Zeitung Heute : Der Welt so fern

Andrea Nüsse[Kairo]

Die radikalislamische Hamas hat ihre Kabinettsliste für die künftige Palästinenserregierung fertig gestellt. Was sagt sie über den künftigen Kurs der Palästinenser aus?


Der Autonomieregierung in Ramallah werden in Zukunft nur noch Mitglieder der Hamas angehören. Nachdem bereits die bisher regierende Fatah von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas eine Regierungsbeteiligung abgelehnt hatte, schlug gestern auch die links-säkulare Palästinensische Front zur Befreiung Palästinas (PFLP) ein Angebot der Hamas, die über die absolute Mehrheit im Parlament verfügt, aus.

Die Hamas-Führung hätte sich durchaus eine Koalition mit anderen Kräften gewünscht. Denn die bisherige außerparlamentarische Opposition bringt wenig Erfahrung auf internationalem Parkett mit. Zwar gilt der designierte Ministerpräsident Ismail Haniya als moderat, doch die in Kreisen der Hamas kursierenden Namen von Ministerkandidaten deuten auf ein künftiges Kabinett der Hardliner hin.

Wenn sich die Spekulationen bestätigen sollten, dann dürfte der Hamas-Funktionär Mahmud al Sahar neuer Außenminister werden. Der 55 Jahre alte Chirurg aus Gaza, bisher Fraktionsführer von Hamas im Parlament, gilt als einer der stursten Köpfe der Bewegung. Diplomatie und Fingerspitzengefühl bewies er bisher nicht. Auf der internationalen Bühne würde Sahar – ebenso wenig wie irgendein anderer Hamas-Außenminister – ohnehin nicht auftreten können. Denn die Gruppe wird von Israel, der EU und den USA als Terrororganisation eingestuft.

Dennoch könnte Sahar einiges Porzellan zerschlagen. Zwar war Sahar für die Kontakte der Hamas zur PLO zuständig – doch für den Umgang mit dem Westen ist er der falsche Mann. Er wirkt eher wie ein Besessener und lässt im Gespräch mit westlichen Journalisten nichts unversucht, um diese von der angeblichen Korruptheit und Verwerflichkeit des Westens zu überzeugen. Auch wenn Sahar ein politisches Schwergewicht ist – mit seiner Ernennung zum Außenminister stellt sich die Hamas selbst ein Bein.

Dagegen wird Said Sejam, der als Innenminister im Gespräch ist, zu den Pragmatikern gezählt. Der 47-jährige Lehrer, der einst Mathematik unterrichtete, wurde dennoch vier Mal von Israel festgenommen. Gerade erst aus dem Gefängnis entlassen hat Israel den möglichen neuen Finanzminister Omar Abdel Razek. Der 50-jährige Wirtschaftsprofessor stammt aus der Westbank, wo die Hamas generell moderater auftritt als im Gaza-Streifen. Er unterrichtet an der Najah-Universität in Nablus und leitete das Wahlkampfteam der Hamas in der Westbank.

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