Zeitung Heute : Der Wind weht schärfer

SANDRA LUZINA

Mit altem Renommee vor neuer Zukunft: Die Staatliche Ballettschule BerlinVON SANDRA LUZINADie Suite "Früh übt sich ...", die Schüler aller Altersklassen an der Stange versammelt, bildete auch diesmal den Auftakt der Ballett-Matinee der Staatlichen Ballettschule Berlin, das Exerzitium geriet zur nachdrücklichen Demonstration pädagogischen Eifers.Die Eleven stellten sich dann vor allem in den Solos ein gutes Zeugnis aus. Früh, nämlich schon mit 10 Jahren, beginnt die achtjährige Ausbildung an der Staatlichen Ballettschule Berlin.Tanzausbildung und Allgemeinausbildung finden unter einem Dach statt, dieses integrierte Modell ist einzigartig in der Bundesrepublik.Nach dem Realschulabschluß besuchen die Schüler eine zweijährige Berufsfachschule, deren Absolventen sich nach einer Abschlußprüfung "Staatlich geprüfter Bühnentänzer" nennen dürfen.Die kommissarische Schulleiterin Christine Sauerbaum-Thieme prüft derzeit, ob eine gymnasiale Oberstufe eingeführt werden kann.Nicht ohne Grund wurde diesmal die Deutsche Oper als Aufführungsort der Leistungsschau gewählt.Denn im Westteil der Stadt ist die Schule noch nicht so bekannt oder steht immer noch im Geruch einer sozialistischen Kaderschmiede.Gerade hat das Landesschulamt in einem Rundschreiben über die Schule informiert.Denn immer noch bewerben sich fast doppelt soviele Kinder aus dem Ost-Teil Berlins um einen Ausbildungsplatz, bundesweit gesehen halten sich die Bewerbungen aus den neuen und den alten Bundesländern mittlerweile die Waage.Von Nachwuchssorgen spricht man in der Erich-Weinert-Straße nicht, doch während sich in der Hauptstadt jährlich ca.200 Kinder dem Eignungstest unterwerfen, kann München auf das Dreifache an Aspiranten verweisen. In dem Plattenbau im Prenzlauer Berg absolvieren derzeit 175 Schüler ihre täglichen Übungen.Seit seiner Gründung 1951 hat das Institut 830 Bühnentänzer hervorgebracht.Die Spitzenriege des DDR-Balletts kam größtenteils aus der Berliner Schule, und auch heute noch sind die Koryphäen in Staatsoper und Komischer Oper fast alle aus demselben Stall.Unter Martin Puttke erlebte die Schule eine Glanzzeit, sein autoritärer Führungsstil war nicht unumstritten, doch der ambitionierte Pädagoge verhalf der Ausbildungsstätte zu internationalem Ansehen.Vor allem die Staatsoper rekrutierte einst ihren Nachwuchs aus der Schule, der ein spezifischer Berliner Stil nachgesagt wird.Auch heute regelt ein Kooperationsvertrag die Zusammenarbeit beider Institutionen.Die Schüler wirken von klein auf in Ballettinszenierungen mit.Doch in der Erich-Weinert-Straße hat man sich nach neuen Partnern umgesehen.Demnächst treten die Schüler auch an der Deutschen Oper auf.Die einstmals innigen Bande mit der Staatsoper hatten sich gelockert, als mit Michael Denard ein Franzose als Ballettchef einzog. Von den 68 Tänzern des Ballettensembles sind derzeit zwar noch etwa 45 Prozent Absolventen der Staatlichen Ballettschule Berlin (zum Vergleich: in München kommen circa 50 Prozent, in Stuttgart und Hamburg circa 40 Prozent aus den angeschlossenen Schulen).Intendant Georg Quander würde sogar einen höheren Prozentsatz von 50-60 befürworten, obwohl ihm keine Monokultur vorschwebt.In den letzten Jahren wurden allerdings kaum noch Berliner Eleven übernommen.Die Vortanzenden