Zeitung Heute : Der weiche Riese

Er war Europameister und hatte die Chance auf mehr. Aber in Runde neun gab Luan Krasniqi einfach auf. Wie es zu dem Blackout eines Schwergewichts kam.

Norbert Thomma

Ein dummer Boxer mit Abitur – geht das? Luan Krasniqi ist ein Sprachtalent, aufgewachsen mit Serbo-kroatisch und Albanisch, Italienisch hat er vom Fernseher aufgeschnappt, das Spanische kam mit einer Freundin, Englisch hat er im Londoner Boxstall Panix geredet, und Deutsch musste er fürs Gymnasium in Rottweil pauken. Zurzeit liest der Boxer einen Roman von Paulo Coelho; als vereidigter Dolmetscher übersetzt er ganze Verhandlungstage oder Prozessakten in süddeutschen Gerichten.

Es ist dieser Luan Krasniqi also überhaupt nicht dumm, sondern ein gebildeter und eloquenter Mann von 31 Jahren, einerseits. Andererseits hat er am Abend des 20. Juli seinen Beruf ausgeübt „wie ein Volltrottel“ – das sagt er selbst. Zeugen dafür gibt es genug. 7000 Zuschauer saßen in der Dortmunder Westfalenhalle, dreieinhalb Millionen schauten im ZDF zu. Und sie sahen mit fassungslosem Staunen, wie der Profiboxer Krasniqi ohne Not einfach wegwarf, was er doch so fest in den Händen hielt: den Titel des Europameisters, viel Geld, seinen guten Ruf.

Für die „Bild“-Zeitung war es „Der Box- Witz des Jahres“. Nun ist die Geschichte des Profiboxens voll mit wilden und traurigen Anekdoten; es gab Tote im Ring, Betrügereien, skandalöse Urteile. Aber noch nie, noch niemals hat ein Athlet freiwillig einen Kampf aufgegeben, in dem er haushoch nach Punkten führte. Den er eigentlich nicht mehr verlieren konnte.

Luan Krasniqi hat genau das getan, in Runde neun nach zwölf Sekunden. Er wischte sich mit dem Handschuh seinen Mundschutz aus den Zähnen, ließ Kopf und Arme hängen, drehte seinem Gegner den Rücken zu. Und der irritierte Ringrichter brach den Kampf ab. Was war da passiert?

Die Frage führt nach Hamburg-Wandsbek, aufs Gelände einer alten Tischlerei. Das Tor zur langgestreckten Werkshalle ist blau gestrichen, auf beiden Seiten hängen türgroße, rote Fausthandschuhe. Es ist das Trainingsgelände von „Universum“, die erste Adresse der Branche. Hier arbeiten gut zwei Dutzend Boxer, die Gebrüder Klitschko darunter und Dariusz Michalczewski, gewesene und amtierende Weltmeister. Gleich rechts gehen ein paar Holzstufen hinauf zum Zimmer der Physiotherapeuten. Salben und Binden liegen herum, Kabel und medizinisches Gerät, eine Videoanlage. Michael Timm schiebt eine Kassette in den Rekorder. Er hockt sich auf die Massagebank und drückt die Fernbedienung. Timm ist der Trainer von Krasniqi, und er kann nun auf dem Bildschirm sehen, was er bis heute nicht so richtig begreift.

Zu betrachten sind da die beiden Schwergewichtler Krasniqi und Przemyslaw Saleta, erste Runde. „Er fängt so gut an“, sagt Timm, „mit schönen Jabs, das hätte er nur weiter machen müssen.“ Er meint die kurzen, schnellen Hiebe mit der linken Hand. Jabs halten den Gegner vom Leib. Sie sind lästig wie Wespen beim Picknick. „Aber jetzt verliert er schon seine Linie, er stürzt sich voll rein, er schlägt wilde Schwinger.“ In den Pausen zeigt die Kamera als Nahaufnahme Krasniqi in der Ringecke sitzend und den Trainer, der auf ihn einredet. „Hören Sie, was ich sage? ,Boxen!’, sag’ ich. ,Mach ihn nicht stark’, sag’ ich. ,Konzentrier dich!’ Hören Sie, Luan sagt ,Ja’, aber er ist mit dem Kopf gar nicht dabei.“

