Deutsche Kommunisten : Die Legende von Karl und Rosa

Auch heute, 90 Jahre später, hallen die Schüsse auf Liebknecht und Luxemburg noch nach. Eine Wunde, die sich nicht schließen will. Besonders schwer tut sich die SPD damit: Wie weit war ihre Führung in die Morde verstrickt?

Uwe Soukup
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Hier wurden nach den Morden

Berlin-Tiergarten, vor dem Grips-Theater. Ein nasskalter Dezemberabend. Das neueste Stück „Rosa“ ist vor wenigen Minuten zu Ende gegangen. „Habt ihr gewusst, dass die Luxemburg so viele Männer verschlissen hat?“, fragt eine Besucherin. Ja, die Grips-Rosa liebt und weint viel, sie wird ein wenig zu sehr verehrt – aber das Stück kommt an. Die Vorstellungen sind ausverkauft. Und wer auch nur einen Teil der Stücke des Hauses kennt, weiß, dass es dem Intendanten Volker Ludwig wohl kaum um das Liebesleben der Rosa Luxemburg gegangen sein wird, als er das Stück konzipierte.

Was als biografische Darstellung beginnt, nimmt nach wenigen Szenen das eigentliche Ziel ins Visier: die zunehmende Entfremdung zwischen Rosa Luxemburg, und der SPD, in die sie eingetreten war, weil sie die Sozialdemokraten für die größte revolutionäre Partei Europas gehalten hatte. Einige Male fällt der Name Friedrich Ebert, Nachfolger des großen August Bebel als Parteivorsitzender, einmal der seines Wehrministers Gustav Noske. Kurz darauf endet das Stück abrupt mit zwei ohrenbetäubenden Schüssen, den Schüssen auf Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht am 15. Januar 1919.

Der Nachhall dieser Schüsse scheint nach über 90 Jahren eher lauter als leiser zu werden; die Geschichte von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ist lebendiger denn je. Die Januar morde haben eine Wunde geschlagen, die sich offenbar auch nach Jahrzehnten nicht schließen will. Anders lässt sich das Ausmaß des Luxemburg-Liebknecht-Gedenkens an diesem Wochenende, vornehmlich im Ostteil der Stadt, nicht erklären.

Allerdings hallen die Schüsse vom Januar 1919 nicht in jedem Ohr gleich. Vor einem Jahr wurde der Berliner NPD-Chef Jörg Hähnel zu einer saftigen Geldstrafe (4500 Euro) verurteilt. Im Lichtenberger Bezirksparlament hatte er die Morde an Luxemburg und Liebknecht als „Akt des Demokratieerhalts“ gutgeheißen. Das Urteil sei aber noch nicht rechtskräftig, wie Hähnel betont. Sein Anwalt argumentierte, dass niemals von einem deutschen Gericht festgestellt worden sei, dass Rosa Luxemburg ermordet wurde. Das ist wahr, was allerdings leicht mit der kameradschaftlichen Rechtsprechung des damaligen Kriegsgerichts erklärt ist.

Um den „mystifizierten Ikonen“ Luxemburg und Liebknecht etwas entgegenzusetzen, hatte Hähnel gleich noch gefordert, den Mann zu ehren, der deren Ermordung organisiert hatte: Hauptmann Waldemar Pabst. Auf die Frage an den NPD-Funktionär, ob er denn auch die Bombardierung ganzer Stadtteile im Osten Berlins auf Befehl Pabsts billige, die Standgerichte, hunderte Tote, antwortet er, dies sei der revolutionären Situation geschuldet. Es habe Straßenkämpfe gegeben. Pabst habe für Ordnung, Disziplin und Ruhe gesorgt. In so einer Situation könne man nicht mit Maßstäben des Grundgesetzes von heute hantieren.

Ist es auch die Tatsache, dass diese Morde ungesühnt blieben, die Zehntausende dazu bewegt, an jedem zweiten Sonntag im Januar bei Wind und Wetter eine rote Nelke auf den Gräbern Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts abzulegen? Alle Blumenhändler rings um den Bahnhof Lichtenberg haben für den heutigen Gedenktag der Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts reichlich Nelken geordert. Auch der Betreiber eines winzigen Blumenladens in der Gudrunstraße. Wie viele genau er bestellt habe, verrät er nicht. Wenn es nicht so viele Schwarzhändler gäbe, würde er noch viel mehr verkaufen, brummt er.

