Zeitung Heute : Der Zorn der Transvestiten

ALEXANDER BARTL

Ein Choreograph bestaunt seine eigene Schöpfung: Nigel Charnock präsentiert das Tanztheater-Projekt "Love, Sex Death" im PodewilALEXANDER BARTLWas Nigel Charnock vor Jahren noch in vierzehn Tagen erledigt hatte, vollbrachte er nun binnen drei Wochen und bekennt dennoch, das Ergebnis befremde ihn.Der britische Choreograph gewann Schauspieler und Laien für sein Projekt "Love, Sex & Death", jetzt beim Internationalen Tanzfest im Podewil aufgeführt, weitete ihr Bewegungsvokabular ins Tänzerische, behielt aber gleichwohl das Sprechtheater im Blick.Unumwunden beschwört er die Kraft der Triebe, die, so Charnocks Deutung, friedfertige Menschen zu schamlosen Kreaturen bläht. Ausgehöhlt bis zu den Brandmauern, gerät die Bühne zu einem Laufsteg der Entrückten, denen der Wegfall aller Hemmungen ein unermeßliches Vergnügen ist.Verhalten erst streifen sich die Männer enge Röcke über, erproben Trippelschritt und Hüftschwung, bis sie vollends in der Rolle der Partnerin aufgehen.Die begleitende Musik bleibt Stückwerk, das mit Mozarts "Figaro" anhebt, später ein paar Saxophontakte vorsieht, zum Schluß atmosphärisches Raunen durchtaucht.Allerdings wirkt die Auswahl bis zuletzt beliebig, denn selten wird die Musik mit Bewegungen stimmig verwoben, ja, es scheint sogar, als beschwere der akustische den physischen Fortgang der Produktion.Die Akteure sammeln sich an der Rampe, lassen Zigaretten kreisen, während sie eitel in den Zuschauerraum starren; man will provozieren, die Tatsache verkennend, daß sich das zeitgenössische Publikum, in Konventionen erstarrt, wohl nur durch die Wiederkehr der Saalbeleuchtung am Ende der Vorstellung von den Stühlen reißen läßt. Gelungene Körperformen sind in der Stille zwischen den Musikeinspielungen zu suchen: Dem Rhythmus ihrer Atmung gehorchend, fallen Partner übereinander her mit jenem Funken Unverständnis im Blick, der abermals aufflammt, wenn sie die Ungunst des Zufalls schon nach wenigen Augenblicken wieder entzweit.Spürbar von Pina Bauschs Ästhetik inspiriert, erwächst in den Duos Harmonie trotz aller Ungereimtheit zwischen den Partnern, die aber niemals im manierierten Gleichklang der Ballettklassik endet.Dann freilich ist man geneigt, Nachsicht zu üben, wenn die Tänzer allzu aufdringlich in ihren Slips nach dem Manna stöbern, das eine verkommene Gesellschaft nährt, oder sich fortwährend zwischen den Stuhlreihen umtun.Merkwürdig nur, daß die Beteiligung von Schauspielern keine Aufwertung des bisweilen wirr Hergesprochenen mit sich bringt, und gerade jene Szenen das Werk nachteilig prägen, die sich ausufernd zwischen den getanzten Passagen dehnen. Möge man Charnock bei seinem nächsten Projekt noch eine vierte Arbeitswoche gönnen, damit er, nach ein paar weiteren Korrekturen gewiß, das Befremden ablegt und mit seinem Werk wieder ins Reine kommen kann.

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