Zeitung Heute : Der Wildnis ganz nah

Zoos gab es schon vor Carl Hagenbeck, doch der Hamburger hatte 1907 eine neue Idee: der Tierpark ohne Käfig. Und außer Löwen ließ er auch Beduinen und Indianer bestaunen.

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Von Haug von Kuenheim Es war die Krönung seines Lebens. Vor genau 100 Jahren, am 7. Mai 1907, eröffnete Carl Hagenbeck vor den Toren seiner Heimatstadt Hamburg im damals noch preußischen Stellingen einen zoologischen Garten, wie ihn die Welt noch nie gesehen hatte.

Der Feuilletonist Philipp Berges, der als Ghostwriter Hagenbecks Erinnerungen „Von Tieren und Menschen“ verfasst hat, beschrieb im „Hamburger Fremdenblatt“ das „Wunder eines zoologischen Gartens“: „So kann man einen Park wohl nennen, in welchem die Tiere ohne Käfig und Gitterstäbe bei Frost und Hitze, im Sommer wie im Winter, frei umherlaufen … Durch eine genial ersonnene, ganz sichere Vorrichtung, durch Wassergräben, die mit Pflanzenarrangements kaschiert sind, ist das Publikum von den Tieren getrennt. Fürs Auge aber bauen sich die vollen Tierpanoramen frei auf, und die Tiere selbst sind, soweit es überhaupt möglich ist, der Natur zurückgegeben.“

Anlagen mit freier Sicht auf die Tiere waren den herkömmlichen Zoos mit ihren Gitterkäfigen bis dahin fremd. In kürzester Zeit wurde Hagenbecks Tierpark zu einem Publikumsrenner. 800 000 Besucher pilgerten im ersten Jahr zu Fuß nach Stellingen, noch führte die Elektrische nicht bis vor die Tore Hagenbecks. Heute fährt die U-Bahn dort hin, und der Tierpark, geführt von der sechsten Generation Hagenbeck, hat seine Anziehungskraft nicht verloren.

Am Anfang des Hagenbeck‘schen Unternehmens standen sechs junge Seehunde. Sie wurden vor 160 Jahren von Elbfischern an Carl senior, den Vater von Carl, geliefert, der auf St. Pauli einen Fischhandel betrieb. Es zeigte sich, dass die Hamburger kamen, um sich die lustigen Viecher anzuschauen, die sich da in einem Bottich tummelten. Und die Leute zahlten sogar einen Schilling dafür.

Da der Senior annahm, dass auch anderswo Interesse bestünde, verfrachtete er seine Schaustücke 1848 nach Berlin. Doch der Zeitpunkt war nicht gut gewählt, in Berlin brach gerade die Revolution aus. Die Berliner kamen dennoch zu Krolls Etablissement am Rande des Tiergartens. Ein paar Wochen später verkaufte er die Tiere an einen Schausteller und zog aus seiner Seehundaffäre zwei Schlüsse: Man kann Geld verdienen, wenn man lebende Tiere zeigt, und Geld machen, wenn man sie verkauft. Hagenbecks Tierhandel nahm seinen Anfang.

Es war die Zeit, als in Europa zoologische Gärten entstanden, in Berlin 1844, in Frankfurt am Main 1858, in Köln 1860. Und diese brauchten Tiere. Es war auch die Zeit, da Jäger und Abenteurer Afrika eroberten und exotische Tiere nach Europa brachten. Noch lag das Zentrum des Tierhandels in London, doch bald war bekannt, dass ein Hamburger Jung schneller war als seine Konkurrenten. Der junge Carl, der so gut wie keine Schulbildung hatte –, Zeit seines Lebens sprach er deftiges Platt und ein im Hafen gelerntes Englisch – wurde zum ersten Gehilfen seines Vaters und übernahm schon mit 15 Jahren in eigener Verantwortung den Tierhandel.

Die Zeit war wie geschaffen für ihn, den jungen Aufsteiger. Es waren Jahre des Aufbruchs, Eisenbahnen lösten die Postkutsche des Biedermeier ab, Dampfschiffe liefen vom Stapel, und die Telegrafie wurde zu einem ersten globalen Netzwerk verknüpft. Carl Hagenbeck war ein typischer Vertreter dieser neuen Ära. Seine Anfänge waren bescheiden, doch als er starb, gehörte der preußische Kommerzienrat zu den angesehensten Bürgern der Hansestadt, respektiert weit über deren Grenzen hinaus.

