Zeitung Heute : Design aus Berlin: Ohne Beipackzettel

Elfi Kreis

Bad-Designer gibt es in der Regel nur zweierlei: solche, die eigentlich gar keine sind und solche, die man nicht kennt. Prominente Designer übernehmen häufig im Auftrag eines Herstellers auch Entwürfe für Badezimmer. Aber das bedeutet für sie nur eines unter vielen Aufgabengebieten. Die Industriedesigner in den Entwicklungsabteilungen hingegen bleiben anonym. Freie Industriedesigner, die sich dem Schwerpunkt Bad verschrieben haben, gibt es nicht wie Sand am Meer. Eine Rarität sind die wenigen, die sich mit innovativen Entwürfen im Sanitärbereich einen Namen machen.

Solch eine waschechte Ausnahmeerscheinung ist der Berliner Bad-Designer Jochen Schmiddem, Jahrgang 1961. Nach einer Ausbildung als Möbeltischler und Fachabitur für Gestaltung widmete er sich zunächst non-konform der Malerei und Bildhauerei. Später wechselte er zum Produktdesign und beendete das Studium in Wuppertal. Fünf Jahre arbeitete er bei Phoenix Produkt Design, bevor er sich in Berlin selbständig machte. Im Elisabethhof, einem denkmalgeschützten Gewerbehof in Kreuzberg nahe dem Oranienplatz, gründete er 1997 sein eigenes Studio. Zwei Mitarbeiter bilden das kleine, überaus kreative Team.

Alle zwei, drei Jahre lässt es sich Jochen Schmiddem nicht nehmen, eine eigene Ausstellung seiner Malerei zu organisieren. Die letzte fand anlässlich einer Premiere im Schauspielhaus Wien statt, wo Schmiddem durchaus passend zu seinem eigentlichen Berufsfeld auf Leinwand riesige Goldfische zeigte. Schmiddem, der als Designer in kurzer Zeit eine erstaunliche Blitzkarriere machte, plädiert für "Produkte ohne Beipackzettel": "Sie müssen eine Persönlichkeit haben, sonst brauchen wir sie nicht. Nur dann sind Produkte sinnvoll und erfolgreich, wenn sie eine Botschaft vermitteln und Gefühle erzeugen".

Schmiddem arbeitet für viele der bekanntesten Hersteller im Bad-und Sanitärbereich. Außerdem entwarf der Tausendsassa auch noch noch einige andere, ausgeklügelte Dinge: den Milchzapfautomaten MQ, Möbel und Teppiche oder einen erdbebensicheren Pyramidenbau zum Designfestival in Osaka. Für Keramag entwickelte er das praktische und funktionale Bade- und Duschwannenprogramm "Primera". Es besticht durch eine Kombinationsvielfalt von Rund- und Mehreckformen, die selbst in kleine Bäder von ungewöhnlichem Zuschnitt passen. Wannen, die den Öffnungsradius einer Tür berücksichtigen oder mit ihrer Sechskantform längs wie quer in einer Ecke Platz finden.

Für Bette entwarf er die Modelle "BetteFocus" und "BetteSchmiddem". Trotz geringer Außenmaße bietet "BetteFocus" mit ihrer raffinierten Ecklösung eines Kreissegments Raum für das Plantschen zu zweit, sofern man nur ein klein wenig zusammenrückt. Das ergonomische Liegeprofil bietet zusätzlichen Komfort. Gleichzeitig integriert sie in einem nach außen gerundeten, halbzylindrischen Bereich eine großzügige Duschzone. Die gewölbte Echtglasabtrennung bildet einen transparenten Paravent mit Platz für Duschstange, Handtuch-Reling und Mantelhaken. "BetteSchmiddem" erlaubt mit einem sechs Zentimeter höheren Wasserstand als üblich genüssliches Abtauchen. Die Luxuswanne ist die erste mit einem horizontalen Überlauf, der mit für die feuchtfröhlichen Zusatzzentimeter sorgt. Man kann ihn mit einer chicen Massivholzablage zusätzlich überbrücken oder den besonders breiten, hinteren Wannenrand als Abstellfläche nutzen. Mit Bette arbeitet Jochen Schmiddem seit 1998 zusammen. Er wird auch in Zukunft die Produktpalette des Wannenherstellers entscheidend mitbestimmen.

