Zeitung Heute : Der zaubernde Poet

ECKART SCHWINGER

Weitere Schubert-Abende mit András Schiff im KammermusiksaalECKART SCHWINGERDen launigen vierten Satz der D-Dur-Sonate (D 850) spielte er am Schluß seines zweiten Schubert-Abends gleichsam mit jenem "kindlich heiteren Ausdruck", den sich Mahler für das "himmlische Leben" im Finale seiner vierten Sinfonie wünschte.Geistvoll verspieltes Glück ohne Ende wurde uns dabei von András Schiff mit leicht ironischem Augenaufschlag serviert.Der am Klavier formvollendet zaubernde Poet rief auch damit staunende Bewunderung hervor.Im Hinblick auf den Gesamtcharakter der D-Dur-Sonate ließ dann Schiff allerdings keinen Zweifel daran, was sich wirklich bei Schubert wie bei Mahler unter der Maske des Naiv-Heiteren verbirgt: das ambivalente Spiel von Traum und Wirklichkeit, von Leben und Tod. Und so war dann auch sein eigenes Spiel bei den vorausgegangenen Sätzen keinesfalls nur ein amüsantes, sondern ein sehr doppelbödiges, bei dem hinter der maskierten Heiterkeit immer wieder ein konflikthaftes, spannungsgeladenes Weltgefühl hervortritt. Die energievollen Akkorde zu Beginn des Allegro vivace, die orchestrale Kraft des Scherzos waren für Schiff jedoch nicht Anlaß, zu donnern oder oberflächlich zu brillieren.Sie waren Ausgangspunkte für zielgerichtete, drängende, tiefdimensionierte Entwicklungen beziehungsweise wieder für magisch schöne Zeichnungen von außerordentlicher Zartheit und Transparenz. Der weite Atem des aus Budapest stammenden Klaviervirtuosen wird dabei für jeden unmittelbar spürbar.Er bindet bei den komplizierten Schubert-Sonaten alles nahtlos aneinander.Einen solch kantablen, nuancenreichen und samtig schimmernden Anschlag bringt dabei freilich kaum noch ein anderer Pianist ins Spiel.Da setzt dann das traumhafte Singen auf den schwarzen und weißen Tasten des aus Wien eigens eingeflogenen Bösendorfers schon kaum noch in Erstaunen.Und wie ausbalanciert kommen auch die retardierenden und wieder dramatisch vorwärts stoßenden Momente heraus.Alles geschieht, und das bewies auch der dritte Abend von A bis Z, in ganz gewaltloser Klarheit.Allerdings verfügt András Schiff für die expansiven Entwicklungslinien in den Schubertschen Sonaten über einen ganz sicheren, zusammenfassenden Griff eines perspektivischen Musizierens. Er geht bei alledem so überaus konzentriert zu Werke, daß ihn auch das kleinste undisziplinierte Verhalten des Publikums zutiefst trifft.Zweimal äußerte er sich dann auch gleich am Beginn des dritten Abends kritisch gegenüber einigen Störern.Aber das waren auch die einzigen fatalen Momente an dem wieder famosen Schubert-Abend, an dem er gerade bei den großen Sonaten in H-Dur (D 575) und G-Dur (D 894) sein ganz untrügliches Gespür für die geheimnisvolle Vieldeutigkeit dieser Kompositionen an den Tag legte und dann schließlich auch mit einer betont hintergründigen Variabilität des Leisen alle in Spannung versetzte.

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