Zeitung Heute : DEUTSCHE FUSSBALLER ZWISCHEN GLÜCKWÜNSCHEN UND KRITIK: Der "Gefühlsmensch" Vogts sieht sich verkannt

MICHAEL ROSENTRITT

NIZZA .Gestern, inmitten der heißen Mittagszeit, sah Hans-Hubert Vogts gar nicht gut aus.Und das, obwohl er sich das Zeitungslesen schon in frühen Tagen dieser Weltmeisterschaft abgewöhnt hatte.Jedenfalls vermittelte der Bundestrainer fast den Eindruck, als wüßte er nicht, woran er nun eigentlich ist.Die Welt des "Gefühlsmenschen Vogts" ist binnen 24 Stunden erneut ins Wanken geraten.Auf der einen Seite freute sich der Bundestrainer über "Faxe über Faxe" (Vogts), die ihn von den Fans aus Deutschland nach dem 2:1-Sieg über Mexiko im Quartier erreichten.Andererseits ist ihm zu Ohren gekommen, daß die Medien nicht ganz auf dieser Wellenlänge liegen, trotz des Einzugs ins Viertelfinale.

Verlesen wurde ein besonders herzlich gehaltenes Glückwunsch-Verslein der deutschen Rockgruppe "Pur", zu der der DFB ein spezielles Verhältnis pflegt, wie Mediendirektor Niersbach erwähnt wissen wollte.Das Gefaxte schloß mit dem bezeichnenden Satz: "Auf die Jungs über 30 ist eben Verlaß." Man kann aus der größten Not auch eine Tugend machen, könnte sich Vogts dabei gedacht haben.Damit wäre die deutsche Auswahl um diese eine reicher.Und schließlich könne sich ein Haufen musizierender Mittdreißiger auch nicht irren, wenn es gilt, die Leistungen der Deutschen WM-Abordnung zu beurteilen.Die Journalisten aber, "die beim Spiel oben im Schatten sitzen", sollten sich schämen und "die Leistungssteigerung der Mannschaft bei der Hitze endlich zur Kenntnis nehmen", sagt Vogts.

Ohnehin will Vogts längst ausgemacht haben, daß "man im Ausland nur mit Hochachtung von der deutschen Mannschaft spricht", hingegen im eigenen Land "die Qualitäten verkannt werden." Nun, auch die "Times" mußte da falsch gelegen haben, titelte sie doch am Tag danach: "Der Gegner spielt gut, aber Deutschland gewinnt." Möglicherweise aber hatte der Bundestrainer auch nur die "France-Soir" zur Hand, in der man las: "Bei diesen Deutschen darf man sich über nichts mehr wundern." Gilt das Vorstoßen der deutschen Elf unter die besten acht Mannschaften der Welt denn nichts? Vogts wäre nicht Berti, wenn er nicht für alles eine Erklärung hätte."Der deutsche Fußballfan ist noch nicht soweit", sagte Vogts.Sollte das etwa heißen, daß es in Zukunft einer deutschen Fußball-Auswahl schwer fallen wird, bei einem internationalen Kräftemessen ins Achtel-, Viertel- oder gar Halbfinale zu kommen?

Nein, der Bundestrainer hat ganz andere Sorgen vor der Partie gegen Kroatien, seinem 100.Länderspiel.Zwischen Faxen, herber Zeitungskritik und seinem Aberglaube schnappte sich der Berti am Tag danach seine Familie und faulenzte einen lieben langen Tag lang.Einfach so.Der Bundestrainer hat es also nicht für nötig gehalten, dem Achtelfinalspiel zwischen den Rumänen und den Kroaten beizuwohnen, um so den nächsten Gegner zu inspizieren."Wieso denn?", fragte Vogts, "ich habe 1994 bei der WM unseren Viertelfinalgegner Bulgaren angesehen.Wie das Spiel ausging, wissen Sie und ich." Vogts glaubt vor allem und zu allerletzt nur noch an sich selbst und seine Arbeit."Wir haben in Finnland im Trainingslager hart gearbeitet.Die Flasche ist eben nicht leer.Sie ist gut aufgefüllt", so der Trainer in einer für ihn typischen Anlehnung an eine Rede eines Kollegen.

Das einzige, was er für Spiele wie Gegner wie Kroatien nicht gebrauchen kann, sind bestimmte Spielertypen."Es gibt Spieler, die nicht bei Eis und Schnee spielen können.Es gibt auch welche, die können nicht bei Hitze spielen.Aber es gibt auch Spieler, die können nicht spielen, wenn sie eingewechselt werden." Vogts nannte keinen Namen.Nicht, um zu schonen.Eher um den Ball abzugeben.Unten im Auditorium murmelte ein jeder nur einen Namen: Möller.So, daß es der Bundestrainer hören konnte."Ich habe ihm vor dem Spiel gegen Mexiko gesagt, was er zu tun hat", murmelte Vogts zurück.Frage: Wie sieht jetzt die Zukunft Möllers aus? Vogts: "Das hat er mich noch nicht gefragt." Braucht er wohl auch nicht bei so viel "Herzlichkeit" aus Deutschland.

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