Zeitung Heute : Dessous: Geschenkverpackungen

Inge Ahrens

Farbe schält sich von der Stuckdecke, legt feinen Dornröschenstaub auf die Jahresringe des kostbaren alten Holzbodens. Mürbe durchscheinende Paravents teilen den riesigen Saal. In der Ecke sonnt sich ein zimtfarbenes Sofa im Abendlicht. Die an die Wand gelehnten venezianischen Spiegel geben die von der Decke schwingenden Kleiderstangen zurück.

Sobald sich jemand durch die pompösen Dessous blättert, steht ein Knistern im Raum. Ein trockenes Knacken, wenn sich das Mieder schließt. Fast genau hundert Jahre alt ist der Saal, der jetzt eine Dessouswerkstatt beherbergt: "Cris - Cris", Wäsche aus Berlin. An ausladenden Klapptischen sitzen junge Frauen, nähend und stickend. Überall liegen Stoffballen, im Hintergrund spielt leise Musik. Ein Kind malt still für sich, die Espressomaschine brodelt. So ähnlich muss es vor langer Zeit in den Nähstuben des Pariser Marais-Viertels ausgesehen haben. An den abgelebten Wänden raschelt gerafftes Papierplissee. Antike Schneiderbüsten tragen Schnürleibchen mit geschwungenen Wespentaillen.

Aber hier ist nicht Paris, sondern Berlin Mitte - da, wo es denkmalgeschützt und unrenoviert seine Schönheit bewahrt. Und "Cris - Cris" ist Christiane Kremer. Die 65 Kollektionsteile junger Wäsche der 32-jährigen Breisgauerin sind wahre Geschenkverpackungen für das Allerheiligste. Leidenschaftliche Liebe zu Spitzen, Litzen, Tüll und Bändern bricht sich Bahn. Nach dem Studium in Textildesign und Kostüm blieb die Passion fürs Historische. Es schäumt die Gischt an Po und Busen. Es spreizt sich das Plissee, und der Petticoat ist eine Wolke aus weißem Tüll mit lauter glimmernden Sterntalern drin.

Tüll bauscht sich auch überm blaugrünen Reifrock, der sich vorn wie Schmetterlingsflügel aufmacht und über den Hüften als gesteppter Gürtel geschnürt wird. Hier soll nichts halten, nur schmücken. Die Büstenhalter sind nur von schimmernden, zarten Bändern gehalten, und an den samtigen Strumpfbändern blinken falsche Steine. Schwindelerregend die Schnüre an Korsetts, Korseletts und Guepièren vorn und oder hinten.

Einen zuckrigen Anblick bieten die Strapshöschen mit Schnürband, die bis zum Nabel gezogenen Mädchenhosen mit angedeutetem cul de Paris: Hinten wippt ein Mini-Tutu. Den marshmallow-rosigen Unterrock schließt rückwärts ein Clip, darunter das Fenster zur Haut ist von schwarzer Spitze umschäumt. Farbgruppen gehören zusammen, doch alles ist mit allem kombinierbar. Vom blumigen Morgenmantel lassen die jungen Damen die seidigen Volants schleifen wie Mae West in ihren besten Tagen. Miederleibchen werden übers Hemd geschnürt. Klarapfelgrüne Hemdchen und Hosen sind mal südseestrandtauglich, mal abendschön, wenn seegrün die Brüste mit Tüll aufgepeppt sind.

Plissee aus Frankreich oder High Tech und Tüll aus Italien finden sich bei Christiane Kremer vereint als frivole, freche und niemals ordinäre Jung-Frauen-Verpackung wieder. Das meiste wird handgenäht in der malerischen Werkstatt und hat darum seinen Preis. 500 Mark müssen mindestens für so eine handgenähte Korsage hingelegt werden. Endlich Glamour auch für die Jungen, hat sich Tilla Hendriksen von "Les dessous" gedacht, Inhaberin zweier schöner Wäschegeschäfte in Berlin, und "Cris - Cris" in ihr Programm aufgenommen. Sehr kess liegen die Teile neben den ehrwürdigen französischen Verwandten, den Pariser Samt- und Seidenmiedern von Cadolle und Jeune Europe- Wäsche, die unermüdlich auf Genuss aus ist.

"Cris - Cris" klingt wie das Rascheln und Knistern aufwendiger Wäsche. Cris - Cris ist die Antwort junger Frauen, deren Mütter üppig La Perla tragen und ihren Töchtern zum praktischen Hanro raten. Christiane Kremer im alten Handwerkerhof schlägt den Müttern ein Schnippchen mit Saloon, Can -Can und Brigitte Bardot in "Viva Maria". "Cris - Cris" ist der letzte Schrei. Es ist die Wiederbelebung des Dessous als Fetisch.

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