Zeitung Heute : Der Wurm sitzt in der Festplatte

Mario Scalla

Unter den Experten, die im Kartellverfahren gegen Microsoft herangezogen wurden, befand sich auch Lawrence Lessig, ein bekannter Juraprofessor aus Stanford. Lessig betreibt er ein Open-Law-Projekt, das die Prinzipien der freien Software auf das Rechtswesen übertragen hat. Im Prozess gegen Microsoft trat er jedoch nicht als libertärer, antimonopolistischer Hardliner auf: Er plädierte für eine Mischung aus öffentlichem und Privatinteresse.

In seinem Buch versucht er, vor dem Hintergrund der Entwicklung des Cyberspace, diese Position rechtstheoretisch abzusichern und zu begründen. Seine Thesen sind provokativ: "Der Trend geht in Richtung eines hochgradig regulierbaren Netzes, eines Netzes, das mit dem bisherigen Internet nicht mehr viel gemein hat." Und an anderer Stelle konstatiert er nicht nur diese Entwicklung, sondern bewertet sie positiv: "Es heißt einen Cyberspace zu akzeptieren, der weniger frei oder auf andere Weise frei ist als der bisherige." Für alle, die noch die klassischen Pamphlete und Bekennerschreiben etwa von Kevin Kelly, dem Chefredakteur von "Wired", oder der Internet-Pionierin Esther Dyson im Gedächtnis haben, ist das harter Stoff. Die Internet-Gemeinde hatte sich zwar damit abgefunden, dass die Cybergurus der ersten Stunde immer weiter zurückgedrängt wurden, war aber der Meinung, dass sich das Business und die Hacker weiterhin einen harten Kampf liefern. Die Hoffnungen gründeten sich weniger auf den Prozess gegen Microsoft als auf die regelmäßigen Meldungen, dass sich die freie Software einer zunehmenden Beliebtheit erfreue und die Kommerzialisierung des Internet begrenzen werde. Lessigs Buch ist hier ein Schlag ins Kontor, geht der Autor doch davon aus, dass die Patentanwälte und Börsenanalysten den Fight gewonnen haben.

Lessig diskutiert all jene Technologien, die diesen Sieg begründen halfen. Er resümiert den Stand der "Pass-Technologie", die als digitale Unterschrift oder geprüftes Passwort die Identität des Surfers bestätigt, informiert über die aktuellen Netzbegriffe wie "Transaktionssicherheit, Regulierungsmacht, Urheberrecht und Verschlüsselung. Vor allem letztere hat es ihm angetan. Ihre Bedeutung erlangt sie aber nicht, weil sie moralisch gut oder schlecht sei. Sie garantiert Fälschungssicherheit und stellt sicher, dass eine elektronische Kommunikation, die geheim bleiben soll, auch nicht decodiert werden kann - das heißt sie leistet all das, was, den Aussagen der Cybergurus gemäß, dem Internet wesensfremd sein sollte.

Bis 1991 hatte die National Science Foundation jede kommerzielle Nutzung des Internets untersagt. Lessigs Buch ist ein Beleg dafür, dass sich innerhalb von zehn Jahren die Lage grundlegend wandeln kann, denn mit typisch amerikanischem Realismus beschreibt der Autor, wie die Architektur des Cyberspace sich den wirtschaftlichen Interessen angepasst hat. Galten anfangs die Normen der Netzgemeinde als Primärcode, so traten ihnen Anfang der neunziger Jahre die Codes der Gerichte und der Wirtschaft, Recht und Geld, zur Seite. Lessig ergeht sich nun weder in Nostalgie noch empfiehlt er Resignation. Er erkennt den Sieg des Kommerzes an und plädiert für eine Balance aus öffentlichem und privatem Interesse, eine Vermittlung zwischen dem Recht auf private Kommunikation und staatlichem Sicherheits- und Kontrollverlangen.

Sein Zauberwort heißt "Transparenz". Beim offenen Code der freien Software versteht sich das von selbst, deshalb kann Lessig dieses Thema zügig abhandeln und sich auf das kommerzielle Pendant konzentrieren. Seine Versuche zu begründen, wie ein geschlossener Code gleichwohl transparent sein kann, muten allerdings an wie ein Ritt über den Bodensee. Die Codes, so Lessig, könnten geschlossen sein, ihre Funktionen und Regulierungen aber offen liegen. In die Praxis übersetzt: Das Abhören elektronischer Kommunikation oder der sogenannte "Wurm", eine Technik zum Durchsuchen von Festplatten, ohne dass dies den Besitzern zur Kenntnis gelangt, sind legitim, soweit ihr Einsatz juristisch kodifiziert ist.

Wie der Einsatz dieser Techniken allerdings gesetzlich begrenzt werden kann, so dass, was gekonnt, nur in Ausnahmefällen gemacht wird, darüber schweigt der Jurist. Lessigs Begründungen verraten eine bemerkenswerte soziale Naivität. Der geschlossene Code sei für den Konkurrenzkampf unerlässlich, behauptet er und ignoriert schlichtweg den Umstand, dass Unternehmen, die mit freier Software arbeiten, ökonomisch sehr erfolgreich sind, und dies unter anderem damit begründen, dass eine Software, deren Code öffentlich zugänglich ist und bearbeitet werden kann, weniger Fehler aufweist als eine, die von einem Geheimzirkel programmiert wurde. Das Kollektivprojekt Linux ist tatsächlich weniger störanfällig als die Microsoft-Programme. Vollends kurios wirds beim Privateigentum: Dieses trage zum allgemeinen Wohlstand bei und nütze allen. Letzteres hat nicht einmal Adam Smith in seiner Theorie des Freihandels behauptet. Mittlerweile bestätigen alle seriösen Untersuchungen, dass die exklusive Verfügung über die neuen Technologien die soziale Ungleichheit vergrößert.

Tatsächlich ist gerade im Falle der Software das Privateigentum in Erklärungsnot geraten. Ursprünglich war der Begriff freie Software ein Pleonasmus, denn es galt als ausgemacht, dass die Gemeinschaft der Programmierer unter offenen Bedingungen die beste Software schreiben kann und folgerichtig der Quellcode allen zur Verfügung gestellt werden sollte. Auch wenn man das bei Microsoft nicht gerne hört: Das Gegenteil konnte nie bewiesen werden.

Frühere Bücher über den Cyberspace waren zweifellos schöner zu lesen. Sie ähnelten wahlweise Märchen oder Abenteuergeschichten von der "final frontier", atmeten den Geruch der weiten Welt und kündeten von einem Land, in dem die Menschen nie zuvor gewesen waren. Heute spielt sich alles in der Enge eines Gerichtssaals ab. Im Silicon Valley, dem Sitz des neuen Cyberbürgertums, erzählt man sich gerne, dass dort die Florentiner der Gegenwart beheimatet seien. Ihren Macchiavelli jedoch haben sie noch nicht gefunden. Vielleicht müssen wir tatsächlich wieder auf den aufgeklärten Herrscher warten, der die perfektionierten Machttechniken zwar kennen, aber nur sehr dosiert einsetzen wird. Lawrence Lessig jedenfalls ist kein Fürstenerzieher, er glaubt einfach zu sehr an den Markt. In der Autobiographie von Linus Thorvalds, dem Erfinder des Betriebssystems Linux und Häuptling der Freien-Software-Bewegung, wird Lawrence Lessigs Open-Law-Projekt gerühmt, denn es belege, welche Möglichkeiten der offene Code der nicht-proprietären Software doch biete. Der Legende zufolge ziert nun das Konterfei von Thorvalds alle Dartscheiben im Hause Microsoft. Mit diesem Buch hat Lessig sichergestellt, dass er garantiert nicht zur Zielscheibe für erboste Monopolisten wird.

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