Zeitung Heute : Der Weltkonzern als Trendsetter

ALFONS FRESE

Vor kurzem noch beim Elchtest aus der Kurve geflogen und nun Trendsetter für Veränderungen in der AutoindustrieVON ALFONS FRESEDie Daimler-Benz AG fährt mit ihrem Chefpiloten Jürgen Schrempp im rasanten Tempo auf die Weltmärkte.Die Strategie: Ballast abwerfen und dann aus der Position der Stärke heraus einen Partner suchen.Schrempp hat die Vision Edzards Reuters vom Technologiekonzern zertrümmert, AEG verkauft und Fokker fallengelassen.Die neue Daimler-Chrysler AG vollendet die Konzentration auf das Kerngeschäft, den Bau von Automobilen.So wie die Mercedes-Silberpfeile gegenwärtig die Formel 1 dominieren, so wird die neue Weltfirma Daimler-Chrysler mit einer unvergleichlichen Produktvielfalt auf allen Märkten präsent sein.Die Konkurrenz ist geschockt.Vor allem in Asien und Südamerika, wo in den nächsten Jahrzehnten die meisten Autos verkauft werden, will der neue Riese attackieren.Das geht vor allem gegen VW, heute noch Marktführer in Lateinamerika und China.Deshalb wirft die aktuelle Fusion die Frage auf, wie der Wolfsburger Konzern reagiert.Wen einverleibt sich VW, nachdem die Übernahme von Rolls-Royce nicht geklappt hat?Die Autoindustrie beweise, "was für eine Kraft, was für unternehmerischer Geist, was für ein Arbeitswille und was für Fähigkeiten der Hand und des Kopfes im deutschen Unternehmer und deutschen Arbeitnehmer stecken" - mit diesen großen Worten eröffnete Konrad Adenauer Anfang der 50er Jahre die erste Autoausstellung nach dem Krieg.Der enorme Erfolg der deutschen Pkw-Hersteller war eine Grundlage des westdeutschen Wirtschaftswunders.Heute führt die kraftstrotzende Branche vor, was Globalisierung bedeutet.Nach der schweren Krise 1993/94 haben die deutschen Autobauer rund 60 Mrd.DM investiert, sind schneller, effizienter und kreativer geworden und fahren inzwischen Milliardengewinne ein; dem Crashkurs fielen allerdings 110 000 Arbeitsplätze zum Opfer.Noch vor weniger Jahren befürchtete VW-Chef Ferdinand Piëch die Eroberung des Abendlandes durch Toyota, Nissan und Mazda.Heute verdienen deutsche Autofirmen mehr Geld in Japan als umgekehrt.Die vollen Kassen werden zum Einkaufen und zur Kapazitätserweiterung genutzt.Auf dem amerikanischen Kontinent haben BMW, Mercedes und VW neue Fabriken eröffnet.Gegenwärtig erwägt VW, aufgrund des sagenhaften Erfolgs des New Beetle, ein weiteres Werk für den Käfer-Nachfolger zu bauen.Mit der Übernahme von Rover und demnächst Rolls-Royce rundet BMW seine Produktpalette nach oben und unten ab.Daimler ist bislang den Weg gegangen, mit Eigenentwicklungen wie der A-Klasse, dem Smart und im Luxusbereich wohl demnächst Maybach ein relativ komplettes Sortiment anbieten zu können.Nun kommen vor allem Chrysler-Geländewagen und -Vans hinzu.Doch das ist nicht der entscheidende Punkt.Vielmehr stehen Einsparungen und die gemeinsame Eroberung von Wachstumsmärken im Vordergrund.Durch die Kooperation bei Entwicklung und Einkauf, durch die wechselseitige Nutzung von Werken und Kapazitäten und den technologischen Austausch wollen Daimler und Chrysler jedes Jahr fünf Milliarden D-Mark sparen.Für Asien "und weitere sich schnell entwickelnde Regionen sollen Produktstrategien entwickelt werden", teilen die Partner mit.Deshalb sei mit der Fusion auch kein Arbeitsplatzabbau verbunden.Im Gegenteil: Aufgrund der "hervorragenden Wachstumsperspektiven" soll sich die gegenwärtige Zahl der Daimler-Chrysler-Mitarbeiter von 421 000 sogar erhöhen.Hier sind Zweifel angebracht.Nicht so sehr deshalb, weil dies die erste Riesenfusion wäre, die keine negativen Auswirkungen auf die Arbeitsplätze hätte.Es sind die Marktbedingungen selbst, die noch zu mancher Werkschließung führen dürften: Weltweit werden die Überkapazitäten auf 20 bis 30 Prozent geschätzt.Zumal in Europa gibt es zu viele Fabriken.Gleichzeitig sind die größten Märkte nahezu gesättigt, in Westeuropa, Nordamerika und Japan sind starke Zuwächse nicht zu erwarten.Das Überleben wird entsprechend schwieriger, der Verdrängungswettbewerb beschleunigt sich.Deshalb fahren nur wenige Autofirmen ins nächste Jahrtausend.Auf Daimler-Chrysler könnte demnächst VW-Renault folgen.

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