Zeitung Heute : Der Wohn-Klotz

Kuschlig wie im Schwalbennest, sagen die Kenner – bedrückend wie im Schuhkarton, die Kritiker. Probewohnen im Berliner Corbusier-Haus.

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Von Johanna Lühr

Wohnmaschine. Wie das klingt! Nach Menschen, die man oben hineinsteckt, die unten wieder ausgespuckt werden. Brave New World. Kein Heim, sondern eine Funktion. „Wohnnaschinen“, so hat Le Corbusier seine Hochhäuser genannt. In punkto Vereehrung steht der Schweizer unter Architekturstudenten gleich hinter Mies van der Rohe. Ob die Maschine funktioniert, kann jeder selbst ausprobieren: In Berlin können auch Fremde in dem Klassiker übernachten.

Die Wohnmaschine steht in Berlin-Charlottenburg, dort wo die Gleise der S-Bahn enden, am Olympiastadion. Ein gigantischer Wohnblock auf Betonpfählen, 17 Stockwerke hoch, die Fassade bündig mit Loggien gewürfelt, wie die Waben eines Bienenstocks. Darunter parken die Autos. Davor Menschen mit Supermarkttüten oder Hund an der Leine. Wie auf einer Insel steht der Solitär auf einem Hügel über den Bäumen, aus denen die Dächer der Villen von Grunewald auftauchen.

Eigentlich sollte der „Klotz“, wie ihn die Charlottenburger gern nennen, mit dem sich Corbusier an der „Internationalen Bauausstellung in Berlin 1957“ (Interbau) beworben hatte, im Hansaviertel stehen. Aber dort fehlte der Platz. Eine vertikale Stadt sollte das Haus werden, ein autonomer Wohnblock mit eigenen Läden, Post und Friseur. Wohnen in der Gemeinschaft: Wand an Wand, aber jeder für sich. Corbusier reichte das Nebeneinander. So wie in Klöstern, Hotels und Überseeschiffen. Eine private Zelle mit gemeinschaftlich genutztem Service.

230 dieser Zellen gibt es im Berliner Corbusier-Haus. Anfangs waren es noch Sozialwohnungen mit Wohnberechtigungsschein, später wurden Eigentumswohnungen daraus. Je nach Stockwerk und Ausstattung kann die Dreizimmerwohnung (106 Quadratmeter) bis zu 240 000 Euro kosten. „Die meisten wohnen bewusst hier“, sagt der Makler Burkhard Dreke, viele Leute mit Doktortitel, Selbstständige, Künstler. Beim Corbusier-Haus gebe es nur Schwarz-Weiß: Entweder man liebt es oder man hasst es. Seit knapp zwei Jahren vermietet Dreke Ferienwohnungen im Corbusierhaus, mittlerweile sind es 13 (ab 37 Euro die Nacht). Viele der Feriengäste seien Architektur-Fans. Aber es gebe auch ganz „normale“ Leute. Die Wohnung, deren Schlüssel er mir gibt, ist die 10.304. Das heißt: 10. Stock, 10. Innenstraße, Nummer 304. Er selbst baut sich gerade seine Wohnung in der neunten Etage aus.

Irgendetwas ist bedrückend. Besonders Altbau-Verwöhnten lasten die Decken, 2,65 Meter hoch, auf dem Kopf. Eigentlich sollten sie sogar noch tiefer liegen, aber dazu später. Die Flure sind lang, 140 Meter, mit Neon beleuchtet und Linoleum ausgelegt. Keine Fenster, nicht mal am Ende des Ganges hat Corbusier einen Lichtblick gestattet. Die Haustüren, 58 pro Stockwerk, eine nach der anderen wie aufgemalt. Neben der Tür ist die Hausnummer mit schwarzer Farbe an die Wand gepinselt, daneben der Klingelknopf mit Namensschild. Alle gleich, Dekoration per Denkmalschutz verboten, nur ab und zu rebelliert einer mit einem Kränzchen an der Tür. Neben der Tür die „Brötchenklappe“, so groß wie ein Aktenordner. Wie die Post, so sollte das Brot direkt in die Wohnung gebracht werden. Sollte, so manches von Corbusier Erdachte ist in Berlin nie passiert.

Schon bei der Planung meckerte der Senat. Die Wohnungen entsprächen nicht den Vorschriften des sozialen Wohnungsbaus. Die Zimmerdecke – nach Corbusiers Maßsystem, dem Modulor, einem „typisch menschlichen Körper“, 1,83 Meter groß, mit nach oben ausgestrecktem Arm 2,26 Meter – wird auf 2,65 Meter erhöht. Auch sonst fallen viele von Corbusiers ursprünglichen Vorstellungen unter den Tisch. Das Dach, auf den ersten Plänen noch mit Schule, Kindergarten und Freilufttheater, bleibt blank. Die Ladenzeile wird ins Erdgeschoss verlegt. Der letzte Supermarkt wurde 2000 geschlossen. Heute gibt es einen kleinen Kiosk mit dem Sortiment eines Campingplatzes. Abends noch Bier oder Milch mit in den Lift, man grüßt (und das tut man immer) und verschwindet hinter den Türen.

Die „Wohnmaschine“, ein Konzept für die „neue Generation des Maschinenzeitalters“, damals, als „Maschine“ noch positiv nach Fortschritt klang. Als die Futuristen Straßenbahnen, Züge, Automobile und Flugzeuge verehrten und vom Verschmelzen der Körper mit der Maschine träumten. Als Beschleunigung alles war und die Vergangenheit abgeschafft werden sollte. Einer dieser Futuristen soll den Rückspiegel an seinem Auto demontiert haben: Ich will nicht wissen, woher ich komme, sondern wohin ich gehe. Und so sollte auch das Wohnen sein.

Charles Edouard Jeanneret, der sich selbst später Le Corbusier nannte, wurde 1887 im Schweizer Jura geboren. Gelernter Graveur, irgendwann kam der Übergang vom Kunstgewerbe zur Architektur. Sein Vorbild ist die Natur, sein erstes Haus die Villa Fallet, ein Haus aus Stein mit Spitzdach. „Scheußlich“ nannte er es später und: „Niemand muss sich schämen, ein Haus ohne Giebel zu bewohnen, mit Wänden glatt wie Blech und Fenstern wie die einer Fabrik. Im Gegenteil, man kann stolz sein, ein Haus zu besitzen, das so schön ist wie die eigene Schreibmaschine.“

Eine der letzten original ausgestatteten Wohnungen ist die von Inge Krause. Eine Dreizimmerwohnung auf zwei Ebenen. Wohnzimmer mit der offenen Küchenkabine aus Holz unten, von dort führt die Treppe hinauf, durch Eisenstangen begrenzt, die so genannte „Corbusier-Harfe“. Oben links und rechts die Schlafzimmer. Blick auf beiden Seiten: auf der einen Stadion und Teufelsberg, auf der anderen, in der Ferne, Potsdamer Platz und Reichstagskuppel. Zwei Loggien mit Sonnenauf- und -untergang.

Inge Krause ist eine der ersten Mieterinnen gewesen, im Juli 1958 zog sie hier mit ihrem Mann und zwei Kindern ein. Sie war Schauspielerin, spielte beim Kasperl- und Marionettentheater, ihr Mann arbeitete bei der Ufa. „Hier ist alles so geblieben wie am ersten Tag“, sagt sie. Nur die Puppen und Holzmarionetten werden immer mehr. Corbusiers klare Linien verschwinden langsam unter Spitzendeckchen. Die alte Dame ist jetzt 74 Jahre und immer noch neugierig. Damals seien sie eine große Gemeinschaft gewesen, sagt sie, jedenfalls die von der achten Straße. Viele Künstler und Leute vom Film hätten dort gelebt, man ging zusammen ins Theater, feierte und teilte sich das Auto für die Fahrten in die Stadt.

Anfang des 20. Jahrhunderts wollten die Architekten durch ihre Bauten eine neue Welt schaffen. Eine Wohnform, die mit der Industrialisierung Schritt hält und sich den neuen Lebensbedingungen anpasst. Durch den Stahlbeton wird die Skelettbauweise möglich. Ein Gerippe, das Deckplatten und Treppen halten kann. Die Wände müssen nicht mehr tragen, sondern nur abgrenzen.

„Wir haben einen sehr schönen Beton“, sagt Hans Roth, Vorsitzender des Fördervereins Corbusierhaus und zuständig für die „Errichtung, Instandsetzung und Pflege von Gemeinschaftseinrichtungen“. Er kommt mit zwei dicken Aktenordnern in der Tasche. Fotos, Zeichnungen, Plänen von allen fünf Wohnmaschinen, die Corbusier gebaut hat. Die „Mutter aller Maschinen“ steht in Marseille und hat all das, was Berlin nicht hat. Das Dach ist eine steinerne Landschaft, ein Spielplatz aus Betonblöcken, mit Plantschbecken, Aussichtsturm und Theater-Bühne. Die anderen drei stehen in Nantes, Briey en Foret, Firminy. Er habe in jeder schon mal geschlafen. Im Berliner Haus kenne nicht jeder Corbusier, sagt er. Gelsenkirchner Barock gebe es hier genauso oft wie den Mies-van-der-Rohe-Sessel. Er selbst gehört offensichtlich eher der Mies-Fraktion an, obwohl er zugibt, auch einen Rosmarin auf dem Balkon stehen zu haben.

Ich sitze im Wohn-, Ess- und Schlafzimmer meiner Ein-Zimmer-Corbusier-Wohnung und sehe nur ein Stück Himmel. Ein Ausschnitt zwischen dem Beton der Brüstung und dem nächsten Geschoss. Wie ein Gemälde, das man von weitem betrachtet. Erst wenn man auf den Balkon hinaustritt und sich an das Geländer lehnt, dehnt sich das Bild bis zum Boden, von dem das Rauschen der Autos hinaufsteigt. Es sei wie in einem Schwalbennest, hat einer der Bewohner gesagt. Ein Ausguck, von dem aus man seine Fahrten in die Stadt mache, punktgenau, um am Abend in sein Nest zurückzukehren. Ein Nest, in das kein Gegenüber hineingucken kann. Das nur den Ausblick gestattet und die Stadt auf Abstand hält.

„Kennen Sie das Märchen von Alice im Wunderland?“, sagt der Besucher aus London, der sich gerade eine Dreizimmerwohnung in der achten Straße gekauft hat. So wie Alice, die dem Kaninchen in ein Erdloch folgt, um dann ins Wunderland zu geraten, so fühle er sich hier. Für manchen seien diese Flure vielleicht einfach nur hässlich, in ihm würden sie vor allem Neugier wecken. Neugier, was sich hinter den Türen verberge. „Man tritt ein in eine völlig andere Welt.“ Diese Welt kann sehr verschieden aussehen.

Informationen unter:

www.corbusierhaus-berlin.de. Ferienwohnungen Telefon: 302 09 811

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