Zeitung Heute : Derivate-Weltmeister

Deutschland hat die größte Terminbörse der Welt

Udo Rettberg

Deutschland spielte in Finanz- und Börsendingen in den vergangenen Jahrzehnten eher eine Nebenrolle. Doch auf einem Gebiet nimmt das deutsche Börsenwesen seit rund fünf Jahren eine Führungsrolle ein: Deutschland glänzt in seiner Rolle als Derivate-Weltmeister. In diesem Lande existieren immerhin vier Terminbörsen – nämlich die Eurex in Frankfurt, die Euwax in Stuttgart, die Warenterminbörse (WTB) in Hannover und die European Energy Exchange (EEX) in Leipzig. Darüber hinaus nehmen deutsche Banken eine führende Rolle bei der Entwicklung neuer Derivate ein.

Ganz so uneingeschränkt kann die Aussage vom „Derivate-Weltmeister“ nicht stehen bleiben. Richtig ist, dass die Eurex die bei weitem größte Terminbörse der Welt ist. Dass die Korea Stock Exchange in der Tabelle (siehe unten) der US-Standesorganisation FIA an erster Stelle geführt wird, ist allein darauf zurückzuführen, dass der dort gehandelte Optionskontrakt eine winzige Stückelung aufweist und der Kontraktwert minimal ist.

Richtig ist darüber hinaus auch, dass es den Banken in den vergangenen Jahren im Sog des globalen Siegeszugs der Eurex gelungen ist, einen Derivatemarkt für private Anleger aus dem Boden zu stampfen. Denn die von der Eurex gebotenen Produkte sind zwar für institutionelle Investoren das Nonplusultra zur Absicherung bestehender Risiken, wegen ihres hohen Kontraktwertes sind die Eurex-Derivate für private Anleger allerdings weniger geeignet. Auf diese Weise entstand an dem Stuttgarter Derivatemarkt Euwax ein von Banken initiierter Markt, der heute mehr als 60 000 Produkte (vornehmlich Zertifikate und Optionsscheine) umfasst. Insofern kann sich Deutschland zu Recht auf dem Siegertreppchen als Derivate-Champion feiern lassen.

Doch der während der vergangenen drei Jahre zu beobachtende Rohstoff-Boom hat allerdings eine Schwachstelle des deutschen Börsenwesens offen zu Tage gefördert. Dass es die führende Volkswirtschaft Europas bis heute nicht geschafft hat, das notwendige Instrumentarium zur Absicherung von Rohstoffrisiken zu kreieren und funktionierende Terminbörsen für Rohstoffe zu gründen, zeugt zum einen von fehlender Weitsicht und zum anderen von strukturellen Schwächen des hiesigen Börsenwesens. Gerade der starke Anstieg der Ölpreise hat die Abhängigkeit der deutschen Wirtschaft vom Produktionsfaktor Energie aufgezeigt. Zwar bietet die EEX in Leipzig ein ausgefeiltes Kassamarkt- und Terminmarkt-Instrumentarium zur Absicherung von Strompreisrisiken, doch genügt der Wirtschaft das allein nicht, um Energiepreisrisiken wirksam managen zu können. Die allein auf den Agrarsektor fokussierte WTB in Hannover hat in den vergangenen Jahren einen wirklichen volkswirtschaftlichen Nutzen nicht nachweisen können.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben