Zeitung Heute : Der weiche Kern der Gesellschaft

DIETER THOMÄ

Die Demontage der Familie wird sich im nächsten Jahrhundert fortsetzen

Eine gute Nachricht zuerst: Die deutsche Familie ist erfolgreicher als die deutsche Wirtschaft. 35,8 Millionen Erwerbstätige gab es hierzulande im Jahr 1997, dagegen standen 37,8 Millionen Verheiratete: ein satter Vorsprung von zwei Millionen. Wenn die Familie denn in der Krise sein sollte, dann kann man sich doch damit trösten, daß ihr Zustand weit weniger bedenklich ist als der der Wirtschaft - jedenfalls solange man sich an jene etwas waghalsig gegeneinander gestellten Zahlen hält.

Die Familie hat also eine Gegenwart - hat sie auch eine Zukunft? Das hängt davon ab, wie es um diese Gegenwart bestellt ist. Schauen wir also genauer hin und halten wir uns an die Familie im engeren Sinn: die Lebensform, die Erwachsene und Kinder miteinander teilen. Wäre diese Familie von heute als Wanderung in einem Reiseführer verzeichnet, stünde dort vermerkt: "Extremtour". Und würde die Familie in einem Katalog zur Küchenausstattung angeboten, müßte man unter "Mehrzweckgeräte" suchen. So ist auch klar, was Mitglieder einer Familie zu sein haben - nämlich: funktionstüchtige Extremisten. Es geht ungewöhnlich zu in ihren vier Wänden. Die Familie ist eine Institution, in der eine Vielfalt von Aufgaben, Bedürfnissen und Interessen verschränkt ist. Sie soll Liebesnest, Wirtschaftseinheit und Erziehungsanstalt sein. Immer wieder kommt es zu harschen Konflikten zwischen diesen Aufgaben. Man ringt um die Vereinbarkeit von Kind und Karriere, Liebeslust und Nachtarbeit. Ein Familienvater übt sich, wenn er fleißig ist, im Rollenwechsel etwa zwischen Chauffeur, Geldautomat, Koch, Lastesel, Lehrer, Liebhaber, Reiseveranstalter und Seelentröster. In der Regel hat die Ehefrau noch weit mehr Rollen zu spielen, doch spielerisch ist daran oft nicht mehr viel. Ein Sozialplaner, der eine Gesellschaft ordentlich am Reißbrett zu entwerfen hätte, würde auf solch unübersichtliche Verhältnisse wohl nur in seinen Albträumen treffen. Die Familie ist also eine Art Mehrzweckgerät, und so steht es bei ihr auch nicht anders als bei seinen Namensvettern: Man kommt bei der Bedienung leicht durcheinander, verliert sich gelegentlich bei all den verschiedenen Einsätzen und Vorsätzen - aber praktisch ist es doch: man hat Alles in Einem. Die Attraktivität der Familie scheint gerade darin zu liegen, daß man bei einer Vielzahl von Aufgaben und Bedürfnissen doch immer weiß, an welchen Adressaten man sich wenden kann - immer an denselben: die Familie.

Nun ist die Familie aber auch noch eine Angelegenheit für Extremisten. Wenn man die Aufgaben mustert, die in ihr zu bewältigen sind, dann stößt man auf Herausforderungen, die weit abweichen vom Üblichen und Menschen an ihre Grenzen bringen. Dies gilt insbesondere für junge Eltern, die sich schlaflose Nächte und andere Mühsal aufhalsen. Daß sie dabei in Extremsituationen geraten, ist unvermeidlich, sie können sich freilich damit trösten, daß die positiven Erfahrungen, die dabei zu machen sind, ebenso extrem sind: konkurrenzlos schön nämlich. Doch auch jenseits des frühen Leids und des jungen Glücks sind Eltern Extremisten. Sie lassen sich ein auf tiefe Zusammengehörigkeit, überwältigende Erfahrungen und alltägliche Irritationen, und sie liegen damit quer zu der Lebensform, die heute zeitgemäß ist und aller Voraussicht nach im 21. Jahrhundert vollends zum Favoriten werden wird. Diese Lebensform ist geprägt von dem Wunsch, das tun zu können, was man will, und dem Anspruch, alles im Griff zu haben. Einfach tun, was man will - das kann man in der Familie aber nur sehr begrenzt, und wer gar meint, in diesem Kräfte- und Liebesspiel alles im Griff zu haben, muß ein gestörtes Verhältnis zur Wirklichkeit haben.

