Zeitung Heute : Der Zorn des Verbündeten

ROBERT VON RIMSCHA

Wenn Israels Ministerpräsident kommende Woche Washington besucht, wird Bill Clinton ihm klarmachen, daß Amerika nicht gewillt ist, den Erfolg von zwei Jahrzehnten Nahost-Diplomatie der Halsstarrigkeit Netanjahus zu opfernVON ROBERT VON RIMSCHAAmerika ist ungehalten.Alles hat man versucht, um Israel zur Räson zu bringen.Gefruchtet hat nichts.Zu Weihnachten hat Washington erprobt, ob Liebesentzug Netanjahu zum Einlenken bringen würde.Erstmals wurde einem israelischen Ministerpräsidenten der erwünschte Termin beim US-Präsidenten versagt - vergebens.Netanjahu kam verspätet und zeigte sich kompromißlos.Am kommenden Montag nun wird er zum zweiten Mal in wenigen Wochen Washington besuchen.Diesmal wurde er nicht ausgeladen, sondern einbestellt.Bill Clinton wird ihm in drastischen Worten klarmachen, daß Amerika nicht gewillt ist, den Erfolg von zwei Jahrzehnten Nahost-Diplomatie seit Camp David der Halsstarrigkeit von Netanjahu und dessen Problemen mit seinem rechtskonservativen Kabinett zu opfern.Clinton wird hierbei einen starken Verbündeten haben.Amerikas Öffentlichkeit schüttelt derzeit über Israel den Kopf.Wenn Clinton also Druck ausübt, steht sein Land hinter ihm. Vor einem Monat noch hatte Netanjahu Geheimpapiere dabei, die abstecken, wie weit Israel beim Rückzug vom Golan gehen könnte, um Syrien in den Friedensprozeß einzubeziehen.Jetzt geht es nicht mehr um die Ausweitung, sondern um die Rettung des Prozesses.Daß der Status quo von Februar plötzlich zum Ziel mutiert, hat indes auch etwas mit einer amerikanischen Fehleinschätzung zu tun.Washington dachte, der Friede sei spätestens mit der Hebron-Einigung wieder in greifbare Nähe gerückt.Also nahm die Administration eine passivere Rolle ein.Die zweite Clinton-Regierung wollte jene Pendelei vermeiden, deren Effektivität zuvor Warren Christopher erprobt hatte.Der ehemalige Außenminister hatte die Hälfte seiner Zeit mit dem Nahost-Problem verbracht und war dutzende Male in die Region gereist.Madeleine Albright hatte sich geschworen, dies nicht zu tun.Aber vor ein paar Tagen war es dann doch Albright, die aktiv wurde.In einem nächtlichen Telefonat mit Netanjahu zwang sie den Premier, sich seiner Schutzmacht zu erklären - persönlich und sofort. Amerikas Zorn über Israels Führung geht nicht mit Umarmungen Jassir Arafats einher.Natürlich bewertet man die Rolle des Palästinenser-Präsidenten anders als Jerusalem.Dort wird Arafat vorgeworfen, er habe nach dem Baubeginn der Siedlung Har Homa in Ost-Jerusalem "grünes Licht" für Terrorakte gegeben.Washington betont dagegen, man erwarte, daß Arafat "rotes Licht" gegen Anschläge gebe - ein Spiel mit dem Terror wirft ihm die Regierung in Washington indes nicht vor.Was die Clinton-Administration an Arafat ärgert, ist seine Vorliebe für ein ständiges Wechseln der Bühnen.Klappt es bilateral mit Israel nicht, wird die Arabische Liga zum Boykottieren eingeschaltet.Signalisiert Washington der PLO, man solle sich aus Rücksicht auf Netanjahus innenpolitische Schwierigkeiten in Geduld üben, marschiert Arafat zur UNO.Doch der Palästinenserchef ist eine Nummer zu klein, um es sich politisch leisten zu können, daß Amerika sich übertölpelt fühlt. Aus US-Sicht ist Israel gefährlich nahe an einen Punkt gekommen, an dem der Friedensprozeß als verzichtbar gilt - wegen einer vermeintlichen Dreifach-Garantie: der eigenen militärischen Stärke, der mit westlichen Staaten vergleichbaren Wirtschaftskaft sowie der Fähigkeit, als Terroropfer Sympathien zu gewinnen und sie politisch einsetzen zu können.Daß diese Gleichung nicht aufgeht, wird Clinton Netanjahu deutlich machen.Allein der Beschluß der Knesset vom vergangenen Dienstag, künftig nur noch jene Übertritte zum Judentum anzuerkennen, bei denen orthodoxe Rabbiner die Konvertiten führen, hat in den USA einen Proteststurm ausgelöst. So verstärkt sich in den USA der Druck auf die Regierung, das Heft selbst in die Hand zu nehmen.Clinton soll aktiver werden, soll selbst das erarbeiten und durchsetzen, was den Nahen Osten voranbringen kann.Daß sich Netanjahu die Initiative so einfach nicht stehlen lassen wird, hat er schon gezeigt.Sein Vorschlag liegt auf dem Tisch, das Oslo-Abkommen schneller als geplant umzusetzen und vorgesehene Zwischenschritte einfach auszulassen.Dies ist das einzige As, das Netanjahu im Gepäck hat.Er wird es spielen.Und allein der Umstand, daß er sich wie ein ungezogener Junge nach Washington zitiert sieht, heißt noch lange nicht, daß er das Spiel verlieren wird.

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