Deutsche Bahn : Passagiere? Kannste vergessen!

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Stark am Glas: Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.
Stark am Glas: Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.Foto: Tagesspiegel

Über die Brücke von Remagen rollt lange schon kein Zug mehr. Wie auch über der Brücke am Kwai kein Marsch mehr gepfiffen wird. Und wer sich auf le pont d’Avignon wagt, wird schon nach dem vierten Brückenbogen sur le pont sein und in die Rhône platschen. Doch ändern die willkürlich gewählten Beispiele zerstörter Brücken nichts daran, dass der Brücke als solcher dennoch etwas Verbindendes anhaftet, sozusagen etwas Überbrückendes. Das ist bei der Müngstener Brücke hoch über dem Tal der Wupper auch nicht anders.

Deutschlands höchste Eisenbahnbrücke überbrückt auf 107 Meter Höhe das Tal und trägt auf einer Strecke von 465 Metern zur Verbindung der Städte Solingen und Remscheid bei. Und da wir gerade bei den Wesensmerkmalen der Dinge sind, bei ihrem inneren Kern und Daseinszweck: Der der Eisenbahn ist der Transport. Welchen Sinn sollte die Bahn sonst haben? Zum Rumstehen ist sie zu klobig, zum Schwimmen zu schwer, fliegen kann sie auch nicht, und zum Rumfahren braucht es Gleise, die aufwendig verlegt werden müssen. Ein Aufwand, der sich kaum lohnt, wenn Züge nur aus Daffke durch Deutschland fahren.

Der Transport also, Sachen, Tiere, Menschen, von A nach B, auch mal retour. Oder, wie in diesem Fall, von S nach R. Was nun die Müngstener Brücke angeht, dieses geschwungene Stahlkonstrukt mit seinen 950 000 eingeschlagenen Nieten, von denen ein Niet gülden sein soll, aber noch nicht gefunden wurde, sie ist in die Jahre gekommen seit ihrem Bau 1897. Und musste saniert werden. Damit die Standsicherheit der Brücke gewährleistet ist. Das Eisenbahnbundesamt erlaubt bei der Überquerung ein Zug-Gesamtgewicht von 72 Tonnen. Ist ja leicht, sagten die Ingenieure der Deutschen Bahn, unsere Regionalbahn 47, die zwischen S und R verkehrt, wiegt nur 69,9 Tonnen. Die Brücke bleibt aber jetzt doch gesperrt. Und die täglich mehreren tausend Menschen, die von Wuppertal-Oberbarmen kommend nach Solingen wollen, müssen eben in Remscheid aussteigen und umständlich und kurvig durchs Bergische Land mit dem Bus fahren. Retour auch.

Warum? Weil die Deutsche Bahn ihren Daseinszweck vergessen hatte und bei der Gewichtsangabe einen leeren Zug zur Grundlage machte. Mit Passagieren wiegt die RB 47 aber um die 81 Tonnen. Wer braucht in einem Zug schon Bahnreisende? Was man schon länger ahnte, hat nun einen Beleg: An Personentransport ist die Bahn nicht so interessiert. Über die Müngstener Brücke rollt noch lange kein Zug. Helmut Schümann

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