Zeitung Heute : Der Weg nach Westen

Ein Istanbuler Viehmarkt und die Vogelgrippe

Susanne Güsten[Istanbul]

Schneeregen in Istanbul, knöcheltief steht der Schlamm zwischen den Plastikzelten auf dem Viehmarkt im Viertel Maltepe, im Südosten der Stadt. Brüllende Rinder werden an Stricken auf Lastwagen gezerrt, laut schreiend preisen Händler ihre letzten Schafböcke an, gleichmütig stapfen Männer mit wettergegerbten Gesichtern daran vorbei. Die Bauern sind in der Stadt: Aus der ganzen Türkei, vor allem aber aus dem Osten des Landes, sind tausende von ihnen in Istanbul, um ihr Vieh für das heute beginnende islamische Opferfest an die Städter zu verkaufen. Vielleicht haben sie auch noch etwas anderes mitgebracht. Das Vogelgrippe-Virus.

„Das ist meine beste Kuh“, sagt der Bauer Ersin Yilmaz und klatscht einem hellen Rind auf die kotverklebte Flanke. „Aber gut sind sie alle – hab alle verkaufen können.“ Die Einnahmen kommen ihm sehr gelegen, denn zu Hause in seinem Dorf in der osttürkischen Provinz Erzincan sind gerade all seine Hühner von den Behörden getötet worden – wegen Vogelgrippe. Ob nur vorsichtshalber oder weil die Tiere erkrankt waren, weiß Yilmaz nicht. Er sagt, dass sie in einem Stall mit den Kühen zusammenlebten, die er hier in Istanbul verkauft hat.

Von welchen Tieren der Kot stammt, der das Fell der Rinder verklebt – ob von den Kühen selbst oder auch von den Hühnern –, das weiß niemand. Geputzt werden osttürkische Rinder jedenfalls nicht.

Getrockneter Hühnerkot ist einer der Übertragungswege für die Vogelgrippe, von dort aus kann das Virus in die Atemwege von Menschen gelangen. Mittlerweile 14 Fälle, bei denen das Virus den Weg zum Menschen genommen hat, sind den Behörden bekannt. Die Seuche hat den europäischen Teil des Landes erreicht, in westlichen Außenbezirken von Istanbul wurden erkrankte Hühner gemeldet. 23 Bewohner der Stadt wurden mit Verdacht auf Vogelgrippe im Krankenhaus behandelt.

„Das ist doch alles Blödsinn“, sagt ein anderer Bauer. Er heißt Orhan Arpa und sitzt auf einem alten Sofa, das er in seinem Stallzelt zwischen den Kühen im Schlamm aufgestellt hat. Arpa kommt aus dem ostanatolischen Kars, wo in den ersten Tagen des Jahres schon tausende Hühner getötet wurden. „Es gibt keine Vogelgrippe, das ist alles ein Komplott aus dem Ausland“, sagt er. Jedes Jahr werde rechtzeitig zum Opferfest irgendein Seuchengerücht lanciert, um den Bauern das Geschäft zu verderben. „Vor ein paar Jahren war es der Rinderwahn, jetzt kommen sie mit der Vogelgrippe – ich glaube davon kein Wort.“ Selbstverständlich lebten auch seine Kühe zu Hause in Kars mit den Hühnern zusammen, sagt Arpa – so wie er das auch selbst tue.

Orhan Arpa schläft auch auf dem Markt bei den Tieren, nachts dient ihm das Sofa als Bett. Ähnlich machen es alle osttürkischen Bauern hier.

Die Behörden von Istanbul bemühen sich unterdessen, wenigstens die Schlachtbedingungen in der Stadt unter Kontrolle zu halten. Amtstierärzte untersuchen die Rinder und Schafe auf den Viehmärkten und Schlachtplätzen, Reinigungstrupps spritzen sie mit Desinfektionsmittel ab. Und der Gesundheitsminister Recep Akdag beschwört die Bauern: „Versteckt die Tiere nicht.“ Er klagt über jene, die infizierte Hühner lieber im Sofakasten oder im Lehmofen verbergen würden, als sie den Gesundheitsinspektoren zu übergeben.

Das kleinste Übel derzeit: In einigen Vierteln von Istanbul sind die Eierpreise wegen der eingebrochenen Nachfrage inzwischen um die Hälfte gefallen.

Und der Gesundheitsminister sagt: „Landhühner und Landeier gehören in die Schublade der Geschichte.“

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