Zeitung Heute : Der Zufall hat Methode

Mister Politbarometer, Diether K. Roth, wurde 65

Joachim Huber[Mainz]

Den Zufall mag er nicht, den Zufall sucht er aus seiner Arbeit herauszuhalten. Weil der Zufall der natürliche Feind jeder Meinungsumfrage ist, deren Ergebnisse etwas taugen sollen. Aber Diether K.Roth hat den Zufall im Griff. Seitdem der Ludwigshafener die Forschungsgruppe Wahlen e.V. 1974 in Mannheim mit begründet hat, sind die Methoden der Erhebung derart verbessert, ja perfektioniert worden, dass der Zufall ein guter Freund von Roth geworden ist: „Nur mit dem Zufall können wir die repräsentative Stichprobe der 1700 Bundesbürger für unsere Umfragen bestimmen.“ Der Rest ist strenge Methode, saubere Wissenschaft und wirtschaftlicher Erfolg.

Das ZDF-„Politbarometer“ fördert seit 25 Jahren alle vier Wochen die politische Stimmung im Land zu Tage, 112 Wahlen hat Roth seit 1976 für die ZDF-Zuschauer ausgedeutet, zuletzt Ende Mai die Bürgerschaftswahl in Bremen. Das war sein letzter Auftritt hinter den Computer-Barrikaden im ZDF-Wahlstudio. Roth ist vor zehn Tagen 65 Jahre alt geworden, und am Dienstag bat das ZDF nun zum Gespräch mit dem Politikforscher, Lehrbuchautor und Honorarprofessor an der Universität Heidelberg.

In Ruhestand geht der „Analytiker“, so sein Selbstetikett, nicht. Denn noch ist er mit seiner Arbeit nicht am Ziel angekommen. Noch immer gilt es, für einen besseren Umgang mit den erhobenen Daten zu werben: „Die Politiker glauben uns nicht, schon gar nicht im Fall unerfreulicher Daten, die Politiker benutzen uns“, sagt Diether K. Roth, und er sagt es mit großer Gelassenheit, weil die Daten doch immer die Daten bleiben.

Die Gelassenheit schwindet indessen, sobald Roth auf ein Konkurrenzunternehmen, das Institut für Demoskopie in Allensbach, zu schimpfen kommt. Schaubild um Schaubild wirft Roth an die Wand, um dem Institut und seiner Chefin Elisabeth Noelle-Neumann „veraltete Methoden und nicht selten parteiliche Umfragen“ nachzuweisen. Das kühle Blut des Statistikers rauscht, kann er der „Pythia vom Bodensee“ doch mit Genuss vorführen, dass die Allensbacher im Vorfeld der Bundestagswahl 2002 mit dem Beschwören eines Sieges der Konservativen so richtig danebengelangt haben. Michael Spreng, der Medienberater des Kandidaten Edmund Stoiber, sollte der „Zeit“ am 10. Oktober 2002 sagen: „Allensbach hat den Schaden für die Union vergrößert.“

Dieter Roth zitiert nicht aus Bosheit, er reklamiert nur, dass seine Wissenschaft Schaden nimmt, sofern sachfremde, in diesem Fall parteipolitische Erwägungen die Erhebungen verunreinigen würden. Auch Journalisten lässt Roth nicht ungeschoren. „Eigentlich meinen Journalisten doch, dass Umfragen nichts taugen würden – und dann überschätzen sie deren Bedeutung in großem Maßstab.“

Roth, der Empiriker, hat die Zahlen zum Beleg gleich mitgebracht: Von 1980 bis 2002 haben die überregionalen Tageszeitungen in den zwölf Wochen vor einer Bundestagswahl die Verwendung aktueller Umfrageergebnisse glatt verzehnfacht – von 65 Veröffentlichungen auf 651.

Diether K. Roth hat mit der Politikforschung seine Lebensaufgabe gefunden – allerdings nicht sofort, mehr indirekt, nach Banklehre, Bankjob, Abendschule, Studium und Promotion zum Dr. phil. Dieter K. Roth hat ein quasi erotisches Verhältnis zu Zahlen. Obwohl im Fernsehen, ist er kein Medienmensch geworden, seine Rede strömt nicht mit telegener Eloquenz. Erntet er Umfrageergebnisse, dann hat er sie vorher methodisch gesät. Und als der Reporter sagt, dass er sich durchaus vorstellen könnte zu lügen, sollte ihn einmal die Demoskopen befragen, da glüht Roth vor Kampfgeist: „Wir haben mit Ihnen kein Problem.“ Die Sache sei nämlich ganz einfach: Wenn einer lüge, dann lüge gewiss ein anderer in eine andere Richtung – womit in der Summe die Lügen sich wieder zur Wahrheit zusammenfänden. In der Konferenzzone des ZDF auf dem Mainzer Lerchenberg schleicht der letzte Zweifel verzagt aus dem Raum.

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