Zeitung Heute : des Schreckens Reporter

Der asymmetrische Krieg ist ein Begriff von heute, doch er hat ein historisches Vorbild: Die spanische Guerilla von 1808. Und der Maler Goya wurde zum Vorläufer moderner Kriegsfotografie.

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Von Andreas Austilat und Deike Diening Sein vollständiger Name ist nicht bekannt. Der Mann signierte sein Tagebuch einfach mit P. Zimmermann. Vielleicht kam er aus Düsseldorf, Monheim oder Ratingen, denn P. Zimmermann war Feldwebel im 1. Großherzoglich-Bergischen Infanterieregiment, und das war in Düsseldorf aufgestellt worden. Eines aber ist ganz sicher: Dem deutschen Feldwebel war schon vor knapp 200 Jahren das spanische Wort Guerilla geläufig. Er lernte es in Katalonien kennen, in Aragon und im Baskenland, wo P. Zimmermann unter der französischen Trikolore für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit marschierte – für westliche Werte, wie man heute sagen würde.

Guerilla, kleiner Krieg, das Wort steht für etwas, was man heute als asymmetrischen Krieg bezeichnet. Ein Kampf, in dem sich keine Armeen gegenüberstehen, ein Kampf, der aus dem Hinterhalt geführt wird, der keine Fronten kennt. Die Amerikaner haben solch einen Krieg in Vietnam erlebt, die Russen in Afghanistan. Und auch der Krieg gegen den Terror ist solch ein asymmetrischer Kampf.

Dass das spanische Wort Guerilla heute noch weltweit verstanden wird, liegt an den Vorkommnissen vor fast 200 Jahren, als sich die damals bestausgerüstete Militärmaschinerie mit einem Aufstand konfrontiert sah, wie ihn die Welt in diesem Ausmaß bis dahin nicht gekannt hat. Warum sich dieser Konflikt über einen solch langen Zeitraum in der kollektiven Erinnerung gehalten hat? Es gab Berichte, Tagebücher, wie das des Feldwebels Zimmermann. Und zum ersten Mal gab es mehr als das, nämlich unerhörte Bilder vom Krieg, die erzählten, was er mit den Menschen macht. Zum ersten Mal gab es einen Bildreporter, der genau hinsah, was Krieg eigentlich bedeutet: Francisco José de Goya y Lucientes. Zwischen 1810 und 1820 fertigte er 82 Radierungen – das wären nicht mal zweieinhalb Rollen Kleinbildfilm eines Fotoreporters – deren Motive die Art veränderten, wie die Welt auf Kriege sieht.

Helden – bevorzugtes Sujet der Kriegsmaler bis dahin – gab es bei ihm keine. Goya hielt keinen respektvollen Abstand mehr, er suchte Nähe. Die Nähe der Opfer. Er studierte die Züge ihrer Gesichter und die Haltung ihrer Körper. In seiner Reihe „Los Desastres de la Guerra“ – die Schrecken des Krieges – geschah das Töten nicht ehrenvoll und zu einem höheren Zweck, sondern es war gierig, sadistisch, brutal – und das Sterben zugleich erschreckend banal. Es war die Einkehr des Leids in den Krieg. Und die Einkehr des moralischen Blicks.

Auch Milos Forman, dessen Film „Goyas Geister“ nächste Woche in die deutschen Kinos kommt, arbeitet mit diesen Bildern. Sie geben den Rahmen für ein fiktives Drama in den Zeiten von Inquisition und französischer Besatzung ab. Goya, der einst spanischer Hofmaler war, hat hier die Rolle des Beobachters.

