Zeitung Heute : Der Weg von Brest nach Godesberg

ERIC BONSE

Die französischen Sozialisten haben sich zu einer klassisch sozialdemokratischen Partei entwickeltVON ERIC BONSE PARIS.Totgesagte leben länger.Daß dies auch in der Politik gilt, wollen an diesem Wochenende die französischen Sozialisten beweisen.Bei ihrem Kongreß in der bretonischen Hafenstadt Brest präsentieren sie sich als selbstbewußte, moderne Partei, die geschlossen hinter Premierminister Lionel Jospin steht.Damit wollen sie die Agonie vergessen machen, in der die Parti Socialiste (PS) noch vor drei Jahren dahindämmerte.Damals waren die Sozialisten auf einem Tiefpunkt angelangt.Nach schmerzhaften liberalen Reformen und noch schmerzhafteren Korruptions-Affären hatten sie nicht nur die politische Orientierung, sondern auch die Wählergunst verloren.Für Zusammenhalt sorgte nur noch Präsident und Parteigründer François Mitterrand.Doch es war keine politische Einsicht, sondern die unheilbare Krebskrankheit Mitterrands, die die Genossen zusammenschweißte.Intern war die Partei in tief verfeindete "Strömungen" zerfallen.Niemand wußte, was nach dem nahen Ende der Mitterrand-Ära kommen sollte Nur einer nahm sich das Recht heraus, politische Inventur zu machen: Lionel Jospin.Viele warfen dem Mitterrand-Schüler deshalb Majestätsbeleidigung vor.Doch gerade sein Sakrileg sollte sich als Jospins Stärke erweisen.Erst als Präsidentschaftskandidat, dann als Parteichef und nun als Premierminister verkörpert er den Bruch mit dem monarchistischen, machtverliebten und letztlich amoralischen Stil Mitterrands. Jospin hat nicht nur die innerparteilichen "Strömungen" ausgetrocknet, die Mitterrand genußvoll gegeneinander ausspielte.Er hat die Partei auch vom Pestgeruch der Korruption und des Machtmißbrauchs befreit.Jospins Aufrichtigkeit ist es zu verdanken, daß sich die einst totgesagte PS im Sauseschritt aus dem Schatten des Übervaters Mitterrand befreit hat und heute geläutert und gefestigt erscheint. Weniger positiv fällt die Bilanz aus, was die programmatische Erneuerung betrifft.Jospin hat seine Partei keiner Totaloperation unterzogen, wie sein britischer Amtskollege Tony Blair.Es sind immer noch die alten Sozialisten und keine "New Labour", die Frankreich seit den Neuwahlen vom Juni regieren.Allerdings hatte Jospin auch nicht 18 Oppositions-Jahre Zeit für eine Reform, sondern nur zwei. Manches klingt daher noch anachronistisch wie die Forderung nach der 35-Stunden-Woche mit vollem Lohnausgleich.Die bürgerliche Opposition und die Arbeitgeber werfen Jospin sogar Dogmatismus vor.In Wirklichkeit hat sich der Premier jedoch längst vom vollen Lohnausgleich verabschiedet.Die Einführung der 35-Stunden-Woche soll auf Unternehmensebene ausgehandelt und nicht starr von oben verordnet werden.Nicht Dogmatismus, sondern Pragmatismus kennzeichnet die "Methode Jospin". Noch mehr Beachtung verdient die Europapolitik.Zwar waren die französischen Sozialisten in Brüssel seit jeher aktiv.Doch Jospins Initiativen, wie soeben beim EU-Beschäftigungsgipfel in Luxemburg, haben eine neue Qualität.Sie bedeuten den endgültigen Abschied vom "Sozialismus à la française", den Mitterrand zu Beginn seiner Amtszeit 1981 proklamiert hatte.Die PS sucht heute keinen nationalen Sonderweg mehr.Sie hat sich vielmehr zum Vorreiter eines europäischen Sozialmodells entwickelt, das sich am alten sozialdemokratischen "Modell Deutschland" orientiert. Es ist kein Zufall, daß Jospin sich gut mit Oskar Lafontaine versteht und den SPD-Chef nach Brest eingeladen hat.Denn im Grunde haben sich die französischen Sozialisten zu einer klassisch sozialdemokratischen Partei entwickelt.Gewiß, Brest ist nicht Bad Godesberg.Doch der Weg ist nicht mehr weit.

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