Zeitung Heute : Der Zukunftsplaner
Um den Blick von seinem Balkon im dritten Stock am Gendarmenmarkt werden Günter Stock eine Menge Leute beneiden. Der Blick geht auf das Schauspielhaus und den Französischen Dom. Der Mediziner Günter Stock ist Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, und das Haus an der Ecke Jäger-/Markgrafenstraße beherbergte bis 1945 die Preußische Staatsbank. Später residierte hier die Akademie der Wissenschaften der DDR. Stock, 66, war jahrzehntelang Manager bei Schering, ehe er 2006 das Unternehmen verließ und an die Akademiespitze wechselte. Wenige Monate später ging Schering, das letzte große und weltweit operierende Berliner Unternehmen, in die Hände der Bayer AG über.
„Das kam für mich völlig überraschend“, erinnert sich Stock nicht ohne Wehmut. „Schering war eine kerngesunde Firma.“
Vom Pharma- zum gefragten Wissenschaftsmanager – dieser Schritt war lange geplant. Stock ist in fast jedem wichtigen Gremium der deutschen Wissenschaft vertreten, eine Sitzung jagt die nächste. Aber er hat auch Prioritäten, und das sind genau zwei. Neben der Akademie liegt ihm das Projekt „Health Capital Berlin-Brandenburg“ besonders am Herzen, was neudeutsch-doppeldeutig sowohl für „Gesundheitshauptstadt“ als auch für „Gesundheitskapital“ steht. Also mal wieder das Öffentliche und das Private, der Gemeinsinn und der Eigensinn. Stock ist Sprecher von Health Capital.
Das Ziel von Health Capital? „Berlin soll die Gesundheitsmetropole Nummer eins in Deutschland werden“, sagt Stock. Und außerdem, Stichwort Privatwirtschaft, zu einem europäischen Zentrum für Pharmaindustrie und Medizintechnik. Das ist Ziel Nummer zwei.
Anfänge der Idee von der Gesundheitsmetropole Berlin reichen zurück bis in die Zeit kurz nach der deutschen Einheit. Die von den Landesregierungen mitgetragene Idee mündete 2005 in einen Masterplan für die Gesundheitsregion Berlin-Brandenburg, in dem zwölf „Handlungsfelder“ genannt werden. Darunter die Gesundheitswissenschaften, Ausbildung, Messen und Kongresse, Hilfe für Ältere und Gesundheitsförderung. Das Potenzial ist groß. „Zehn Prozent ihrer Wirtschaftskraft verdanken Berlin und Brandenburg der Gesundheitssparte“, sagt Stock. In der Region arbeiten 350 000 Menschen in diesem Bereich. Die Bruttowertschöpfung, also die Summe aller Dienstleistungen und Waren, liegt bei 13,5 Milliarden Euro.
Health Capital soll den Masterplan umsetzen. Stock kooperiert mit der Investitionsbank Berlin-Brandenburg, der Technologiestiftung Berlin und mit Berlin Partner. „Ich bringe Leute zusammen, die zusammenarbeiten könnten, es aber bisher nicht tun“, erzählt Stock. „Berlin hat ungeheure Stärken, aber bei der Kooperation hapert es noch hier und dort.“ Stock hilft auch, wenn es darum geht, Fördermittel zu beschaffen oder Berlin als Gesundheitsregion nach außen zu vermarkten. Die „Reindustrialisierung“ der Region werde nur gelingen, wenn es sich um eine wissensbasierte Industrie handele, ist Stock überzeugt. Etwa die Arzneimittelproduktion, von der er naturgemäß viel versteht. Bei Schering war der Physiologe (vor seinem Wechsel zu Schering 1983 lehrte er dieses Fach an der Uni Heidelberg) unter anderem für die Forschung zuständig, musste also neue Medikamente von der Idee und ersten Tests bis zur Erprobung an Mensch und Tier und schließlich zur Zulassung führen.
Was ist die größte Stärke des Gesundheitsstandorts? „Die Charité“, sagt Stock ohne zu zögern. „Wir müssen alles tun, um sie leistungsfähig zu halten, sie ist die tragende Achse der Gesundheitshauptstadt.“ Stock verhehlt nicht, dass er eine mögliche Schließung des Franklin-Klinikums der Charité in Steglitz sehr skeptisch sieht. „Momentan sehe ich keine Möglichkeit, auf den Standort zu verzichten“, bemerkt er trocken. Die mitunter schlechte Presse der Charité ärgert Stock, der auch im Aufsichtsrat der Uniklinik ist. „Es gibt zu viel Gemäkel in der Stadt, stets sucht man das Haar in der Suppe.“
Aber es gibt auch die andere Seite. „Viele gute Leute ziehen an einem Strang, sind bereit, ehrenamtlich zu arbeiten und für Berlin etwas zu tun.“ Attraktiv für Wissenschaftler, Mediziner und Unternehmen ist Berlin ohnehin, sagt Stock. Urbanität und kulturelle Vielfalt locken. Abends, nach getaner Arbeit, genießt auch Stock die Urbanität. Von seinem Balkon am Gendarmenmarkt kann man dann den Rauch einer guten Zigarre aufsteigen sehen. Aber sagen Sie es nicht weiter. Ist ja nicht gerade gesund. Hartmut Wewetzer
Ich bringe Leute zusammen, die zusammenarbeiten könnten, es aber bisher nicht tun. Berlin hat ungeheure Stärken, aber bei der Kooperation hapert es noch hier und dort.“
Günter Stock, Sprecher Health Capital