Darüber hinaus entsprang seiner Kreativschmiede ein Doppelwaschtisch für den Natursteinspezialisten Marmor Zimmermann, dessen elegante, schwungvoll schlanke Formen aus griechischem Marmor und edlem Wengeholz eine Wasserwelle symbolisiert. "Man bezahlt mich für die Suche nach Neuem", so Schmiddem. Dass er diese Anforderung jenseits von Konventionen mit Erfolg erfüllt, bestätigt der Senkrechtstarter insbesondere mit seinem neusten Highlight, der für Hansgrohe in dessen Produktreihe "Pharo" entwickelten Komplettduschkabine "Cocoon". In ihr kann man sein besonderes Duschvergnügen erleben. Das futuristische, ballonartigen Gehäuse sieht aus, als käme man sich darin leicht und schwerelos vor wie in einer Luftblase. Zugleich wartete man förmlich darauf, dass aus imaginären Lautsprechern die Ansage zum Abheben in eine andere Dimensionen ertönt: "Beam me up, Scotty!" "Duschen - Schweben - Träumen" lautet entsprechend der Reim, den sich die Werbetexter auf Jochen Schmiddems Nasszelle machen.

Das Duschkonzept des Berliner Bad-Designers entspricht zeitgemäßen Anforderungen nach mehr Mobilität und Flexibilität. Lediglich auf einen Strom- und Wasseranschluss angewiesen und nur 85 Kilogramm leicht, stellt sich "Cocoon" als idealer Wegbegleiter für rastlose Designliebhaber vor. "Cocoon" ist für den Einsatz in nahezu jedem Raum konzipiert. Wer sagt, dass man nicht auch in der Küche oder im Wohnzimmer Duschen kann? Sein Rückgrat bildet ein flaches, eloxiertes Aluminiumprofil, das Wassermengenregelung sowie Thermostat mit Verbrühschutz integriert. Kopfbrause, zwei Seitenbrausen und Handbrause mit vier Strahlarten machen "Cocoon" zu einer komfortablen, autarken Nasszelle. Selbst der Handtuchhalter ist integriert: Die wasserführende Reling umspannt die Rundung und gibt als kleinen, aufmerksamen Clou am Rande ihre Wärme ans Frotteetuch ab. Auch für einen Vorhang zur Rundum-Abschirmung, der sich vom nassen Körper fernhält ist gesorgt. Die Kunststoffhülle aus PET ist extrem robust und pflegeleicht. Dass die nach oben hin ausladende Silhouette der Kreuzung einer Tauchglocke mit einer Telefonzelle ähnelt, die den menschlichen Körperformen organisch angepasst wurde, hat handfesten Nutzen. So erhält man mehr Armfreiheit. Erhältlich ist "Cocoon" in leuchtenden Bonbonfarben, die Laune machen: Blau, Orange und Maigrün - oder in Transluzent für weniger Modemutige und alle, die es dezenter mögen. In Berlin kann "Pharo Cocoon" von Hansgrohe im Schaufenster von "BadKunst" im stilwerk in Charlottenburg besichtigt werden.

Letzte Frage an einen, der es wissen muss: Wie sieht das Bad der Zukunft aus? Nach Meinung von Jochen Schmiddem leidet das Badezimmer an einer unglaublichen Reizüberflutung: "Egal, wie revolutionär einige Produkte auch sein mögen, sie verlieren ihre Kraft im Sammelsurium der unterschiedlichsten Stile." Das Bad der Zukunft muss sich seiner Überzeugung nach stärker am Benutzer orientieren.

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