Zeitung Heute : Der Wahrheit die Ehre

Richard Schröder

TRIALOG

Nach Flucht und Vertreibung beschäftigt nun der alliierte Luftkrieg gegen deutsche Städte unsere Medien und das finden manche gefährlich. Damit werde das Aufrechnen befördert und die deutsche Schuld relativiert und davon profitieren die Rechtsradikalen. Wer so argumentiert, macht sich seinen Gegnern allzu ähnlich: Auch er möchte unangenehme Tatsachen unter dem Teppich halten. Und er wertet sich auf zum Zensor unserer Diskurse.

Zweifellos hat der Bombenkrieg massenhaft Unschuldige getötet, was jedenfalls von den zigtausenden Kindern niemand bestreiten kann. Zweifellos war das „moral bombing" gegen die Zivilbevölkerung völkerrechtswidrig. Und es war militärisch weithin wirkungslos, wenn nicht gar kontraproduktiv. Es hat die Bevölkerung nicht gegen das Regime aufgebracht, sondern, wie jede Katastrophe, aufs nackte Überlebenwollen geworfen. Überlebenskampf entpolitisiert.

Wer hier aufrechnen will, muss zwei Tatsachen berücksichtigen. Der Völkermord an den Juden war gar keine Kriegshandlung, sondern begann als Vernichtung von deutschen Staatsbürgern. Er gehört nicht in diese Rechnung. Und den Luftkrieg gegen die Zivilbevölkerung haben die Nazis begonnen. Wer den totalen Krieg ausruft und das Wort „coventrieren" erfindet, darf sich nicht über das Wort „hamburgisieren" empören. Zurück bleibt ein Erschrecken darüber, wie die Antwort auf den totalen Krieg ihrerseits Züge des totalen Kriegs annahm.

Gegen das Aufrechnen spricht nicht nur, dass wir dabei nie gewinnen können, sondern zuvor noch die Intention selbst, nämlich nach einem Krieg, den das nationalsozialistische Deutschland zu unserem Glück nicht gewonnen hat, ersatzweise Rechtfertigungs- und Entschuldigungsgründe gewinnen zu wollen. Da unsere Eltern und Großeltern die Nazidiktatur nicht stürzen konnten oder wollten, war es für uns ein Glück, dass die USA, obwohl von Deutschland nicht angegriffen, in diesen Krieg kriegsentscheidend eingetreten sind. „In der Wahrheit leben" hat Vaclav Havel gefordert. Erinnerungsverbote und Trauerverbote geben der Wahrheit nicht die Ehre. „Unsere Opfer – eure Opfer", das ist die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Ein humanes Erinnern verzichtet auf diese Unterscheidung und trauert, weil sie alle doch so nicht hätten sterben sollen. Opfer sind zu beklagen, nicht zu verrechnen.

Also: „Nie wieder Krieg"? Das ist zu schön, um wahr zu sein. Wir sollten alles Mögliche tun, um den Einsatz von Waffen zu vermeiden, wie wir das von jedem Polizisten erwarten. Von dem erwarten wir aber auch, dass er seine Waffe gebraucht, wenn anders Schlimmeres nicht zu verhindern ist. Die Entwaffnung aller Polizisten erhöht nicht die Sicherheit. Manchmal kann er auf ihren Gebrauch verzichten, weil er mit ihr droht.

Der Autor ist Professor für Theologie an der Humboldt-Universität zu Berlin.

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