Zeitung Heute : Der Vorzeigevogel

"Juliet-te." Aber die reagiert nicht, spricht weiter mit ihrem "Englischen Patienten".Auf der Weite des Olympischen Platzes muß man schon etwas lauter rufen.Detlev Buck versucht noch einmal: "Bino-oche!" Wieder nichts.Aber Juliette heißt ohnehin Dorothee, und das hier ist nicht die Wüste, jedenfalls nicht die ägyptische, sondern eine typisch Berlinische, heute vereist, dafür mit blauem Himmel.Da wird die Mercedes A-Klasse gut zur Geltung kommen, und wenn der Buck auch keine Reklame dreht, so wird die perfekte Ausleuchtung seines Produkts den Finanzier dieser Dreharbeiten doch freuen.

Zum zweiten Mal ist Mercedes-Benz Hauptsponsor der Filmfestspiele, wollte sich diesmal aber nicht damit begnügen, die Stars durch die Stadt zu kutschieren, sondern selbst Filmgeschichte schreiben.Sechs Nachwuchsregisseure, ausgewählt unter Absolventen und höheren Semestern deutscher Filmhochschulen, bekommen während der Berlinale an öffentlichen Drehorten für je einen Tag ein Filmset hingestellt, um einen 60- bis 90-Sekunden-Kurzfilm zu drehen.Drehbuchautoren aus dem Buck-Umfeld hatten 20 Mini-Treatments zur Auswahl gestellt, doch konnten die Jungfilmer auch eigene Plots entwickeln.In jedem Filmchen sollte die A-Klasse eine kleine Rolle spielen, das Auto mußte den Drehtag unbeschadet überstehen.Keine Werbefilme sollen entstehen, sondern respektable Regie-Fingerübungen, filmische Visitenkarten, Türöffner für künftige Großprojekte.

Und der Buck, der doch längst kein Filmstudent mehr ist? "Manchmal fühle ich mich noch immer so", gab er gestern launig zu Protokoll, beschrieb seine Rolle im übrigen als "Gevadder" der Nachwuchsfilmer und eine Art "Vorzeigevogel - sonst macht das der Wim Wenders".Über sein Kurz-Remake des "Englische Patienten" - das Orignal findet er "toll" - ließ er sich dagegen kaum etwas entlocken: "Ich würde nicht von einem Plot sprechen." Einiges läßt sich ahnen: Eine Krankenschwester schiebt einen Rollstuhl die Straße entlang, dicke Bandagen, aufgeschminkte Brandwunden, ein kleines Plastikflugzeug weisen den Insassen als "Englischen Patienten" aus.Ein Zebrastreifen spielt offenbar eine Rolle, weiter die A-Klasse.Keinen abgeschlossenen Film will Buck liefern, eher zeigen, was Filmemachen bedeutet, in einer "leichten Form des Drehens" und "just for fun".

Auch ohne Reklameeinsatz: Im Regal sollen die Filme nicht verschwinden.Gezeigt werden sie zwecks cineastischer Imagepflege bei wechselnden Veranstaltungen, die ersten drei bereits bei der Berlinale-Gala des Filmboards Berlin-Brandenburg am 15.Februar in Cinemaxx auf dem Daimler-Areal.Ein Nachruhm ist Buck also sicher: Sein "Englischer Patient" ist der erste Berlinale-Beitrag für den Potsdamer Platz. ac

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben