Zeitung Heute : Der Weltganze lebt von Schmuck und Ordnung

Bernhard Schulz

Als "Überschwänglichkeiten der Kriegs- und Nachkriegsjahre" hat Bruno Taut seine visionären Entwürfe zu einer "Alpinen Architektur" von 1920 später abgetan. Aber die Fantasien wirkten nach - und zählen heute zum unausgeschöpften Fundus einer über das bloße Funktionieren hinausweisenden Architektur. Mit dem Funktionalismus strenger Prägung hatte Bruno Taut (1880 - 1938) nichts im Sinn. Der Siegeszug des "International Style" hat die Erinnerung an ihn lange verdunkelt. Die Großsiedlungen, die Taut in den zwanziger Jahren in Berlin errichten konnte, galten als eher lokales Erbe. Es waren Bewunderer und ehemalige Schüler, die sein Werk wiederentdeckten, etwa Kurt Junghanns in der DDR, der 1970 das als "sozialistisch" zurecht gelegte Engagement Tauts herausstrich. Doch seit der Wiedervereinigung sind Tauts so lange vernachlässigte Bauten in Ost und West weitgehend restauriert worden - und herausgekommen ist ein farbenfroher und experimentierfreudiger, allen Dogmen abholder und zwischen Volksbautradition und Neuer Sachlichkeit changierender Architekt. Es wurde Zeit für eine Publikation auf neuestem Kenntnisstand. Winfried Nerdinger, der Münchner Architekturhistoriker, hat so gut wie alle Taut-Forscher zu einem imponierenden Sammelband vereint, er in 18 Einzelbeiträgen das vielschichtige µuvre auffächert. Dabei kommt keine stringente Monografie heraus; andererseits erscheint die Betrachtung nach Einzelthemen angemessen bei einem Architekten und mehr noch Baukünstler, der immer wieder neue Wege beschritten hat. Ihn leitete der Wunsch, "eine Synthese zwischen der alten Tradition un der modernen Zivilisation" zu finden, wie er 1938, kurz vor seinem frühen Tod im türkischen Exil, bekannte. Vor allem aber war Taut ein unerreichter Meister der Farbe, der farbigen Gestaltung seiner Häuser bis ins kleinste Detail. Bruno Taut kehrt mit dem vorliegenden Buch triumphal in die Architekturgeschichte zurück.

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