Deutsche Experten : Für Wohlstand nach dem Öl

Deutsche Forscher und Firmen sind gefragte Partner bei alternativer Energie.

Heiko Schwarzburger
283745_0_3c1949e6.jpg
Parabolrinnenkraftwerk in der Wüste bei Kairo. Für deutsche Unternehmen wartet hier ein großer Markt, denn „Made in Germany“ ist...

Wohlstand, auf Öl und Sand gebaut: Das nahende Ende der Ölreserven zwingt die Herrscher am Golf dazu, ihren Reichtum auf alternative Energiequellen zu gründen. Jeder Einwohner in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) verbraucht im Jahr rund 17 000 Kilowattstunden Strom und 219 000 Liter Wasser, mehr als ein Amerikaner. „Noch haben wir keine Energieprobleme“, sagt Sultan Ahmed Al-Dschaber, Direktor der Gesellschaft für Zukunftsenergien in Abu Dhabi. „Aber wir denken an die Zeit nach dem Öl. Mit der Masdar-Initiative wollen wir unserer Wirtschaft ein weiteres Standbein verschaffen.“ Deutsche Firmen sind den Arabern dabei oft hilfreiche Partner. Anders als Amerikaner oder Briten sind sie kolonialer Ambitionen unverdächtig. Und sie führen in den Technologien, in denen die Emiratis ihre Zukunft sehen: Solartechnik, Windkraft und die Entsalzung von Meerwasser.

Masdar ist das arabische Wort für Quelle. In dieser Initiative haben die Scheichs mehrere anspruchsvolle Projekte vereint, mit denen sich die Emirate an die Spitze der weltweiten Energiewende setzen wollen. Jeden Tag fördern ihre Ölpumpen rund 2,5 Millionen Barrel Öl. Die Erlöse fließen zunehmend in Solaranlagen und Windparks. Seit August 2008 laufen die Planungen für ein riesiges Solarkraftwerk in der Wüste, das 350 Millionen Petrodollars kosten wird. Es soll 100 Megawatt Strom liefern, derzeit werden 35 Testanlagen erprobt. Die Entscheidung, welcher Hersteller den Zuschlag bekommt, soll in diesem Sommer fallen. Der Ausbau der Solarfläche auf 500 Megawatt ist bereits geplant. Der Sonnenstrom soll die Energieversorgung der Emirate unterstützen, wenn die Sonne im Zenit steht und die stromfressenden Kühlaggregate in den Hotels, Bürotürmen und Wohnhäusern auf vollen Touren laufen.

Rund 22 Milliarden Euro investieren die Herrscher in die Masdar-City, das globale Mekka für energiesparendes Bauen in der Wüste. In Sichtweite des internationalen Flughafens von Abu Dhabi entsteht eine Stadt für 50 000 Menschen, die sich weitgehend aus erneuerbaren Energien versorgen soll. Riesige Dachflächen sind für Solaranlagen vorgesehen. Allerdings kaufen die Scheichs keine Solarmodule, sondern komplette Fabriken, um die großflächigen Glaspaneele in eigener Regie zu fertigen. Die erste Fertigungslinie wird in Ichtershausen bei Erfurt errichtet. Deutsches Know-how ist gefragt: Die Maschinen stammen vom Fabrikausstatter Applied Materials im bayerischen Alzenau. Weitere Werke in Abu Dhabi werden die Fertigungskapazität von Masdar PV auf 210 Megawatt erhöhen. Schon denken die Herrscher am Golf weiter: Insgesamt 630 Megawatt Solarmodule wollen die VAE künftig jährlich selbst produzieren.

Allerdings lässt sich die deutsche Solartechnik nicht ohne Weiteres auf arabische Bedingungen übertragen: Der feine, schneidende Sandstaub und die Wüstenstürme schmirgeln über das Glas der Module und verwehen die Siliziumflächen. Deshalb sind Forschungsinstitute wie das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln oder die Technische Universität in Aachen eingebunden, um spezielle Lösungen für den arabischen Raum zu entwickeln.

Doch nicht nur in Abu Dhabi kündigt sich eine grüne Zukunft an. Der deutsche Solarhersteller Conergy aus Hamburg baut auf dem Dach der König-Abdullah-Universität in der saudi-arabischen Hauptstadt Riad eine Solaranlage, die zwei Megawatt Stromleistung bereitstellt. 11,3 Millionen Euro fließen in dieses Projekt. Finanziert wird es von Saudi Aramco, einem der größten Ölkonzerne der Welt. Überall in der Golfregion schießen Bürotürme aus dem Wüstensand, die Solarfassaden mit Windturbinen kombinieren. Denn alle Anrainer des Golfs und des Mittelmeers haben tagsüber viel Sonne mit bis zu 50 Grad Celsius und in der Nacht starke Winde. Die Herrscher am Golf werden deshalb mittelfristig auch in die Windkraft einsteigen.

Vorbild ist Marokko. In der Nähe von Tanger entstand vor acht Jahren der erste größere Windpark in Nordafrika. Sieben Windgeneratoren versorgen 20 000 Menschen mit Ökostrom. Das Projekt wurde von der deutschen KfW Entwicklungsbank finanziert. Mittlerweile haben die Franzosen einen gigantischen Windpark danebengestellt, in dem sich 84 Rotoren drehen. Sie liefern Strom für eine halbe Million Menschen. Wo der kalte Atlantik auf das warme Mittelmeer trifft, herrschen Winde wie an der Nordsee.

In Kuraymat südlich von Kairo entsteht ein modernes Kraftwerk, das Sonnenwärme und Erdgas nutzt, um die ägyptische Hauptstadt mit 150 Megawatt Strom zu versorgen. Dabei kommen Solarkollektoren mit Parabolrinnen zum Einsatz, die das Licht der Sonne bündeln. An der Auslegung und am Bau des Solarfeldes ist die Kölner Firma Flagsol beteiligt, eine Tochter der Solar Millennium AG aus Erlangen. Die Kollektoren bedecken eine Fläche von 130 000 Quadratmetern. Jede Kollektorreihe ist sechs Meter breit und 150 Meter lang. Rund 53 000 Spiegel werden benötigt. Die wichtigsten Teile kommen aus Deutschland, unter anderem von Schott Solar. Ähnliche Ausschreibungen laufen in Algerien, Marokko, Israel und den Emiraten. Doch nicht nur die Küstenstaaten haben die erneuerbaren Energien erkannt. Eine süddeutsche Firma lieferte im vergangenen Jahr Solartechnik für rund 6000 Straßenlaternen in Bagdad. Heiko Schwarzburger

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben