Zeitung Heute : Deutsche Bauern - Ende oder Wende?

MARGARITA CHIARI

Das Reformpaket, das die Europäische Kommission ihnen im Rahmen der Agenda 2000 aufbürden will, sei "wie der Eisberg für die Titanic", ließen sie jeden, der es hören wollte, wissen.Sollten die Preisstützungen und Subventionen gekürzt und Europas Landwirte dem freien Markt ausgeliefert werden, werde es aus sein mit der ländlichen Idylle.Schluß mit dem Leben auf dem Bauernhof, die Zukunft gehöre den Agrarfabriken.Das würden auch die Verbraucher zu spüren bekommen: Statt frischer Vielfalt müßten sie dann mit genmanipulierten Tomaten, Fließband-Hühnchen und Tiefkühlfleisch aus Argentinien Vorlieb nehmen.

Sicher ist die Sorge nicht unbegründet: Der Wirbel um BSE-verseuchte Rinder, die Qualen der Legehennen oder die Brutalität der Tiertransporte über Hunderte von Kilometern liefern ausreichend Belege dafür, daß die Nahrungsmittelproduktion nicht allein dem freien Wettbewerb ausgeliefert werden darf.Und niemand wird ernsthaft bestreiten, daß die Schönheit und Vielfalt des ländlichen Raums ein Kulturgut ist, für dessen Erhaltung wir Geld ausgeben sollten.Ein Argument für die Fortführung der bisherigen Agrarpolitik ist all dies aber nicht.Sie hat die Fehlentwicklungen nicht verhindert, sondern befördert.

Europa leistet sich ein Agrarsystem, das nicht mehr zu rechtfertigen ist.80 Milliarden Mark, knapp die Hälfte des gesamten EU-Haushaltes, werden Jahr für Jahr dafür aufgewendet.Geld, das zu einem großen Teil sinnlos verpulvert wird.Mit Milliardensummen wird eine Überschußproduktion gefördert, für die anschließend weitere Milliarden nötig sind, um sie auf Drittmärkten zu Dumpingpreisen verkaufen zu können.Das schadet nicht nur den ärmeren Ländern der Welt, auch große Handelspartner, wie die USA, haben deutlich gemacht, daß sie das nicht weiter tolerieren werden.Die Verbraucher zahlen ebenfalls ihren Preis.Die vermeintlich günstigen Lebensmittel erkaufen sie mit hohen Steuern - in Deutschland mehr als anderswo: Von jeder Mark, die die Bundesregierung an den EU-Agrarhaushalt überweist, kehren nur 50 Pfennig zurück.

Es gibt also gute Gründe, die geplante Agrarreform zu begrüßen.Sicher sind die Vorschläge der Kommission noch viel zu bürokratisch, doch die Richtung stimmt: weniger Preisstützungen, mehr Markt.Einige Agrarbetriebe sind schon heute nicht weit davon entfernt, international wettbewerbsfähig zu sein - etwa jene in Ostdeutschland.Doch auch für die kleineren Betriebe ist der Markt nicht des Teufels.Statt nach Quoten und Prämien zu schielen, könnten sie sich mehr an der Nachfrage orientieren und um die Vermarktung kümmern.Hier ist viel nachzuholen.Warum werden große Mengen an Gemüse und Obst aus anderen europäischen Staaten importiert, die in ebenso guter Qualität vor Ort geerntet werden könnten? Die Nähe zum kaufkräftigen deutschen Markt ist eine Chance.Mit der Massenproduktion der großen Betriebe könnten sich die kleineren Nahversorger aus der Nische befreien.Die Verbraucher werden zunehmend bereit sein, für Frische, Qualität und Herkunftsnachweise höhere Preise zu bezahlen.All das bedeutet auch nicht, daß Natur- und Tierschutz oder benachteiligte Regionen die Verlierer der Marktwirtschaft sein werden.Statt wie bisher die Produktion von Großbetrieben zu fördern, wäre es sinnvoller, Gelder gezielt dort einzusetzen, wo es aus sozialen oder ökologischen Gründen geboten erscheint.Die Grüne Woche könnte ein Forum für gute Ideen sein.Vielleicht erweist sich der Stern doch noch als ein guter.

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