Erfahrungen, wie wilde Tiere zu behandeln seien, wie zu transportieren, wie zu ernähren, hatte der junge Tierhändler nicht. Hagenbeck erzählt in seinen Erinnerungen von Elefanten, die in seinen Stallungen plötzlich verendeten. Es stellte sich heraus, dass die Fußsohlen der Tiere durchgefressen waren – von Ratten, die sich durch die Holzbohlen genagt hatten. „Wer hätte an eine solche Gefahr denken können“, schreibt er, „man lernt erst durch Verlust.“ Aus heutiger Sicht war damals im 19. Jahrhundert in der Behandlung von Tieren vieles Tierquälerei: die engen Käfige, in denen sie gehalten wurden, oder die oft grausame Art, sie zu fangen. Es war üblich, möglichst junge Tiere heimzubringen, was bedeutete, dass in aller Regel die Muttertiere getötet wurden.

Carl Hagenbeck selbst hat nie an einer solchen Expedition teilgenommen. Er dirigierte vom Kontor aus seine Reisenden. So paradox es erscheinen mag, das Tier war für ihn zwar Handelsware, gleichwohl ein Lebewesen, dem seine Zuneigung galt. Schließlich wurde er auch Ehrenmitglied des Hamburger Tierschutzvereins.

Hagenbecks Tierhandel wuchs ins Gigantische. Er hatte zig Reisende unter Vertrag, die immer wieder Massen von Elefanten, Affen, Giraffen und andere exotische Tiere heranschaffen mussten. Und er suchte ständig nach neuen Geschäftsfeldern. Ein Freund brachte ihn schließlich auf die Idee, dass exotische Menschen vielleicht eine noch größere Anziehungskraft hätten als exotische Tiere. Er ließ eine Herde Rentiere, die er in Lappland geordert hatte, von sechs Lappländern begleiten, samt Hunden, Schlitten und sonstigen Gerätschaften. Diese erste sogenannte Völkerschau, im Jahr 1874, war die Sensation in Hamburg. Das Publikum strömte zum Neuen Pferdemarkt Nr.13, wo Hagenbeck inzwischen ein Anwesen besaß mit einem 6000 Quadratmeter großen Hinterhof, der sich zu einem regelrechten Zoo auswuchs. Hier bauten die Lappländer zur Gaudi der Hamburger ihre Zelte auf und ab, und wenn ganz ungeniert die Lappländerin ihrem Baby die Brust reichte, fielen den Hanseaten die Augen aus dem Kopf.

Hagenbeck, 30 Jahre alt, scheute sich von nun an nicht, Menschen aus fernen Welten öffentlich vorzuführen. Er wurde zum erfolgreichsten Veranstalter von Völkerschauen in Europa. Seine immer opulenter werdenden, auf den Geschmack des Publikums ausgerichteten Darbietungen, begleitet von einer cleveren Werbung, erschlossen ihm ein lukratives Feld. Den Lappländern folgte eine Karawane von Nubiern. Die Truppe war ausgestattet mit Tieren und völkerkundlichen Gegenständen, dazu wurden Reiterspiele und Tänze aufgeführt. Die Zeitungen schrieben, dass sich die weiblichen Zuschauer geradezu „nubiertoll“ aufgeführt hätten.

Nicht immer verliefen Hagenbecks Schauen erfolgreich. Eine endete tragisch. Sechs Eskimos aus Labrador starben auf ihrer Reise durch Europa, man hatte vergessen, sie gegen Pocken zu impfen. Trotz dieses Unglücks hielt Hagenbeck mit Unterbrechungen an den Völkerschauen fest. Bis zu seinem Tod 1913 hatte er rund 50 Schauen organisiert.

Insgesamt gab es in jenen Jahren sehr viel mehr solcher Veranstaltungen. Angestachelt von Hagenbecks Erfolgen, versuchten auch andere, auf diesem Markt Geld zu machen. Um sich von seinen Konkurrenten abzusetzen, legte der Hamburger größten Wert auf Seriosität und Authentizität seiner Vorstellungen, die schon damals nicht unumstritten waren. In dem Mediziner und Anthropologen Rudolf Virchow (1821–1902) fand er einen prominenten Unterstützer, der viele von Hagenbecks Schützlingen untersucht und vermessen hatte. „Diese Menschenvorstellungen sind sehr interessant für jeden, der sich einigermaßen klar werden will über die Stellung, welche der Mensch überhaupt in der Natur einnimmt und über die Entwicklung, welche das Menschengeschlecht durchmessen hat“, beschied der einem Kritiker, der es abstoßend fand, Menschen neben Elefanten auszustellen. Virchow nahm Carl Hagenbeck in seine Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte auf.

