Designerbabys : Einfach ankreuzen geht nicht

US-amerikanische Forscher haben Gene identifiziert, die für die Entwicklung der Gesichtsformen eine Rolle spielen. Sind ihre Versuche mit Mäuseembryonen ein erster Schritt zum "Designerbaby"?

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Ganz der Papa! Was beim Blick in die Wiege noch eine Floskel ist, bewahrheitet sich später meist. Gerade das Aussehen – von den Merkmalen eines Gesichts über die Haarfarbe bis hin zur Körpergröße – wird offensichtlich vererbt. Jedes Kind kann das nachvollziehen, wenn es eineiige Zwillinge anschaut.

Was derart leicht erkennbar ist, lässt sich wohl problemlos manipulieren. Nicht zuletzt dieser Trugschluss steckt hinter der Furcht vor „Designerbabys“. Schönheit auf Bestellung. Einfach ankreuzen und der Mutter wird nur der Wunsch-Embryo eingepflanzt.

Wie fern jeder Realität das ist, zeigt nun eine Studie von Axel Visel vom kalifornischen Lawrence Berkeley National Laboratory und seinen Kollegen im Fachblatt „Science“. Beim Menschen sind bisher fünf Gene bekannt, die das Knochenwachstum im Gesicht und damit seine Form zumindest ein wenig beeinflussen. Eines verändert den Augenabstand um einen Millimeter, die anderen vier haben noch geringere Auswirkungen. Die Vielfalt der Gesichter erklären sie nicht. Irgendwo im Erbgut versteckt sich der Rest der Informationen. Selbst bei der Haarfarbe spielen mindestens zehn Gene eine Rolle, bei der Körpergröße sind es mehr als 180.

Es wird noch komplizierter. Damit beim Wachstum zur richtigen Zeit und in der richtigen Zelle das richtige Gen abgelesen wird, ist ein Regulationsnetzwerk nötig. Es ist wie im Konzert: Instrumente allein genügen nicht. Ohne Musiker, die Noten lesen und Einsätze abwarten, die eine Lautstärke und ein Tempo finden, sind sie nutzlos.

Regeln, wann wo wie viel Knochen gebildet wird

Visel und seine Kollegen haben danach bei Mäuseembryonen gesucht. Am elften Tag nach der Befruchtung, wenn sich das Gesicht bildet, identifizierten die Forscher etwa 4000 Stellen im Mäuse-Erbgut, die aktiv waren. In einem zweiten Experiment markierten sie 200 davon mit Farbstoff. So konnten sie sehen, in welchen Teilen des Gesichts Erbgutregulatoren wie Lautstärkeknöpfe aufgedreht waren. Anschließend untersuchten sie Mäuse, denen je einer von drei Regulatoren fehlte. Tatsächlich wurde das Gesicht dadurch runder oder länger. Die Forscher hatten das Signal verändert, wann wo wie viel Knochen gebildet werden soll.

Beim Menschen wird man nie manipulieren können

Das ist ein Anfang. Stellt man sich die Entwicklung des Gesichts als Symphonie vor, haben die Forscher nur Musikfetzen einzelner Instrumente vernommen, die beim Menschen vermutlich ähnlich klingen. Selbst wenn sie irgendwann das ganze Netzwerk kennen – beim Menschen würde man es nie manipulieren. Denn was in einem Moment Schönheit justiert, reguliert im nächsten das Wachstum wichtiger Organe. Es werden eben nicht alle Wünsche wahr. Erst recht nicht, wenn es um den Nachwuchs geht.

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