Wahlbetrug und Amtsmissbrauch vor. Denn während Haiti unter seinem Regime zum ärmsten Staat der gesamten westlichen Hemisphäre herabgesunken ist, schwelgt der ehemalige Armenpriester mittlerweile in einem Vermögen von 40 Millionen Dollar.

Aristide wurde 1953 geboren. Sein Vater starb, als er drei Monate alt war. Seine Mutter schickte den begabten Jungen in Port-au-Prince auf die Grundschule der Salesianer, einem im 19. Jahrhundert in Italien gegründeten sozial-karitativen Orden. Als junger Mann trat Aristide dann in den Orden ein, der ihm eine breite Ausbildung finanzierte. In Kanada, England, Italien und Israel studierte Aristide Theologie, Psychologie und Philosophie. Zurück in Haiti begann er als Pfarrer, für soziale Gerechtigkeit und Demokratie zu predigen. Nach einem Anschlag auf seine Kirche rief er dann zum gewaltsamen Widerstand gegen die herrschende Militärjunta auf, worauf die Salesianer ihn ins Ausland schicken wollten. Als Aristide sich der Anweisung widersetzte, schloss ihn der Orden 1988 aus. Nach diesem Bruch wechselte der streitbare Geistliche vollends in die Politik.

Mit herkömmlichen Vorstellungen von Demokratie jedoch hatte Aristides Herrschaft nicht viel zu tun. Eifrig präsentiert sich der später auch vom Vatikan suspendierte Priester als „Sprachrohr Gottes“. Kritiker erklärt er flugs zu Ketzern. Gewaltenteilung und Einbindung der Opposition – solche Ideen fanden keinen Platz in Aristides Staatskonzept. Erst im vergangenen Jahr erfreute er die Menschen, als er den Volksglauben Voodoo in einem feierlichen Akt zur Staatsreligion erhob. Viele Haitianer glauben bis heute, Aristide sei selbst mit magischen Kräften gesegnet, unter anderem, weil er drei Mordanschläge überlebte.

Haiti hat in seiner Geschichte schon viele Wechselfälle und düstere Kapitel erlebt. Es wurde zur Beute fremder Herren und einheimischer Diktatoren sowie zum Schauplatz blutiger Machtkämpfe. Mit seinen gut acht Millionen Einwohnern ist der 1492 von Kolumbus entdeckte Inselstaat dichter besiedelt als Deutschland. Im 17. Jahrhundert eroberten ihn die Franzosen, 1804 erklärte er sich für unabhängig. 1915 bis 1934 war Haiti von den USA besetzt. Von 1958 bis 1986 regierten die Diktatoren François Duvalier (Papa Doc) und sein Sohn Jean-Claude (Baby Doc), die das Land total herunterwirtschafteten und Zehntausende Haitianer ins Exil trieben. Das unabhängige Haiti blicke zurück auf eine 200-jährige Geschichte voller Diktaturen und blutiger Unruhen, erläutert Aristide, um die jüngste Krise zu relativieren. Darum denkt er auch nicht ans Aufgeben. Bis 2006 will er im Amt bleiben.

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