hätten den Qualitätsforderungen nicht genügt, bedauert Quander. Deutet sich hier eine Ausbildungskrise an? Tatsache ist, daß die Absolventen der Staatlichen Ballettschule heute nicht mehr so leicht ein Engagement finden.Die Anforderungen an Tänzer sind immens gestiegen - dessen ist man sich auch in der Schule bewußt.Der Künstlerische Leiter Jaakko Helkavaara will seine Schüler auch psychologisch auf einen verschärften Wettbewerb vorbereiten.Aber auch die Schule mit ihrem Ausbildungsprofil muß sich nun in einem internationalen Kontext bewähren.Mit der geplanten Gründung eines autonomen BerlinBalletts würde der Schule zudem eine neue Bedeutung zukommen. Von dem Grazer Intendanten Gerhard Brunner, der Kultursenator Radunski bei der Umstrukturierung der Berliner Ballettszene beraten wird, war zu hören, daß er der Ausbildungsproblematik einen hohen Stellenwert einräumt.Im Mittelpunkt der Überlegungen dürfte die Frage stehen, ob Kompagnie und Schule künftig einer gemeinsamen Leitung unterstehen sollen.Georg Quander würde eine Personalunion von Ballettdirektor und Schuldirektor begrüßen.In der Erich-Weinert-Straße verteidigt man dagegen die Eigenständigkeit der Schule.Hier ist man froh, daß kein Ballettleiter in die Belange der Ausbildung hineinregiert. Ein Blick auf die führenden Ballettensembles zeigt aber, daß in München, Stuttgart und Hamburg mit Erfolg engere Formen der Zusammenarbeit praktiziert werden.Konstanze Vernon hat noch vor der Gründung des Bayerischen Staatsballetts die inhaltliche und organisatorische Umstrukturierung der Ausbildung in Angriff genommen.Die Ballettdirektorin hat auch die Leitung der Ballett-Akademie inne.Für die Ex-Primaballerina steht fest: "Es gibt keine gute Kompagnie ohne gute Schule - und umgekehrt.Das haben uns die traditionsreichen Länder wie Rußland und Frankreich vorgemacht." Die Vorteile eines engen Zusammenwirkens liegen für sie auf der Hand: "Man kennt die Menschen, ihre Stärken und Schwächen besser, wenn man sie aufgezogen hat.Wir tanzen ja nicht nur mit unseren Beinen, sondern mit unserer Seele." Auch das Niveau des Stuttgarter Balletts verdankt sich der Anbindung der Schule an das Ensemble.Für Reid Anderson, den Ballettintendanten in Stuttgart, haben die Absolventen der John-Cranko-Schule Vorrang vor anderen Bewerbern.In dem von John Neumeier gegründeten Ballettzentrum in Hamburg trainieren Kompagnie und Schüler unter einem Dach.Die Schule feiert in diesem Jahr ihr zwanzigjähriges Bestehen."Die Choreographie muß im Mittelpunkt stehen", betont John Neumeier.Die Ausbildung müsse ausgerichtet sein auf die Produktion von neuen Tanzkunstwerken, sie müsse Schritt halten mit den künstlerischen Entwicklungen.Neumeiers Credo lautet: ein Tänzer ist nicht nur Ausführender, sondern mündiger Partner des Choreographen.In Hamburg steht deswegen auch das Fach Komposition auf dem Lehrplan. In der Staatlichen Ballettschule Berlin wird die Tradition zu Recht hochgehalten.Die Schule profitiert vom Erfahrungsschatz einer am russischem Vorbild orientierten Ausbildung - das Waganowa-System wird auch an vielen anderen Akademien gelehrt.Doch wenn die Staatliche Ballettschule ihr gutes Renommee nicht verspielen will, dann wird sie künftig um eine Öffnung und Neuorientierung nicht herumkommen.

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