Den absoluten Höhepunkt erreichten die Völkerschauen 1910, als Hagenbeck 42 Sioux und zehn Cowboys aus den USA für fünf Monate in seinen Stellinger Tierpark holte. Über eine Million Menschen kamen, um das Indianer-Schauspiel zu erleben. Großes Theater lieferte die Truppe mit Flintenknallen, Tomahawk und Überfällen auf Postkutschen. Der „Edle Wilde“, wie ihn die Menschen sich dank der Romane von Karl May oder James Fenimore Cooper vorstellten, schien ihnen hier leibhaftig gegenüberzutreten.

Trotz Völkerschauen blieb für Carl Hagenbeck das Kerngeschäft der Tierhandel. Aus diesem entwickelte sich ein neues Feld: die zahme Zirkusdressur. Galt es bislang, die „Bestie Tier“ mit roher Gewalt unter die Knute des Dompteurs zu zwingen, so verlangte Hagenbeck nun von ihm, durch „Liebe, Güte und Beharrlichkeit“ Tiere zu beherrschen. Der zahmen Dressur (nicht eigentlich eine Erfindung Carl Hagenbecks, sie geht eher auf seinen Bruder Wilhelm zurück) wurde von ihm international zum Durchbruch verholfen.

Hagenbeck verfügte durch seinen Handel über so viele Tiere, dass er in großem Stil verschiedene Arten gemeinsam vorführen lassen konnte. Zwei Tiger im Geschirr zogen einen römischen Siegeswagen durch die Manege, in dem aufrecht ein Löwe stand, umwallt von einem goldbetressten Mantel und einer Krone auf dem Kopf. Dem Gespann folgten zwei gefleckte Doggen, die ihre Pfoten auf den Wagen stützten. Die Welt staunte.

Viele Jahre trug sich der Hamburger mit der Idee, Tiere nicht hinter Gittern, sondern in scheinbarer Freiheit in einer künstlichen Felslandschaft zu halten. In seinem Stellinger Tierpark realisierte er diesen Plan. Es war für ihn das Nonplusultra moderner Tierhaltung, für viele Zoodirektoren allerdings eine unverschämte Herausforderung. Sie nannten den Park „Handelstierpark“, er sei für die Tiere lediglich Durchgangsstation. Für sie blieb Hagenbeck ein Schausteller und Händler, der nicht in ihre Reihen gehörte. Sie boykottierten den Konkurrenten, kauften bei ihm fortan keine Tiere mehr.

Doch Hagenbeck konnte sich seines Publikums sicher sein. Die Massen strömten, das Lied „Nun geh’n wir mal nach Hagenbeck und hol’n uns da ein Äffchen weg“ wurde zum Gassenhauer. „Deutschland und Stellingen muss man gesehen haben“, sang Caruso, und der Erfinder Thomas A. Edison ließ sich mit Hagenbeck vor einem kleinen Nilpferd ablichten. Selbst Kaiser Wilhelm II. erwies dem Tierparkdirektor seine Reverenz, dreimal besuchten Majestät Hagenbeck in Stellingen, ernannten ihn schließlich zum Kommerzienrat.

Vielleicht hoffte Hagenbeck, im Kaiser einen Bundesgenossen zu haben, als er plante, die Hauptstadt zu erobern. Dem Berliner Zoodirektor Ludwig Heck (1860–1951) wurden die Knie weich. Seinen Zoo hatte Wilhelm II. nie betreten und nun Hagenbeck ante portas! In der Jungfernheide wollte der Hamburger einen „Zukunftstierpark“ errichten.

Die Pläne zerschlugen sich schließlich. Doch allein die Drohung des Hamburgers, nach Berlin überzusiedeln, erregte viele Gemüter. Noch nach Hagenbecks Tod erschien im Berliner Norden eine kostenlos verteilte Zeitschrift, die sich in Anlehnung an das verhinderte Projekt „Das Afrikanische (Hagenbeck) Viertel“ nannte, in der ein „Professor Immerschlauer“ die Frage aufwarf: „Wer ist Hagenbeck?“, die er auch gleich beantwortete: „Ein großes Tier, neben Caruso, Bethmann-Hollweg (Reichskanzler, d. Red.) und dem Tango zweifelsohne der interessanteste Gegenstand des Tages“. Das in dem Blatt annoncierte Restaurant und Konzert-Café „Zum Hagenbeck“ existierte wirklich. Ein Otto Goerner betrieb es in Moabit, Seestraße / Ecke Müllerstraße bis in die 20er Jahre.

Am 14. April 1913 starb Carl Hagenbeck mit 68 Jahren an den Folgen einer Niereninsuffizienz. Die Hamburger ehrten ihn wie einen Volkshelden. 2500 Kränze trugen sie auf den Friedhof nach Ohlsdorf, so viele wie noch nie bei einem Begräbnis.

Vom Autor erschien kürzlich die Biografie: Carl Hagenbeck, Ellert & Richter Verlag Hamburg.

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