Zeitung Heute : Deutsche Einheit, geleast

STEFANIE DÖRRE

Nachrichten aus der Provinz: Dresdens "Herkulessäule" in der Distel Wer könnte das Programm "Heimaterde" typischer vortragen als der deutsche Gartenzwerg? Im Jogginganzug, Ausdruck teutonischen Wohlfühlens, preisen vier dieser deutschen Michelchen kichernd die deutsche Eiche - "von Eichendorff bis Eichmann".Auch ihre roten Zipfelmützen sind bildlich zu verstehen, Politkabarett gegen braune Dumpfheit und schwarze Stumpfheit: nicht neu, aber aktuell.Tief greifen Gloria Nowak, Birgit Schaller, Rainer Bursche und Jens Winkelmann von der Dresdner "Herkuleskeule" ins Schatzkästlein nationalistischer Phrasendrescherei."Donkosacken sind für unsre Fraun Kanacken", dichtet ein Ich-bin-stolz-Besoffski."Safari heißt doch hier nicht Neger jagen", muß Isolde aus Sachsen in Kenia erfahren.Da bleibt man besser in der Heimat, in Böhmen, das gar nicht böhmisch ist, sondern deutsch."Oh meines liebes Riesengebirge" wird angestimmt, hervorragend intoniert.Die Kaffeefahrt nach Theresienstadt dagegen muß ausfallen, "ich hab schon fünf Rheumadecken".In diesem Zwergengift-Cocktail fällt selbst eine Nummer von Matthias Beltz, dem Radikalsatiriker aus Frankfurt (Main), nicht weiter auf. Beim Soli-Zuschlag ist Schluß mit der Harmonie.Sie stellt sich erst wieder her, als eine auf der Bühne provisorisch aufgerichtete Mauer Ost und West im Traum von der Wiedervereinigung eint."Wir hätten das System hier erst einmal leasen sollen." Die Distel erbebt vor Lachen, zustimmend und selbstironisch zugleich.Schließlich ist man dem Schicksal der Nachbarn aus Tschechien entgangen, die süße Sahne aus der Tube kannten, "als wir der Osten waren und die der Westen".Nun sind die Verhältnisse umgekehrt: die Menschen aus dem Tubensahneland schlagen sich jetzt mit selbstmodellierbarem Alubesteck herum.Auch auf die neuen Bundesrepublikaner saust die Keule hernieder.Kabarett funktioniert in Dresden nicht anders als im Westen.Nur fehlt jenem Teil der Zuschauer, die erst in jüngerer Zeit zu Hauptstädtern geworden sind, der Erfahrungshorizont, der diesen Sachsen-Biß erst fühlen läßt.STEFANIE DÖRRE

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