Zeitung Heute : Deutsche Markenbutter im afrikanischen Hotel

Olaf Krohn

Was ist Ökotourismus? Darüber streiten die Gelehrten, doch den Verbrauchern ist das Thema herzlich egal. Umwelt- und sozialverträgliches Reisen, noch vor fünf Jahren ein hoch brisantes Thema, steht heute nicht mehr auf der politischen Tagesordnung. Öko ist out, auch im Urlaub. Mitten im allgemeinen Desinteresse hat die UNO 2002 zum "Jahr des Ökotourismus" erklärt.

Wenn Spitzenpolitiker sich zum Thema Tourismus äußern, dann haben sie vor allem im Sinn, dass die "Bild-Zeitung" Mallorca als siebzehntes deutsches Bundesland betrachtet. Also gab Kanzler Schröder dem UNO-Jahr mit auf den Weg, dass "Massentourismus, der sein soll und sein muss, naturnäher und umweltverträglicher ausgestaltet werden kann". Die raffinierte Phrase spiegelt das Dilemma wider, in dem sich der Ökotourismus von Anfang an befindet: Wir wollen drei Mal im Jahr nach Mallorca jetten, in Tunesien auf saftig grünen Golfplätzen einputten und die Serengeti im Range Rover durchpflügen. Genuss und Event pauschal, jederzeit und möglichst preiswert. Wenn Mallorca eine Öko-Steuer einführt, dann zeigt das Volk der Urlauber mit Umbuchungen auf die Türkei, was es davon hält.

"Das Jahr des Ökotourismus kommt eigentlich zehn Jahre zu spät", glaubt der Autor und Tourismus-Experte Klaus Betz. Damals, 1992, inspirierte der erste UN-Umweltgipfel in Rio auch die Reisebranche zu heftigem Aktionismus. Kaum ein Veranstalter, der nicht einen Umweltbeauftragten nominierte, welcher Malediven-Urlaubern vor dem Sonnenbad Mülltüten in die Hand drückte, damit kein Unrat mehr die weißen Strände befleckte. So belanglos der ökologische Effekt dieser und vieler anderer umweltkosmetischer Aktivitäten auch war: Die Schlagzeilen taten den Unternehmen gut und erteilten Urlaubern Absolution.

"Seitdem hat sich aber auch Einiges getan", sagt Heinz Fuchs von "Tourism Watch" in Bonn. Jedes neue Hotel verfüge inzwischen über eine Kläranlage, ein kleiner Fortschritt, immerhin. Ob im "Jahr des Ökotourismus" ein zweiter Frühling des umwelt- und sozialverträglichen Reisens reifen kann, wird von Experten bezweifelt. Schließlich sind sich Wissenschaftler und Branchenexperten weltweit nicht einmal einig, was unter Ökotourismus genau zu verstehen ist. "In Deutschland steht der Begriff für nachhaltiges Reisen, im englischen und spanischen Sprachraum versteht man darunter schlicht Reisen in die Natur", sagt Klaus Betz.

Internationale Bürgerinitiativen wie das "Third World Network" hegen deshalb den Verdacht, dass das Jahr des Ökotourismus weder zum Nachdenken anregen kann noch für eine kritische Bestandsaufnahme taugt, sondern in erster Linie der forcierten Erschließung weiterer sensibler und abgelegener Regionen für zahlungskräftige Touristen. Behutsamer Umgang mit Wasser, Luft, Boden und den Lebensbedürfnissen der Einheimischen ist damit wohl nicht gemeint. Das Thema "Öko" ist - nicht nur im Tourismus - buchstäblich im Sande verlaufen. Das Jahrzehnt nach Rio entfesselte einen Reiseboom, geprägt von der Maxime "immer öfter, immer exklusiver, immer weiter".

Während die Protagonisten der reinen Lehre noch das umwelt- und sozialverantwortliche Reisen beschworen und eine grüne Bundestagsabgeordnete gar den Verzicht auf Flugreisen propagierte, stürmten Millionen die Charterjets, deren Tickets immer billiger wurden und selbst Kurzreisen in die Karibik günstiger erscheinen ließen als eine Woche daheim zu deutschen Lebenshaltungskosten. Sie haben es sich verdient! Dass man mit einer Flugreise nach Thailand der Atmosphäre mehr Schadstoffe zufügt als mit einem Jahr Autofahren, regt im Jahr 2002 kaum noch jemanden auf oder zum Umdenken an. Dass auf Kreuzfahrten in der Karibik deutsches Bier und deutsche Markenbutter serviert werden statt einheimische Produkte, gilt längst nicht mehr als "politisch unkorrekt", sondern als Qualitätsstandard, den kritische Konsumenten vom Veranstalter einfordern und notfalls einklagen.

Den Urlaub betrachten viele mehr denn je als "Auszeit" von moralischen Standards in der Heimat. Sauftourismus im "Ballermann", Sextourismus in Thailand oder Kenia, Schlemmertourismus in Dritte-Welt-Ländern wirken nachhaltig auch auf die Bevölkerung in den Zielgebieten, wie der Chef des Reiseveranstalters "Atouro" und Vorstandsmitglied im Deutschen Reisebüro- und Reiseveranstalter-Verband (DRV), Rainer Nuyken, weiß: "In den Luxushotels in Tunesien, Marokko und Ägypten oder noch ärmeren Gegenden kommen Gäste an üppige Büffets und beschweren sich, wenn mal ein braunes Blatt im Salat ist. Die einheimischen Hotelangestellten, deren Familien oft in großer Armut leben, stehen daneben. Sie erleben, wie ihr wertvolles Wasser verschwendet wird, damit Golfplätze schön grün sind."

Urlaub ohne Rücksicht auf die "Bereisten" hat nach Nuykens Einschätzung in arabischen Ländern auch dazu beigetragen, dem Islamismus einen Nährboden zu bereiten. Die irrwitzigen Terroranschläge in den USA haben aber von einem Tag auf den andern geschafft, was die Vertreter des sanften, umweltbewussten Tourismus mit all ihren Appellen nie erreichten: Drastisch schrumpfte weltweit die Zahl der Fernreisenden. Millionen Urlauber blieben erschrocken zu Hause oder bemerkten plötzlich, dass es reizvolle Ziele auch in der Nähe gibt, die auf dem Landweg zu erreichen sind. "Mit dem 11. September ist eine Nachdenklichkeit über das Reisen und die Welt in Gang gekommen", sagt Heinz Fuchs von "Tourism Watch" in Bonn. "Das ist ein notwendiger Prozess. Wir müssen lernen, sensible und verantwortliche Entscheidungen zu treffen."

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