Deutsche Oper : Das ist der Gipfel

Der Regisseur Philipp Stölzl gibt sein Berlin-Debüt mit Richard Wagners Frühwerk "Rienzi, der letzte der Tribunen".

Es gibt einen Moment in Philipp Stölzls Inszenierung des "Fliegenden Holländer", in dem einem schier das Herz stehen bleibt. Da soll Senta, die über dem Schmökern in den Abenteuerbüchern der väterlichen Bibliothek zum alten Mädchen geworden ist, nun endlich ihren Bräutigam präsentiert bekommen - und herein kommt statt des Holländers, den jeder opernkundige Besucher an dieser Stelle erwartet, ein schmerbäuchiger Geschäftsmann mit dicker Zigarre, für den die Hand der welken Kapitänstochter nichts anderes ist als Teil eines lukrativen Deals. Man fühlt in diesem Augenblick, wie eine Welt und mit ihr ein Mensch entzweibricht, wie da plötzlich ein unkittbarer Riss aufklafft zwischen der grausamen Wirklichkeit und dem Traum, in dem ein verfluchter Seefahrer auf die Erlösung durch ein treues Frauenherz wartet.

Vor knapp einem Jahr, im vergangenen Januar, hatte diese bislang jüngste Opernarbeit Philipp Stölzls ihre Premiere, und sein "Holländer" hat nicht wenig dazu beigetragen, dass das Theater Basel sich jetzt "Opernhaus des Jahres" nennen darf. Der 42-jährige Wahlberliner, Spross des ehemaligen Berliner Kultursenators und CDU-Vorsitzenden Christoph Stölzl, ist der Shootingstar unter Deutschlands Opernregisseuren: Nach seinem Debüt 2005 mit Webers "Freischütz" am kleinen Meininger Theater engagierten ihn die Salzburger Festspiele vom Fleck weg für Hector Berlioz’ Renaissance-Opus "Benvenuto Cellini", und wenn die Liste seiner Arbeiten noch immer relativ überschaubar ist, liegt das hauptsächlich daran, dass Philipp Stölzl neben dem Inszenieren von Opern noch einen zweiten Beruf hat, der mindestens ebenso viel Zeit frisst.

Madonna, Goethe, Wagner

Denn mit seinem Bergsteigerdrama "Nordwand", in dem Benno Fürmann und Florian Lukas die Hauptrollen spielen, ist der gelernte Bühnenbildner im letzten Jahr auch in die vordere Reihe der deutschen Filmemacher aufgerückt. Seinen dritten Spielfilm, ein Biopic über den jungen Goethe, hat er gerade abgedreht. Und fast sieht es so aus, als sei das Stemmen von Wagners "Rienzi" an der Deutschen Oper für ihn eine Art Entspannung vom stressigen Set.

Er genieße die Arbeit im Musiktheater, wo man sechs Wochen proben könne, bekräftigt Stölzl, "schon bei meiner ersten Opernarbeit habe ich festgestellt, dass mir das liegt: diese Leichtigkeit, die eben auch zulässt, das man sich mal gründlich verrennt und sich für eine Szene eine völlig neue Lösung ausdenken kann". Wobei sich das Verrennen vermutlich in engen Grenzen hält - im Gegensatz zu manchen seiner Kollegen, die erst während der Proben überhaupt auf ihre Ideen kommen, bringt Stölzl aus seiner langen Erfahrung als Spiel- und Werbefilmer wie als Regisseur von Videoclips eben doch genaue Vorbereitung und ein Gefühl für Zeitmanagement mit. Allüren, erklärt er, könne man sich in der Oper ebenso wenig leisten wie bei der Arbeit mit Madonna und Anastacia.

Tatsächlich fällt vor allem die handwerkliche Sichtweise auf, mit der er über seine Arbeit spricht: Stölzl ist kein Theaterzampano oder wortgewaltiger Visionär, sondern bewahrt sich auch für die Meisterwerke der Opernliteratur den kühlen Blick eines Filmregisseurs, der sein Material nach dem Dreh so zurechtschneidet, dass am Ende eine möglichst packende Geschichte erzählt wird. Schon bei seinem Debüt verblüffte dieser unverkrampfte Zugriff, und bei Gounods "Faust" am Basler Theater schob er nicht nur verschiedene Szenen geschickt ineinander, sondern ließ sogar Gretchens berühmte Ballade, "Es war ein König in Thule" weg, weil sie ihm die Lovestory zu sehr aufhielt. Das Publikum hat das bislang nie gestört, im Gegenteil: Die Leute schienen zu spüren, dass der unverkrampfte Umgang mit der Materie bei Stölzl nicht Provokation, sondern nur Ausdruck der tiefen Vertrautheit mit dem bildungsbürgerlichen Kulturgut ist.

Mut zum Weglassen

Durch das Abstreifen von Ballast komme man der musikalischen Essenz eines Stückes manchmal näher, insistiert er: "Bei ,Tristan' würde ich natürlich keine Note weglassen, weil dort die gedehnte Zeit das Wesentliche ist. Aber wenn man sich anschaut, wie Oper im 19. Jahrhundert zu Lebzeiten und mit Billigung der großen Komponisten aufgeführt wurde, merkt man, dass schon damals das Material fast durchweg als kürz- und verschiebbar betrachtet wurde." Auch von "Rienzi" wird in Stölzls Shortcut- Fassung nur gut die Hälfte der ursprünglichen Musik übrig bleiben - schon Richard Wagner selbst sei sich der Mängel seines Dramas über Aufstieg und Fall eines Volkstribunen bewusst gewesen und habe die Oper deshalb auch nicht für Bayreuth zugelassen, argumentiert er. Und dann bräuchte der "Rienzi" eben auch starke Eingriffe, damit die flachen Figuren in der an sich starken Geschichte mehr Profil bekämen: "Das ist ein Stück über einen Diktator und deshalb muss auch die Propaganda und Gewalt einer Diktatur auf der Bühne zu sehen sein - selbst wenn man das so nicht in der Musik findet. Die Geschichte lässt sich jedenfalls problemlos aus dem Mittelalter ins 20. Jahrhundert übertragen. Und ich garantiere, dass niemand aus diesem Abend mit dem Gefühl herausgehen wird, etwas vermisst zu haben."

JÖRG KÖNIGSDORF

Premiere 24.1., 18 Uhr

Weitere Vorstellung 30.1., 19.30 Uhr

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