Die Inquisition war damals in Spanien ebenso real wie die Schrecken des Krieges. Sie verfolgte jeden, der anderen Glaubens war, Muslime, Juden, ja selbst Protestanten galten den religiösen Eiferern keineswegs als Christen. Vielleicht war es Propaganda, aber bekannt wurden Berichte französischer Soldaten, die in den Kellern der Madrider Inquisition auf Folterinstrumente stießen: Das Opfer wurde „zwischen etwa 40 Messer“ gelegt, „und zwar so, dass beim Drehen der Maschine mit einer Kurbel dem Leidenden das ganze Fleisch in kleinen Stücken von den Gliedern gefetzt wurde.“

In den Augen nicht nur der Franzosen war Spanien zu dieser Zeit eine unfassbar rückständige Monarchie, durchdrungen von fanatischem Katholizismus. Beherrscht wurde das Reich von einem vertrottelten König, der seine Tage auf der Jagd verbrachte, seiner Gemahlin, die von außerordentlicher Hässlichkeit gewesen sein soll, und einem Berater, den der Pöbel El Chorizero nannte, den Wurstmacher, weil sein Vater Fleischhändler war und weil dieser Spottname mit der phallischen Komponente so gut zu einem Liebhaber der Königin passte. Hinter diesem Trio Infernale lauerte Ferdinand, der intrigante Thronfolger, den das Volk als El Deseado, den Ersehnten, feierte. Warum, ist aus heutiger Sicht nicht nachzuvollziehen.

Francisco Goya kannte diese Bagage sehr gut, er kannte jede Ader in ihrem Gesicht, denn er hat sie gemalt. Der Hofmaler, der auch Kartons für Gobelins herstellte, war eitel, er genoss den Erfolg bei Hofe, er kaufte sich eine schnelle Rennkutsche zum Angeben, mit der er sich beim ersten Ausritt überschlug, er sponn seine Netze, doch in seiner Arbeit interessierte ihn nur das Echte. Dort schmeichelte er nicht, sondern trainierte Wahrhaftigkeit. Die Königin, die mit 35 Jahren ihre Zähne durch Prothesen ersetzen musste, sitzt mit nach innen gekehrten Lippen zu Pferde. Er zeigt und entlarvt sie zugleich. Und Goya entwickelte noch andere Fähigkeiten eines Journalisten. Er wollte schneller sein, wendig, und jederzeit bereit, ein Bild festzuhalten. Er ließ sich also als erster Maler in Spanien Zeichenblätter zu einem Skizzenbuch binden, das er immer mit sich tragen konnte. Goya ging es – wie später vielen Fotografen – um den Moment. Um die Sekundenbruchteile, in der eine Handlung kulminiert – und nicht um die Pose, die ein Porträtierter über Stunden halten konnte. Das Wichtigste, schreibt sein Biograf Robert Hughes, sei ihm ein „erstes, verständiges Hinsehen“.

Und als es so weit war, schlug sich Goya auf keine Seite. Jetzt, wo die spielerische Unschuld am Hofe vorbei war, wo Napoleon seine lange Hand nach dem spanischen Reich ausstreckte, lag Goyas Wahrheit nicht bei den Nationalisten, sie lag überhaupt auf keiner Seite. Ihn interessierte das Grauen des Krieges an sich.

Napoleon hegte nicht den geringsten Zweifel, dass man ihn „ebenso willkommen heißen“ würde „wie in Italien“, wenn er nur „die Worte Freiheit, Befreiung vom Aberglauben, Entmachtung des Adels“ aussprechen, wenn er Pressefreiheit durchsetzen und die Inquisition verbieten würde. Vor allem aber dachte er keine Sekunde, dass die unzulänglich gerüstete, schlecht ausgebildete und mangelhaft geführte spanische Armee seiner Militärmaschine auch nur eine Woche würde widerstehen können. Er irrte sich.

Zwar ging die königliche Familie sang- und klanglos ins Exil, nachdem sich ihre Mitglieder den Thron gegenseitig streitig gemacht hatten. Und ohne viel Federlesen machte Napoleon seinen Bruder Joseph zum König. Aber schon der Abtransport des jüngsten spanischen Königssprosses geriet zum Desaster, weil sich die Bürger von Madrid gegen die Invasoren erhoben, die ihrerseits mit Kavallerieattacken und Massenerschießungen reagierten. Ein Massaker, das Goya in seinen vielleicht bekanntesten Bildern festhielt. Danach ging alles schief. Die Franzosen entschieden zwar die meisten Schlachten für sich, der Krieg aber war überall.

Man muss es sagen: Francisco Goya war nie an der Front. Hätte sich der inzwischen taube Mann mit seinen 60 Jahren – ein ungeheures Alter für die damalige Zeit – mit Block und Stift auf die Lauer legen sollen? Aber er musste den Tod ja auch nicht suchen. Der Tod tat ihm den Gefallen und kam in den Städten und Dörfern, in jeder Scheune vorbei, und als er Madrid erreichte, wo Goya lebte, hat er „draufgehalten“. Genaues Hinsehen, bis es schmerzt, das hatte er auf eine andere Art schon mit den Herrscherporträts so gehalten. Er tat es selbst, er trainierte es, und nun verlangt er es von den Betrachtern seiner Radierungen.

Es gab in Spanien anders als in Preußen oder Italien kaum eine gebildete Mittelschicht, offen für liberales Gedankengut und bereit, sich mit den Invasoren einzulassen. Es gab über 100 Partisanengruppen, mal ein paar Dutzend Männer, mal ein paar tausend. Sie bestraften jegliche Kollaboration mit dem Tode und ermöglichten es den Einheiten der immer wieder geschlagenen spanischen Armee, sich erneut zu sammeln.

„Ich habe eine Nation von zwölf Millionen Einwohnern zum Feind“, schreibt Joseph an seinen Bruder Napoleon. P. Zimmermann, der deutsche Feldwebel im Dienst der Franzosen, notiert in seinem Tagebuch, „die Zufuhren kommen sehr unregelmäßig an“, weil jeder Konvoi attackiert wird. Nachrichten bleiben aus, weil Meldereiter systematisch massakriert werden. „Ein Transport Blessierter“ wird überfallen, „und sämtliche, 200 an der Zahl, ermordet“, denn auch die Verwundeten können nicht mit Gnade rechnen.

33 Tage lang wehrt sich allein die Stadt Girona, trotz pausenloser Bombardements, trotz 6178 Granaten, 10166 Bomben und 48 460 Kanonenkugeln, wie Zimmermann akribisch notiert. Am Ende verteidigen auch die Frauen die Stadtmauer.

Das Organisieren von Proviant wird zur lebensgefährlichen Aufgabe. Soldaten, die es gewohnt sind, von Schlacht zu Schlacht zu marschieren und sich dazwischen aus dem Land heraus zu versorgen, müssen nun um jedes Stück Brot kämpfen. Zimmermann wird mit seinem Trupp auf dem Markt angegriffen, flüchtet sich in die Kirche, doch kaum waren sie drinnen, „als auch schon von der Orgel, welche von den Spaniern besetzt war, auf unsere Köpfe heruntergefeuert wurde.“ Nicht selten sind es die Priester, die mit der Waffe in der Hand den Eindringlingen aus dem revolutionären Nachbarland den erbittertsten Widerstand leisten. Auch dieser Krieg hat seine Gotteskrieger.

Pardon wird auf keiner Seite gegeben. Zimmermann marschiert auf Alleen, die gesäumt werden von gehenkten Bauern. Einer seiner Vorgesetzten, der französische General Foy, schreibt, „unsere Soldaten vernichteten innerhalb weniger Stunden die Ressourcen einer ganzen Region, einfach, indem sie hindurchmarschierten“.

Die Grausamkeit, mit der die Guerilla zurückschlug, entsetzte zuweilen sogar deren britische Bündnispartner, die unter Wellington den Franzosen entgegenzogen. „Sie stachen ihnen Messer und Scheren in die Augen und ergötzten sich ungemein am Anblick von deren Blut. Die überbordende Raserei, die ihr Land überkommen hatte, hatte sie vollkommen entmenschlicht“, schrieb ein britischer Offizier, und ein anderer fügte hinzu, dass diese Raserei nicht einmal vor den toten Franzosen haltmachte, beobachtete er doch Guerilleros dabei, wie sie die Leiche des gefallenen französischen Generals Ferey ausgruben und verstümmelten.

