Zeitung Heute : Der zweite Kanzler

Der Auftritt: Wie Schröder versucht, wieder beliebter zu werden als Trittin

Markus Feldenkirchen

Anfangs will es Gerhard Schröder nicht recht gelingen, jenen Eindruck zu vermitteln, den zu vermitteln er eigentlich gekommen ist. Einen handfesten Anlass gab es nicht. Im politischen Kalender ist eine „Jahresauftaktpressekonferenz Bundeskanzler Gerhard Schröder“ bislang nicht vorgesehen. Also konnte es nur darum gehen, in den 90 Minuten Gerd-Show das arg besudelte Bild von Kanzler und Regierung mit Worten wieder zum Glänzen zu bringen. Selbst sein Schlips funkelte am Dienstag in der Farbe der Hoffnung.

Es gibt ja seit langem schon zwei Kanzler in diesem Land: den Politkanzler und den Gesellschaftskanzler. Nachdem der Erste bei seinem Neujahrsempfang in der Bundespressekonferenz nach 40 Minuten fertig ist, als er ausgeredet hat zu Irak, Neuverschuldung und Mini-Jobs, kommt der GesellschaftsSchröder zum Zug. Der ist viel lockerer als der andere, nicht so demonstrativ cool und gelassen, weniger gelangweilt. Dieser Schröder lacht so tief und herzlich wie seine Kopie aus dem Steuersong, er nutzt die Journalistenschar im Saal als Spielball für kleine Kanzlerscherze, versucht sich an Wortspielen. Kurz: Er verströmt so demonstrativ gute Laune, dass all jene, die noch vor Weihnachten über den amtsmüden „Kanzler Griesgram“ geschrieben hatten, sich plötzlich in einem anderen Film wiederfinden.

„Jetzt will ich ihnen mal was sagen“, sagt Schröder also, nachdem er vorher schon so manches gesagt hat, und erinnert an den Bundestagwahlkampf, bei dem es „anders als bei anderen Wahlkämpfen“ fast allein auf ihn angekommen sei – was viel Kraft gekostet habe. „Wenn ich deshalb irgendjemand mit Bärbeißigkeit zu Nahe getreten bin, dann nehmen sie diesen Hinweis als Erklärung. Im Übrigen habe ich die Absicht, mich zu bessern“, gelobt Schröder und fängt gleich damit an. Selbst als er etwas gehässig gefragt wird, wie er sich denn erkläre, dass er auf der Popularitätsrangliste inzwischen hinter Jürgen Trittin rangiere, lässt er sich nicht anmerken, wie sehr ihn das wurmt. Nein, eine Erklärung habe er nicht, sagt Schröder. „Aber ich arbeite daran, dass es wieder besser wird.“

Es dauert lange, bis sich ein amerikanischer (!) Korrespondent traut, die E-Frage zu stellen, die Frage nach den „bösen“ Gerüchten um des Kanzlers Ehe. Da verfinstert sich dessen Miene. Nach einigem Zögern gibt er dann eine Erklärung zur nicht stattgefundenen Ehekrise ab, die mindestens so präzise ist wie seine oft wiederholte Position zur Irak-Krise. Auch Politiker haben das Recht auf Privatheit, sagt Schröder. Natürlich hätten Journalisten das Recht, zu berichten, das Recht, Fragen zu stellen. Wenn aber gelogen werde, könne man dagegen in einem Rechtsstaat nur juristisch vorgehen. Ende der Erklärung. Schweigen im Saal.

Der Rest ist Hoffnung. Kurzfristig muss sich die Kanzlerhoffnung auf die Landtagswahlen richten. Vor allem auf den einstigen Kronprinzen Sigmar Gabriel, der jetzt nicht mehr Kronprinz genannt werden darf, „weil wir ja nicht in der Monarchie leben“. Nach dem heftigen Gegenwind der vergangenen Wochen will der Kanzler seinem Knappen in Niedersachsen doch noch ein wenig Mut hinüberhauchen. Er denke gern an den Sommer zurück, als die SPD noch weit zurücklag und die Union schon die Posten verteilt, ja sogar neue Büromöbel gekauft habe, scherzt Schröder.

Und wagt noch einen weiten Blick nach vorn. Es ist der zweite Versuch, sein Bekenntnis aufzuweichen, als Kanzler solle man sich auf zwei Amtszeiten beschränken. Schon direkt nach dem 22. September hatte Schröder getönt, er habe Lust auf mehr bekommen. Am Dienstag präzisiert er dieses „mehr“: ob er acht oder zehn Jahre regieren wolle, werde man noch sehen. Abhängig machen wolle er das davon, wie sehr ihn die Opposition bis dahin noch ärgere. „Wenn es mir zu viel wird, dann bestrafe ich sie.“ Dann trete er noch mal an. Ob die Opposition das als Drohung auffasst, wird stark davon abhängen, ob es Schröder tatsächlich gelingt, auf der Popularitätsskala wieder vor Jürgen Trittin zu klettern.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben