Zeitung Heute : Der Weg nach draußen

ALEXANDER BARTL

Zwei Stücke bei Werkstatttagen Freier Theater am KoppenplatzALEXANDER BARTLEin bißchen Nachsicht hätten sich die drei Frauen gewünscht, weil sie immer zur Flasche greifen, um einsame Nächte zu bewältigen.Ihre Freunde spielen lieber Geige, Klavier und Schlagzeug, lauschen den Takten und übersehen das Elend.Einmal, an der Bar, treiben sie eine Trinkerin mit endlosen Fragen in den Vollrausch, der ihre Sucht schamlos entblößt."Auf Meer gebaut", das jetzt im Theaterprobenhaus am Koppenplatz gezeigt wurde, gerät über dem Thema Alkohol aber selbst ins Wanken, zumal Robin Stahmers Drama nie ins Innere der Figuren blickt.Keiner versucht hier, dem Laster zu entgehen.Zur Abwechslung zeigt ein Filmprojektor verschlungene Körper auf der Wiese - der Traum vom Glück, das nur noch durch hochprozentige Getränke zu haben ist? Im Spätprogramm der Zweiten Werkstatt-Tage der Freien Theater ist ein weiteres Stück angekündigt, daß uns vielleicht noch vor der Sperrstunde umstimmt: In "Sokrates und Kriton sind Dick und Doof" begleitet die Stiftung Theater die letzten Tage des griechischen Philosophen.Weil ihm der Schierlingsbecher droht, will der Gefangene fliehen, nachdem er alle Argumente für seinen Entschluß bedacht hat.Nicht der Kerker, seine eigene Gedankenwelt verwehrt ihm den Ausbruch.Ein Lichtfeld an der Rückwand, der Weg nach draußen, springt aus seiner Reichweite, sobald er danach greift.Slapstick-Komik lockert den Vortrag des Helden, der im Alltag versagt.Dienstbeflissen hält Kriton seinem Herrn ein Ruder hin, damit der darauf hochsteigen kann ins Licht. Ziellos taumelt Thomas Falk als Sokrates über die Bühne, klammert sich an Gedächtnissplitter und spinnt sie fort.Weiße Schminke im Gesicht mit Schatten unter den Augen besiegelt sein Schicksal von Beginn an und macht den rhetorischen Kampf noch eindringlicher; Kurzweil - ganz ohne Alkohol.

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