Goyas Bilder zeigen all das und noch mehr. Wer hat je einen Mann skizziert, der sich auf dem Schlachtfeld über einem Leichenhaufen erbricht? „Dafür seid ihr geboren“, schreibt Goya unter die Szene. Da sind Vergewaltigungsszenen, Verstümmelte, ein sadistischer Mob schiebt einem Liegenden eine Lanze in den After, Frauen töten mit Steinen und werden selbst vergewaltigt, Franzosen erhängen einen Spanier an einem viel zu niedrigen Baum und spanische Guerilleros schwingen die Axt über einem Franzosen. Der Krieg ist armselig, der Tod jämmerlich und fördert das Schlechteste im Menschen. Wie ein Reporter arbeitete Goya mit Bildunterschriften, die das Gezeigte kommentieren und verstärken. Goya hatte ja keine Kamera. Deren wichtigste Aussage: „Dies ist die Wahrheit“ und „Ich habe es gesehen“, musste er unter die Bilder in seine Tafeln ritzen, um zu versichern, dass es sich hier um kein Produkt der Fantasie eines Malers handelte.

Seit Goya kommt uns der Krieg rechteckig ins Haus. „Niemals wieder“ ist der gemeinsame Kanon aller Bildreporter geworden, die seitdem in den Krieg gezogen sind. Goya konnte ja nicht ahnen, dass Kriegsbilder immer neuer internationaler Konflikte einmal all unseren Stoizismus am Frühstückstisch erfordern, dass sie abends in Echtzeit die Unterhaltungsstrecken im Fernsehen unterbrechen. Dass ihre Allgegenwart uns abgestumpft hat, einerseits. Dass man heute viel effizienter und unsichtbarer tötet, andererseits.

Der Krieg, in dem der einzelne Soldat kein Held mehr war, dessen Sinnlosigkeit und Brutalität die Fotografen zeigen wollten, produzierte paradoxerweise schon wieder neue Helden, schreibt Susan Sontag: Sie hießen diesmal Robert Capa, Gilles Peress oder James Nachtwey, die furchtlosen Kriegsfotografen. „Wenn deine Bilder nicht gut genug geworden sind, dann warst du nicht nah genug dran“, sagte Capa. Die neuen Helden belieferten den neuen, unersättlichen Markt für Leidensbilder, bis der Effekt ihrer Fotos vom Schock zum Klischee verkam.

„Gute“ Kriegsbilder werden daran gemessen, ob sie verstören können. Bleiben sie haften in der Bilderflut? Waren sie nicht längst austauschbar geworden? Robert Capas fallender Soldat aus dem spanischen Bürgerkrieg blieb haften, die grausigen Bilder aus den befreiten Konzentrationslagern in Deutschland, und das Bild eines nackten, flüchtenden Mädchens nach dem Abwurf einer Napalmbombe 1972 in Vietnam. Es folgten die Aufnahmen der 2001 aus dem World Trade Center in New York stürzenden Menschen und jüngst die Folterfotos aus dem irakischen Gefängnis Abu Ghraib. Die verstörendsten Bilder hatten diesmal – das war neu – die Beteiligten selbst geliefert.

Fünf Jahre sollte es dauern, dann waren die Franzosen aus Spanien tatsächlich vertrieben. Feldwebel Zimmermann überlebte den Feldzug, doch von den zwei Regimentern – rund 4000 Mann –, mit denen er ausgezogen war, kehrten nur 400 heil zurück. Ein französischer Offizier schätzte, dass der Guerilla in Spanien täglich 100 Soldaten zum Opfer fielen, das wären über 180 000 in fünf Jahren Besatzung. Trotzdem hat Napoleon bis zum Schluss nicht verstanden, warum seine sieggewohnten Truppen mit ein paar Banditen nicht fertig wurden.

Ferdinand, der spanische Königssohn, kehrte auf den Thron zurück und errichtete die alte Macht, ohne Pressefreiheit, aber mit Inquisition. Spanien sollte noch sehr lange brauchen, um Anschluss an die Moderne zu finden. Weitere zehn Jahre später verließ Goya sein Land. Er ging ins Exil nach Frankreich. Seine „Schrecken des Krieges“ konnte er nicht mehr veröffentlichen, wahrscheinlich wäre das zu gefährlich gewesen. Sie erschienen erst 35 Jahre nach Goyas Tod. Da war die Fotografie schon erfunden.

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