Die Tür geht auf, und Luan Krasniqi schaut um die Ecke. Er sieht, was im Fernseher läuft, und brummt, ehe er rasch verschwindet: „Oh Gott, das muss ich mir nicht mehr geben. Ich hab jede Sekunde davon im Kopf.“ Er wird wohl nie vergessen, wie geistlos er dreinhaute, damals im Juli. Wie sein Gegner wackelte und doch nicht fiel. Wie er nach der fünften Runde anfing, zu Timm zu sagen: „Ich mag nicht mehr! Ich bin platt!“ Wie der Trainer ihn immer wieder in den Ring zurückschob, und noch in Runde acht tobte das Publikum „Jetzt geht’s looos“, es jubelte Krasniqi zu, dem Europameister, der es wohl bleiben würde. Doch Krasniqi sagte kurz darauf in der Pause: „Ich hab’ genug! Schluss!“ Timm sagte beschwörend: „Du liegst klar vorne! Hör mir zu!“ Krasniqi sagte: „Scheißegal.“ Timm sagte: „Geh da rein.“ Krasniqi sagte: „Es ist aus. Schluss!“ Er stand auf – und nach zwölf Sekunden in Runde neun jubelte sein unterlegener Gegner.

Der Trainer legt die Fernbedienung weg. Er geht runter in die Halle, 500 Quadratmeter Boxfabrik mit familiärer Atmosphäre. Zwei Seilgevierte sind aufgebaut, die Böden in diesem telegenen blau, vor dem Politiker heutzutage ihre Reden halten. Michael Timm stülpt sich flache Lederpolster über die Hände und steigt in den erhöhten Ring. Luan Kransiqi, 192 Zentimeter hoch, 102 Kilo schwer und kein Gramm Fett, stößt ächzend seine Fäuste in die Polster. Pratzenarbeit nennen sie das. Das Schlagrepertoire verfeinern, automatisieren. An der Wand tickt eine Uhr mit nur vier Ziffern; eine Runde im Boxen dauert drei Minuten, gefolgt von 60 Sekunden Pause. Das laute Klingeln gibt den Rhythmus an, nach dem sie alle atmen, von früh bis in die Nacht. Drei Minuten Volldampf, eine Minute Erholung. Der Takt des Kampfes muss in Fleisch und Blut übergehen.

Wie antike Recken sehen die Boxer der Kategorie Schwergewicht aus: wuchtig, stabil. Doch die Trainer sagen, es gelte die Regel: je schwerer, desto sensibler. Hinter Bergen von Muskeln wohnen Mimosen. Einer der Weltmeister nennt das lächelnd „einen Irrtum der Natur“. Auch Riesen zweifeln. Es gibt immer einen Stärkeren. Es sollte nur für solche Gedanken kein Raum sein im Kopf, nicht während des Kampfes. Und wenn doch? Dann blockiert der Körper. „Freeze in“ sagen die Amerikaner, der Mann friert ein, er wird steif, wehrlos. War es das, was Krasniqi im Juli erlebte?

Derzeit wird er fit gemacht für den Auftritt an diesem Samstag, sein erster nach dem Debakel. Wieder Dortmund, wieder Westfalenhalle, sogar vor 12000 Zuschauern diesmal. Denn der viel berühmtere Witali Klitschko ist die Hauptattraktion. Dieser Klitschko hämmert gerade auf einen Sandsack ein. Sein Bruder Wladimir lässt vor einem garagentorgroßen Spiegel das Springseil pfeifen. Andere Boxer machen Gymnastik, stemmen Eisen, werfen Medizinbälle an die Wand, knüppeln mit Keulen auf Traktorreifen, Schattenboxen. Es wummert und klatscht und klirrt. Und Krasniqi, das schwarze T-Shirt wölbt sich unter Muskeln, schlägt Kombinationen in Lederpratzen.

Durch den Schmerz zum Ruhm

Natürlich will er seinen Titel wieder. Ein Europameister kassiert 200000 Euro für jeden Kampf, schätzt ein Boxpromoter. Einem Niemand geben sie 20 Prozent davon, höchstens. Und die Arbeit für den Boxer ist dieselbe. Vier oder fünf Kämpfe muss Krasniqi nun erst einmal gewinnen, Rehabilitation, ehe er vom Europäischen Boxverband eine neue Chance bekommt, sich den Titel zurückzuholen. Ein ganzes Jahr in der Warteschleife bedeutet das.

Der Boxer und sein Trainer sagen, sie harmonierten inwischen wieder. Nach dem „Desaster mit Blackout“, wie der Athlet seine erste Schlappe nach 20 Profi-Siegen nennt, wollte Michael Timm nicht mehr. Krasniqi hatte öffentlich angedeutet, mangelnde Vorbereitung sei Schuld gewesen am Versagen. Und Timm hatte zu Hause irritiert seinen grünen Ordner aus dem Regal gezogen. Blatt für Blatt sind hier seine Boxer abgeheftet, mit kleiner Handschrift notiert der 40-Jährige Zahlenkolonnen. Unter Luan Krasniqi standen für die zehn Trainingswochen 250 Kilometer Laufen, Sparring gut 100 Runden, und noch drei mal so viele Runden für Seilspringen, Schattenboxen, Sandsack. Das übliche Pensum. Daran kann es nicht gelegen haben.

Sie haben dann miteinander geredet. Diesmal war es Timm, der sagte: Aus! Schluss! Und Krasniqi hat gebettelt, nimm mich zurück, und der Trainer ist weich geworden. Und der Boxer ist aus seinem Heimatort Rottweil wieder nach Hamburg-Wandsbek gefahren. Er schindet sich. Er hat kein Auge für die alten Plakate, die die Wände der Trainingshalle pflastern: Jahrzehnte deutscher Boxgeschichte, berühmte Namen, verblasste Gesichter. Über den Türen zu den Duschräumen hängen goldene Lorbeerkränze mit Schleifen in schwarz-rot-gold, verstaubter Ruhm.

Was war das für ein Weg, dieser erste Gang hierher zurück? Der Boxer sagt, es war fast wie immer. Der Trainer sagt, „es war ein Spießrutenlauf“. Es sind Sprüche gefallen wie, dieser Waschlappen solle sich doch „Stöckelschuhe anziehen“. Jeder kann mal verlieren, aber nicht so.

Boxer sind darauf gedrillt, nicht aufzugeben. Dem Fluchtinstinkt eines normalen Menschen dürfen sie nicht nachgeben. Sie werden umgehauen und müssen wieder aufstehen. Die amerikanische Schriftstellerin Joyce Carol Oates hat in einem großen Essay „Über Boxen“ geschrieben, Boxer hofften „durch den Schmerz hindurchzugehen und dann zu triumphieren“. Aufgeben ist die Antithese zum Kampf; im Kodex der Boxer ist es ehrlos.

Es ist ja nicht so, dass andere diesen Moment der Schwäche nicht kennen. Witali Klitschko, Schwergewicht, auch ihn hat es mal erwischt. Sein Trainer hat ihn dann an den Ohrläppchen gerissen: Wach auf! Mach weiter! Oder Juan Carlos Gomez, Schwergewicht, der eben im Trainingsanzug vorbeischlurft. Er hatte nach sechs Runden eines Titelkampfs schon genug. Sein Trainer packte ihn an der Gurgel, er rüttelte ihn, willst du so zu deinem Sohn zurück, als Memme? Sechs Runden später war Gomez Weltmeister.

Luan Krasniqi sitzt frisch geduscht an einem langen Tisch mit 14 lila Stühlen neben dem kleineren der beiden Boxringe. Hier futtert zusammen, wer zusammen trainiert. Kranzkuchen steht da, Obst, geschmückt durch die weiße Tischdecke, blauer Kerzen, kleine Vasen mit Männertreu und Röschen. Krasniqi schnappt sich Fruchtsaft und Trinkjoghurt. Er hat die kurzen Haare nach hinten gefönt. Seine Nase ist berufstypisch verbreitert. Die zivile Kleidung verrät Geschmack und einen Hang zur dezenten Eleganz.

Ja, das ist der Luan Krasniqi, wie man ihn stets geschildert findet. Zuvorkommend, charmant, nachdenklich, intelligent, ein bisschen treuherzig manchmal; einer, der ohne jedes „Ähh“ geradeaus redet. Und der auch seinen Stolz nicht versteckt darüber, was er bisher erreicht hat.

Die Klugheit des Kämpfers

Mit 16 Jahren ist er aus dem Kosovo den Eltern ins Schwäbische nachgezogen, hat mit dem Boxen angefangen beim BSV Rottweil und im Handumdrehen Deutsch gelernt, Abitur, Lehre als Großhandelskaufmann, eingebürgert mit 23, zwei Jahre später Vizeweltmeister der Amateure, Europameister und Olympiadritter in Atlanta 1996. Glänzende Karriere, ein Musterbeispiel der Integration.

Er hätte es danach kommod haben können und zur Bundeswehr gehen, Offizierslaufbahn, Sportkompanie. Er ist Profi geworden. Er sagt, „ich wollte es wissen. Reiz und Ehrgeiz waren groß“. Und er glaubt auch erklären zu können, was ihn zu einem Dummkopf gemacht hat an jenem Juliabend in Dortmund. „Ich hatte meine Gefühle nicht im Griff. Ich dachte, ich sei reif, aber ich habe mich überschätzt.“ Man müsse sich doch mal vorstellen, sagt er, Witali Klitschko war als Hauptkämpfer eingeplant, plötzlich ein Bandscheibenvorfall, die Fernsehverträge waren fest, auf einmal gerät er, Krasniqi, mit seinem Kampf „viel zu schnell“ zur dicken Nummer. Alle Scheinwerfer auf ihm, alle Zuschauer nur für ihn allein, live im ZDF. Er sah seine Chance, fünf Schritte auf einmal zu tun, die Wartezeit auf einen Weltmeisterschafts-Kampf mit einem Schlag zu verkürzen.

Er hat ja nur auf diesen einen, den entscheidenden Schlag gewartet. Er würde Saleta rasch umhauen, mit der ganzen Wucht seiner Kraft, wild und in den ersten Runden. Sollte der Trainer doch reden was er will! Er hat schon bei den Amateuren bisweilen so geboxt, „hitzköpfig, jähzornig“. Doch Amateure müssen nur drei Runden durchstehen, nicht zwölf. Und Saleta hielt sich auf den Beinen.

Das war im Plan des Boxers Krasniqi nicht vorgesehen. Er hatte diesen Gegner vorher nicht mal auf Video angeschaut, wie es üblich ist. Er hatte die weit entfernten Ziele im Blick und strauchelte über das, was direkt vor ihm war. Aus sein Traum, „wie ein Held gefeiert zu werden“. Unansprechbar für die Ratschläge von Trainer Timm hatte der Schwergewichtler aufgegeben, „trotzig wie ein kleiner Junge, ein Opfer meiner eigenen Eitelkeit“. Er hätte sich nur an diesen Saleta klammern müssen, wie es jeder Boxer tut, wenn er müde ist, ihn durch den Ring schieben, ein paar Schläge hinnehmen. Er wäre so kein strahlender Held gewesen, aber erfolgreich.

Man hat die Worte eines Trainers im Ohr, „manche Boxer können kaum Zeitung lesen, aber im Ring sind sie hochintelligent“. Es ist die Klugheit des Kämpfers, nicht die der Universität. Ein intelligenter Boxer studiert seinen Gegner die ersten Runden mit wachem Auge, späht nach Schwächen, treibt ihn, ändert flexibel seine Taktik, hört auf den Trainer. Intelligentes Boxen kennt keine Gefühlsstürme, kein blindes Losdreschen.

Krasniqi sagt, er habe sich die acht Runden von Dortmund wohl zwanzig Mal angeschaut, mit schweißnassen Händen. Es ist kein Jammern aus seinen Worten zu hören, eher Ernüchterung. Krasniqi weiß, dass er noch Zeit hat. Schwergewichtler reifen spät, 31 ist da kein Alter. Wenn er jetzt den Blick hebt und in den Ring der Trainigshalle schaut, sieht er einen schwarzen Hünen mit Witali Klitschko trainieren: Thomas Williams aus Washington D.C., sein Gegner am Samstag.

Luan Krasniqi sagt, der sei zu schaffen, aber nicht ganz einfach. Michael Timm sagt, intelligente Boxer lernen aus Niederlagen.

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