Der Hauptgrund, warum die Geschichte von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht immer noch so aktuell ist, liegt sicher in dem ungeklärten Verhältnis, das die SPD bis heute zu den beiden hat. Und ganz besonders zu ihrem ehemaligen Wehrminister Gustav Noske, jenem Sozialdemokraten, der mit dem die Morde an Luxemburg und Liebknecht befehlenden Hauptmann Waldemar Pabst so eng zusammenarbeitete. Mitte der 90er Jahre ahnte SPD-Querdenker Peter Glotz mit Blick auf Noske: „Das wird noch eine Menge Ärger geben.“

Im Willy-Brandt-Haus erfährt man, dass der Parteivorstand zum 90. Todestag von Luxemburg und Liebknecht nichts plane. „Das ist auch nicht üblich.“ Einige Bezirksverbände der Berliner SPD und auch die Abgeordnetenhausfraktion hingegen werden an verschiedenen Stellen in der Stadt Kränze niederlegen. Auch an den beiden Mahnmalen im Tiergarten werden in den nächsten Tagen wiederholt Kränze abgelegt. Die Gedenk rituale sind, so scheint es, nicht weniger zerrissen als die Erinnerung an die Ermordeten selbst.

Befürworter und Gegner Noskes gehen von entgegengesetzten Annahmen aus. Der CDU-Generalsekretär Pofalla nannte vor einigen Monaten Noskes militärisches Vorgehen ein „beherztes Auftreten für eine Republik“. Die Berliner FDP kam gar auf die Idee, Noske ein Denkmal in der Hauptstadt zu errichten, er habe sich „um die erste deutsche Republik verdient gemacht“. Da wussten sie bei den Liberalen wohl nicht, dass Pabst im Jahr 1969 trotzig notiert hatte, dass „diese deutschen Idioten“ für die Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts „Noske und mir danken, uns Denkmäler gesetzt und nach uns Straßen und Plätze benannt haben sollten“. Dem mordenden Hauptmann fehlte zeit seines Lebens die gebührende Anerkennung für seine folgenreichen Taten.

Kritiker Noskes dagegen sind überzeugt, dass sein Pakt mit den Militärs schon zu Beginn der Weimarer Republik entscheidende Weichen falsch stellte. Hat Noske nun die eine Diktatur – die „bolschewistische“ – verdienstvollerweise verhindert, oder hat er der anderen, der nationalsozialistischen Vorschub geleistet, indem er die junge deutsche Republik von Feinden der Demokratie verteidigen ließ – das ist der Kern der Auseinandersetzung. Kann man mit terroristischen Methoden eine Republik verteidigen? Hat sich die Republik mit dem mörderischen Feldzug gegen links nicht freiwillig eines demokratischen Standbeins beraubt und sich so den alten und neuen Nationalisten ausgeliefert?

Fragen wir einen, der jahrelang darüber geforscht hat, den Frankfurter Soziologen, Drehbuchautor und Regisseur Klaus Gietinger. Vor 20 Jahren begann er, angeregt durch ein Fernsehspiel des Süddeutschen Rundfunks, mit Recherchen zu einer einzigen Frage: Wer erschoss Rosa Luxemburg? Was er dabei zu Tage förderte, veränderte unter der Hand seine Fragestellung. Wie viel, so forscht er seit Jahren, hatte die damalige SPD-Führung mit der Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts zu tun?

Klaus Gietinger sitzt in seinem Arbeitszimmer in Frankfurt. Die Regalbretter krümmen sich unter der Last der deutschen Arbeiterbewegung. Um herauszubekommen, ob es eine Verbindung zwischen der damaligen SPD-Führung und den Mördern Luxemburgs und Liebknechts gab, hat sich Gietinger schon vor Jahren den Akten und Nachlässen der Militärs zugewandt, denn schnell wurde klar, dass in den Archiven der Sozialdemokratie zu dem Thema wenig zu holen sein würde.

Gietinger hat nun eine umfangreiche Biografie über jenen Hauptmann Waldemar Pabst vorgelegt, die kaum noch Fragen offenlässt, auch nicht die nach dem Namen des Offiziers, der die tödliche Kugel in den Kopf der vorher bewusstlos geschlagenen Rosa Luxemburg jagte – Leutnant zur See Herrmann W. Souchon. Vor allem aber fand er immer wieder Hinweise auf die Verwicklung Gustav Noskes in das nächtliche Mordkomplott. „Es waren auf den ersten Blick unnatürliche Partner“, sagt Gietinger. „Der SPD-Führung ging es, genauso wie den Militärs, darum, die Kritiker des Weltkriegs irrsinns mundtot zu machen. Die Militärs waren in diesem Krieg zu Hause, und die SPD-Führung hatte ihn, na ja, mitgemacht. Sie haben Millionen ihrer eigenen Mitglieder in diesem Krieg verheizt, selbst Ebert hat zwei seiner Söhne verloren. Aber gerade darum durfte nichts infrage gestellt werden. Die Gemeinsamkeit beider Partner war, die Verantwortung für die bis dahin größte Katastrophe der Menschheit zu vertuschen. Und wie immer ist der Preis für Verdrängung und Unbelehrbarkeit, den gleichen Fehler noch einmal zu machen.“

Luxemburg und Liebknecht hatten für ihre Antikriegsreden im Gefängnis gesessen, das machte sie glaubwürdig. Auch wurden beide 1917, mitten im Krieg, aus der SPD ausgeschlossen. Karl Liebknecht war Rechtsanwalt, Reichstagsabgeordneter und Sohn des SPD-Mitbegründers Wilhelm Liebknecht und hatte als Erster der Kriegspolitik der SPD-Führung widersprochen. Rosa Luxemburg bekleidete kein einziges politisches Amt – als Frau im Kaiserreich war das undenkbar. Als Redakteurin, Leiterin der Parteischule, Agitatorin – sie war eine ebenso brillante wie ungestüme Rednerin – ging sie keiner Auseinandersetzung, weder mit der eigenen Partei noch mit der kaiserlichen Justiz, aus dem Weg.

Der „Friedhof der Sozialisten“ in Friedrichsfelde zeigt sich gut vorbereitet. Die breiten Wege zu den Grabplatten sind weitgehend vom Schnee befreit. Es weht kalt vom Bahngelände herüber, die Straßen sind fast menschenleer. Was mit den Blumen passiert, wenn der Sonntag vorbei ist? „Sie bleiben liegen, solange sie gut sind.“ Bereitwillig gibt ein türkischer Friedhofsarbeiter Auskunft. Ob sich das Gedenken verändert habe? Ob es zum Beispiel mal mehr, mal weniger große Blumenberge gebe? „Eigentlich müsste es weniger werden. Die Alten sterben, und die Jungen kommen nicht mehr. Aber gerade letztes Jahr waren es wieder sehr viel mehr Blumen als die Jahre davor.“

Wie soll die SPD nun mit dem Vorwurf, einer ihrer eigenen Leute sei in die Morde verwickelt gewesen, umgehen? Reicht es, von „dunklen Flecken“ in der Geschichte der SPD zu raunen, oder sollte man Noske lieber posthum aus der Partei werfen? Ihn gegen möglicherweise ungerechtfertigte Vorwürfe in Schutz nehmen oder seine Handlungen verteidigen? Eine klare Linie hat die Partei in dieser Frage nicht. Nur von Altkanzler Helmut Schmidt ist bekannt, dass er großen Respekt vor Noske habe, weil er die Staatsräson über die Interessen der Partei gestellt habe. Kurt Schumacher hingegen hätte Noske nach dem Zweiten Weltkrieg am liebsten aus der Partei ausgeschlossen, weil der von den Nazis „den Ehrensold“ erhalten habe, während er, Schumacher, zwölf Jahre im KZ gesessen habe. Die SPD ist eben nicht nur eine Partei – sondern viele.

Weit auf dem linken Flügel der SPD steht der Dahlemer Genosse Burkhard Zimmermann. Mit roten Nelken und einer großen SPD-Fahne zieht er seit 1991 immer am zweiten Sonntag im Januar mit einigen Genossen nach Friedrichsfelde. Sieht man ihn, inmitten der Demonstranten, mit seiner SPD-Fahne, stockt einem der Atem. Hier, mit der „Fahne des Verrats“? Passiert sei ihm bisher nichts. Natürlich zischelt mal einer ein böses Wort, etwa „Arbeiterverräter“. Aber das seien die Anhänger einer der marxistisch-leninistischen Großparteien. Viel häufiger kämen vor dem Friedhof alte Ostberliner auf ihn zu und schüttelten ihm die Hand. „Schön, dass ihr hier seid!“ Das rührt ihn.

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