Von jenen Ambitionen weicht das Leben des Familienmitglieds also weit ab. Gemessen an dieser Lebensart erweist es sich als Außenseiter, als Extremist. Nimmt man diese zwei Aspekte des Familienlebens zusammen, dann gelangt man zu einem aufrührenden Resultat: An der Stelle, wo so viele Alltäglichkeiten zusammenkommen wie nirgendwo sonst, stößt man auf etwas, das unalltäglich ist. Die Familie ist weit weniger "normal", als man dies vermuten dürfte, da sie doch millionenfach auftritt und ständig als hohes Gut gepriesen wird. Liegt am Ende der gesetzliche Schutz, den sie genießt, in derselben Kategorie wie der gesetzliche Schutz vom Aussterben bedrohter Tierarten? Im Kern dieser Gesellschaft findet sich jedenfalls nichts Hartes, kein felsenfestes Fundament, sondern etwas Weiches: das fragile familiäre Zusammenspiel von Pflicht und Neigung, Finanz- und Seelenhaushalt. Ein weicher Kern - das heißt, daß die Familie bei der Fülle der Aufgaben, die sie zu erfüllen hat, erstaunlich elastisch ist, das heißt aber auch, daß ihr Funktionieren nicht für alle Zukunft garantiert ist. Sie kann als Energielieferant einer Gesellschaft nicht stillschweigend vorausgesetzt werden - als käme ihre Leistung so selbstverständlich wie der Strom aus der Steckdose. Etwas Natürliches ist die moderne Familie nun eben gerade nicht, sie ist vielmehr ein wunderbares oder wunderliches Ergebnis der kulturellen Entwicklung - einer Entwicklung, die weitergeht.

Welche weiteren Wandlungen sind zu erwarten? Die ersten Jahrzehnte dieses Jahrhunderts haben die Menschen damit zugebracht, die neurotischen Potentiale, die selbstzerstörerische Dynamik der Familie zu analysieren; das Erscheinen von Freuds "Traumdeutung" 1900 und Thomas Manns "Buddenbrooks" 1901 lieferte dazu zwei Paukenschläge als Ouvertüre. Nunmehr ist jeder vertraut damit, daß die Familie eine prekäre Engstelle ist, an der die Gefühle sich reiben. Doch inzwischen haben sich auch die großen Alternativmodelle zur Familie - seien sie nun staatssozialistisch oder anarchisch - müde- oder totgelaufen. So hat die Familie trotz der eingehenden Erkundung ihrer Schattenseiten Bestand, und daran wird sich auch in der Zukunft nichts ändern. Sie wird freilich ihre Erscheinungsformen weiter entfalten: Stiefväter und -mütter, Halbschwestern- und brüder werden noch zahlreicher werden, ebenso familienähnliche Wohn- und Lebensgemeinschaften und sogenannte unvollständige Familien (übrigens ein dummer Ausdruck; was ist vollständig an einer "klassischen" Familie, in der der Gemahl immer im Büro, in der Kneipe oder bei der Geliebten ist?). Die Familie der Zukunft hat viele Gesichter, doch sie wird ihre Monopolstellung wahren als das, was die Fachchinesen "Sozialisationsagentur" nennen; sie stellt die Erziehungsberechtigten.

An diesem scheinbar unbestrittenen Monopol ist jedoch etwas Trügerisches; verdeckt wird damit eine schleichende Demontage, die schon eingesetzt hat und sich im nächsten Jahrhundert ausdehnen wird. Oft bilden Familien heute nur noch Fassaden, hinter denen die Kinder sich selbst überlassen sind. Die beruflichen Ansprüche und Beanspruchungen Erwachsener sind gestiegen, die Zeit für die Familie wird zur knappen Ressource. Die Familie ist dabei, von einem sozialen Stauraum zu einem sozialen Hohlraum zu werden. Im Nachklang des schrecklichen Attentats, das zwei Jungen im März dieses Jahres auf ihre Mitschüler an der "Columbine High School" in Littleton/Colorado verübt haben, war viel zu lesen über das Selbstgefühl amerikanischer Jugendlicher. So bemerkte der US-Gewaltforscher Hill Walker, daß normalerweise die Jugendlichen in einer Welt "fast ohne Erwachsene" aufwüchsen, und dieser künstliche Kontext sei letztlich nichts anderes als eine Art "virtueller Realität". Als offizielle "Sozialisationsagentur" für Heranwachsende wird sie immer mehr zum Scheingeschäft, die Konkurrenz durch den Kreis der Clique und das Rechteck des Computerbildschirms verschärft sich. Rechnet man die Stunden zusammen, die Kinder in diesen anderen Welten verbringen, so haben diese der Welt der Familie wohl schon heute den Rang abgelaufen. Dies liegt in der Logik der modernen Leistungsgesellschaft, die von den Erwachsenen vollen Einsatz fordert und die Familie als "weichen Kern" des Lebens in den Hintergrund treibt; dabei setzt die Gesellschaft freilich das aufs Spiel, was dieser "weiche Kern" bislang stillschweigend bereitstellte. Nathan Black, ein Junge aus Littleton, erklärte in einem Interview nach dem Attentat, in der Welt seiner Clique könne er ganz "er selbst" sein: "So ein Sicherheitsnetz gibt mir das Selbstvertrauen, etwas Neues auszuprobieren." Was er hier als Gabe der Clique beschreibt, hatte bislang einen anderen Absender: die Eltern. Und die große Erwartung, daß die Clique unbedingtes, vorbehaltloses Vertrauen gewähre, geht doch ins Leere. Beziehungen zwischen Jugendlichen sind trotz aller Treueschwüre Experimente, Probehandlungen. Ein tragfähiges "Sicherheitsnetz" für die Jugend des nächsten Jahrhunderts wird in Cliquen nicht geschaffen. Von dem, was die Jugendlichen sich selbst gegenseitig zu bieten haben, werden sie unweigerlich enttäuscht werden. Wenn sie die Familie "auslassen", dann werden sie mit dieser Enttäuschung alleingelassen - und auch mit deren nächsten Nachbarn: der Wut, der Zerstörung, der Rache.

Nachdem man sich über die Explosivkräfte der traditionellen Familie in diesem Jahrhundert klar geworden ist, sind nun Lektionen zu lernen über die Zerstörungspotentiale jener eigenen Welt, in der Jugendliche heute zu leben beginnen. Eine der Lehren aus Littleton ist, daß es für die Familie in einer bestimmten Hinsicht tatsächlich keinen Ersatz gibt: Wenn sie hält, was sie verspricht, dann finden Kinder in ihr ein Vertrauen, das ihnen in ihrem Leben sonst nicht zuteil wird. Sie werden geliebt - ohne Sonderkonditionen, ohne Verfallsdatum, ohne Beweisnot. Müssen sie das entbehren, dann fällt ein Schatten auf alle Beziehungen, die sie ansonsten eingehen können. Und gelegentlich führt diese Beziehungs-Krise zum Blutbad. Das Monster in Mary Shelleys Roman "Frankenstein" sagt den gar nicht monströsen, sondern höchst einsichtigen Satz: "Das Elend erst hat mich zum Feind gemacht." - Und der Philosoph Max Horkheimer erklärt knapp und treffend: "Wer glücklich ist, bedarf nicht der Bosheit."

Das heißt nun freilich nicht, daß im nächsten Jahrhundert eine Entscheidung anstünde zwischen der Familie als glücklicher Idylle einerseits, der gewaltverdächtigen Clique andererseits. Destruktive Potentiale gibt es hier wie dort, und aufwachsen wird man immer in mehreren Welten zugleich. Die Frage ist eher, wie die Balance zwischen diesen Welten aussieht und welchen ersten Wohnsitz man dem Gefühlsleben Heranwachsender wünscht: die Haß- und Liebeshändel in der Familie oder die Feind- und Vertrauensseligkeiten in der Clique. Und ich bleibe dabei: Was letztere leisten kann, ist doch viel zu wenig für einen jungen Menschen, der sich mit seinem Leben anfreunden will.

Noch kurz vor Littleton hatte der Spiegel verkündet, "Eltern" seien sowieso "ohne Einfluß", in Wirklichkeit komme es auf sie als Bezugspersonen gar nicht entscheidend an. Vermutlich wird diese vorgebliche Einsicht demnächst widerrufen; nichts ist so alt wie der Trend von gestern. Viele Menschen haben sich heute freilich in einer Haltung bequemer Achtlosigkeit eingerichtet. Sie zählen die Familie zum verläßlichen Kernbestand der Gesellschaft und nehmen den Prozeß der inneren Aushöhlung nicht ernst, mit dem ihr das Leben schwer wird. In dieser Ignoranz tut sich vor allem ein Typus hervor: der wirtschaftsliberale Wertkonservative, der in der Sozialpolitik die Familie feiert und sie zugleich in der Wirtschaftspolitik demontiert. Im nächsten Jahrhundert wird man mit der Familie, die kein traditionelles Rührstück, sondern ein ungewöhnliches, unzeitgemäßes Erbstück ist, wohl weiter schlampig umgehen - bis die soziale Schmerzgrenze überschritten ist. Erst dann wird man dem weichen Kern der Gesellschaft, der von ihr gebildet wird, vielleicht wieder mehr Aufmerksamkeit schenken.

Es geht hier aber nicht nur darum, daß die Familie dem Funktionieren einer Gesellschaft zuträglich sei. Irgendwann könnte sich auch herumsprechen, daß die Familie extreme Erfahrungen bereithält, nach denen man sich, handelte es sich um Mahlzeiten, die Finger lecken würde. Einstweilen bleibt sie ein Geheimtip, den alle kennen.

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